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Sexismus : Bekämpft die Komplizenschaft!

Der Hollywood-Glanz war einmal: Harvey Weinstein im Februar bei der Oscar-Verleihung. Bild: Reuters

Wieso melden sich Opfer sexueller Gewalt spät oder gar nicht? Die Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen weiß, warum. Sie hat die Macht der Missbrauchtäter à la Weinstein erforscht – und benennt die „Masken der Niedertracht“.

          Warum erst jetzt? Warum schwiegen jene Frauen und Männer, die Harvey Weinstein, James Toback, Michael Fallon oder Kevin Spacey zum Opfer fielen, die sexuell belästigt, begrapscht, erniedrigt, gedemütigt oder sogar vergewaltigt wurden, so lange? Tatsächlich hört man diese Frage immer wieder. Wer sich aber ernsthaft darüber wundert, dass die Opfer, die bislang im stillen Kämmerlein zu verarbeiten versuchten, was ihnen angetan wurde, sich nun plötzlich lautstark Gehör verschaffen, hat nichts verstanden.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Hashtag #metoo, die prominenten Frauen, die sich öffentlich geäußert haben und ihren Peiniger benannten, der Schutz des Kollektivs – erst diese Faktoren zusammen haben einen Sicherheitsraum geschaffen, in dem die Opfer sich trauen, ihr Schweigen zu brechen. Dass sich selbst Frauen wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow erst aus der Deckung wagten und Weinstein der sexuellen Belästigung bezichtigten, als dieser bereits am Boden lag, spricht Bände. Die Angst vor dem Stigma, der Herabwürdigung als hysterisch und hilflos ist offenbar groß. Den Frauen daraus einen Strick zu drehen, ihnen gar zu sagen, früher hätten sich ihre Geschlechtsgenossinnen impulsiv handgreiflich gewehrt, verkennt die veränderten Strukturen unserer Öffentlichkeit.

          Wohl beinahe jede Frau muss im Laufe ihres Berufslebens (und vorher) feststellen, dass sich die Grenzüberschreitungen erschreckend summieren. Natürlich kann man verbale Ausrutscher und anzügliche Gesten nicht mit dem Strafrecht regeln. Aber eine Atmosphäre der Achtsamkeit zu schaffen, in der schon Schlüpfriges, Verfängliches sanktioniert wird – darum sollte es bei der derzeitigen Debatte gehen. Denn überall dort, wo sich männliche Machtstrukturen verfestigen, wo „Sexismus“ gedeihen kann, ist sexuelle Belästigung oft nur ein paar Wimpernschläge vom Herrenwitz entfernt. Idealerweise legt man sich einen Panzer zu, ist schlagfertig und pariert die Anzüglichkeiten. Nur was, wenn es nicht beim geschmacklosen Witz bleibt?

          Der Hollywood-Skandal im Harvey Weinstein löst eine weltweite Debatte aus - unter dem Hashtag #MeToo teilen Frauen ihre Erfahrungen mit Sexismus.

          Sobald es, wie im Fall Weinstein oder Spacey, um diese Spielart des Machtmissbrauchs geht, funktioniert kein Panzer dieser Welt. Die französische Psychoanalytikerin und Opferforscherin Marie-France Hirigoyen hat Ende der neunziger Jahre ein aufsehenerregendes Buch veröffentlicht, in dem sie die subtilen Manipulationstechniken, Verführungskünste und Zerstörungsstrategien von Menschen offenlegt, die andere zu unterwerfen versuchen, um ihr eigenes Ego zu befriedigen.

          Der Tatort kann die Familie sein, die Beziehung – oder eben die Arbeitswelt. Es ist das Buch der Stunde: „Die Masken der Niedertracht“. Die Autorin beschreibt darin den Typus des „perversen Narzissten“. Perverse Individuen seien diejenigen, „die unter dem Einfluss ihres großartigen Ich versuchen, eine Bindung an ein zweites Individuum aufzubauen, indem sie insbesondere mit der narzisstischen Unversehrtheit des anderen den Kampf aufnehmen, um ihn zu entwaffnen. Sie wagen sich auch heran an die Eigenliebe des anderen, an sein Selbstvertrauen, seine Selbstachtung und an seinen Glauben an sich selbst.“ Im übertragenen Sinne betäubt der Täter seine Opfer. Er lähmt sie, stellt sie kalt. Der Aggressor, so Marie-France Hirigoyen, zwingt den anderen in eine Position der Ohnmacht, um ihn dann zu zerstören.

          Dieser Vernichtungsprozess zielt auf die Würde und auf eine Beschädigung der Identität. Oft sind die Folgen traumatisch. Daher rührt auch das Schweigen. Die Stärke der Täter ist ihre Gefühllosigkeit, Empathie ist ihnen fremd. „Sie kennen keinerlei Skrupel moralischer Art. Sie leiden nicht. Sie greifen völlig ungestraft an. Die Wirksamkeit ihrer Angriffe beruht auf der Tatsache, dass die Opfer oder die außenstehenden Beobachter sich nicht vorstellen können, dass man vor dem Leiden des anderen so gefühllos, so mitleidlos sein kann.“

          Marie-France Hirigoyen: „Die Masken der Niedertracht“. Deutscher Taschenbuch Verlag, 18. Auflage, München, 2017, 240 Seiten, br., 9,90,- €

          In Frankreich ist Marie-France Hirigoyen gerade eine gefragte Gesprächspartnerin. In einem kürzlich in „Le Monde“ erschienenen Artikel prangerte sie die gesellschaftliche Heuchelei an und plädierte dafür, nicht weiter die Augen zu verschließen; Machtmissbrauch sei keine Seltenheit: „Wir müssen die männliche Komplizenschaft brechen.“ Kämen in Konzernen Fälle sexueller Belästigung oder Gewalt ans Tageslicht, würden sie oft unter der Hand geregelt und eine interne Lösung gefunden. Nicht selten heißt diese Lösung Schweigegeld. Man kann davon ausgehen, dass Marie-France Hirigoyen, die jahrzehntelange Praxiserfahrung hat und in ihrem Buch etliche Fälle von seelischer Gewalt, von Demütigung, und Machtmissbrauch beschreibt, nicht zur Übertreibung neigt.

          Über Weinstein und Co. liest man täglich neue Scheußlichkeiten, die lehrbuchhaft zeigen, wie Komplizenschaft funktioniert. Darüber, wie man sie bricht, muss gesprochen werden.

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