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Veröffentlicht: 27.01.2013, 17:53 Uhr

Sexismus-Debatte Prüder in Waffen

Angeblich kämpft die Hamburger Illustrierte „Stern“ jetzt gegen den Sexismus. Aber was steht wirklich drin in der Enthüllungsstory mit dem Titel „Der Herrenwitz“? Eine Textanalyse.

von
© dapd Rainer Brüderle, FDP-Fraktionsvorsitzender

Es gibt Sätze, die schreibt einer hin, weil er weiß, was er sagen will, und über die nötigen Begriffe verfügt. Es gibt Sätze, die sind ihrem Schreiber eher unterlaufen, und ihr Sinn enthüllt sich erst, wenn man sie gegen die Intentionen des Autors liest. Und es gibt Sätze wie diesen hier, den ersten Satz der vermeintlichen Enthüllungsgeschichte über Rainer Brüderle, Sätze, die scheinbar ganz einfach sind, und je genauer man sie sich anschaut, desto rätselhafter wird ihr Sinn.

Claudius Seidl Folgen:

“Für mich ist es nicht immer angenehm, 29 Jahre alt zu sein, eine Frau und Politikjournalistin.“ Ja, denkt sich da der Leser, der die folgenden Sätze noch nicht kennt, das Sein ist eine Bürde, die pure Existenz oft genug eine Zumutung, und weil der Mensch sich selbst ja oft genug die größte Last ist, möchte man sagen: für mich auch nicht, für mich ganz und gar nicht - bis einem einfällt, dass man nicht 29 Jahre alt ist, keine Frau und kein Politikjournalist.

Was aber das Sein der Journalistin Laura Himmelreich zur Zumutung macht, das erläutert der zweite Satz: „Das liegt an Männern wie Rainer Brüderle.“ Womit dieses seltsam überflüssige und zugleich nach existentiellem Pathos klingende „für mich“ einen ganz handfesten Sinn bekommt. Für die Autorin ist es nicht angenehm, 29 Jahre und eine Frau zu sein, für andere aber schon, und diese anderen sind Männer wie Rainer Brüderle. Und damit kein Missverständnis entsteht, zeigt der „Stern“ direkt neben diesem Satz ein Foto der Autorin, auf welchem sie so nett und brav und harmlos in die Kamera schaut, dass an der Lauterkeit ihrer Erzählung gar kein Zweifel möglich ist.

Wer quatscht wen an?

So also ist dieser Artikel intoniert; was auf den ersten Blick wie ein holpriger und redundanter Satzbau und übertrieben eitle Bebilderung wirkt, ist in Wirklichkeit dazu da, die Rollen von Anfang an festzulegen. Die junge Frau ist das Opfer, der alte Mann der Bösewicht - und genau so haben den Bericht von Laura Himmelreich selbst jene gelesen, die dem „Stern“ dann vorwarfen, dass er ein Jahr mit der Veröffentlichung gewartet und dann die ganze Sache aufgebauscht habe: Rainer Brüderle, der Fraktionsvorsitzende der FDP, habe vor einem Jahr, in der Nacht vor dem Dreikönigstreffen, in einer Stuttgarter Hotelbar die Journalistin ziemlich dumm und sexistisch angequatscht.

Das Gegenteil steht aber drin in der Geschichte des „Sterns“: Es ist Mitternacht, an der Bar nehmen Politiker und Journalisten zusammen noch ein Getränk - und um die soziale und kommunikative Struktur dieses Beisammenseins richtig einzuschätzen, muss man wissen, dass ein guter Journalist einen guten Bericht übers Dreikönigstreffen schreiben kann, ganz ohne dass er nachts noch an der Bar herumhängen müsste. Auf den Pressekonferenzen, bei den Gesprächen am Rande des Parteitages, bei jedem offiziellen Interview sind die Regeln klar und die Rollen präzise festgelegt.

22969754 © Stern Vergrößern „Mach mit mir, was ich will“: Stern-Cover vom 10.05.2012

Wer um Mitternacht an die Bar geht, weiß, dass jetzt andere Regeln gelten und ein Spiel gespielt wird, bei dem man auch verlieren kann. Was da besprochen wird, ist nicht mehr nur professionell und noch längst nicht privat, die Regeln sind nicht festgelegt, sondern werden situativ ausgehandelt, und der Einsatz besteht darin, dass beide Seiten jene Distanz aufgeben, welche sie normalerweise voreinander schützt.

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