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Sexismus-Debatte Neue Regeln von 2013 an

Sexistische Sprüche können gegen ihre Urheber verwendet werden: Deutschland befindet sich mitten in einer Sexismus-Debatte, in der nicht nur alte Rechtfertigungen diskutiert werden, sondern auch neue Regeln.

Seit sechs Tagen tobt die sogenannte Sexismus-Debatte, sechs Tage sind vergangen, seit Laura Himmelreich, eine Journalistin des „Stern“-Magazins, in einem Artikel schrieb, Rainer Brüderle habe zu fortgeschrittener Stunde an einer Hotelbar mit Blick auf ihre Brüste gesagt, „sie können ein Dirndl ausfüllen“. Seit sechs Tagen hat kaum jemand ernsthaft versucht, den Satz zu verteidigen, den Satz finden alle unangenehm - außer Thüringens FDP-Generalsekretär Patrick Kurth. Was gibt es also zu diskutieren? Das große „Aber“. Ja, aber, warum schreibt Laura Himmelreich erst ein Jahr nachdem sich der Vorfall ereignet hat darüber? Aber was sucht sie als Journalistin nachts an einer Hotelbar? Aber war Rainer Brüderle nicht betrunken? Aber was darf man überhaupt noch sagen?

Julia Voss Folgen:  

Was im Verlauf dieser sechs Tagen alle überrollt hat, ist die Lawine, die der Artikel auf Twitter auslöste: 60.000 Tweets folgten auf einen Aufruf von Anne Wizorek, einer Kommunikationsberaterin, die Frauen bat, ihre Erlebnisse zu schildern - Frauen, die Opfer von sexueller Belästigung in Deutschland wurden. Und plötzlich gibt es nicht nur einen Artikel, sondern eine Debatte.

Aber, aber, aber ....

Und damit zum großen „Aber“: Aber warum erschien der Artikel ein Jahr nach dem Treffen in der Hotelbar? Der erste gute Grund: Weil sich seit der Hotelbarnacht im Januar 2012 in Deutschland einiges verändert hat. Es gab im vergangenen Jahr eine Debatte um die Notwendigkeit einer Frauenquote, und es war gestern Heiner Geißler, der ehemalige CDU-Generalsekretär, der zu Recht beide Debatten miteinander verknüpfte. In einem Interview sagte Geißler mit Blick auf Brüderle, die Diskriminierung von Frauen in Deutschland müsse „endlich abgebaut werden“, und weiter: „Wir brauchen auch die Quote.“ Was beides miteinander zu tun hat? Nun, es ist unwahrscheinlich, dass Frauen schlechter bezahlt werden und seltener in Führungspositionen aufsteigen, dafür aber respektvoll behandelt werden. Wahrscheinlich ist dagegen, dass Frauen schlechter bezahlt werden, schlechtere Aufstiegschancen haben und schlechter behandelt werden.

Nächstes „Aber“: Entwicklungsminister Dirk Niebel etwa wirft dem „Stern“ vor, den Bericht gezielt veröffentlicht zu haben, weil Brüderle zum Spitzenkandidaten ernannt wurde. Was soll man darauf sagen? Richtig, natürlich ist das so. Die Episode liegt ein Jahr zurück, andere, über die Laura Himmelreich ebenfalls schreibt, sind weniger lange her. Journalisten, auch männliche, begleiten Politiker über einen längeren Zeitraum und veröffentlichen ihre Artikel dann, wenn es einen aktuellen Anlass gibt. Laura Himmelreich beschreibt einen Politiker, der zwanghaft Herrenwitze reißt, nicht nur nachts in Hotelbars: Tagsüber bezeichnet er den Euter einer Kuh als „Körbchengröße L“. Laura Himmelreich schließt aus der Summe ihrer Beobachtungen: „Brüderle taugt als Wahlkämpfer nicht für einen neuen Aufbruch.“ Das ist ein legitimer Schluss.

Neue Spielregeln

Ein anderes „Aber“ bezieht sich auf dem Kontext, in dem die Journalistin mit Brüderle sprach, nachts nämlich, an einer Hotelbar. Würden da nicht andere Regeln gelten, für Politiker, für Journalisten? Von „Tabubruch“ sprach FDP-Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki, abendliche Gespräche seien bisher ein von „Vertraulichkeit geschützter Bereich“ gewesen, in dem „schon mal eine lockere und nicht gelungene Bemerkung“ herausrutsche - jetzt müsse er damit rechnen, „dass das gegen mich verwendet wird“. Was soll das heißen: Gibt es so etwas wie eine Geisterstunde, in der sich niemand über Ungeheuerliches wundern darf? Sexismus nach zwölf mit Alkohol ist okay? Rassismus auch, oder der dann doch nicht?

Vielleicht hat Kubicki in einem Punkt recht: Er muss damit rechnen. Es gibt eine gute neue Regel: Sexistische Sprüche können gegen ihre Urheber verwendet werden. Was folgt daraus? Ganz einfach: Man sollte 2013 nicht mehr versuchen, sich mit Journalistinnen über ihre Brüste zu unterhalten. Nicht vor Mitternacht, nicht nach Mitternacht, nicht mit Alkohol, nicht ohne. Die Spielregeln haben sich in nur sechs Tagen geändert, hoffentlich nicht allein im Journalismus. Kubicki kündigte an, er wolle keine Journalistinnen mehr in seinem Fahrzeug mitnehmen. Schaltet sich der Motor ab, wenn nicht über die Brüste der Beifahrerinnen gesprochen wird?

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Es gibt ja noch eine Spielregel, die ist alt: Man kann sich entschuldigen. Der Reiz, Spitzenpolitiker, Vorstand oder Chef zu sein, sollte ja eigentlich nicht darin liegen, dass man Fehler auf andere abwälzen kann, weil man hofft, über ausreichend Macht zu verfügen. Mit dem Wunsch nach einer Führungsposition geht auch Verantwortung für das einher, was man sagt oder tut, spätestens wenn man wieder nüchtern ist. Ja, „nicht gelungene Bemerkungen“ kommen vor. Nur: Die Folge einer derart „nicht gelungenen Bemerkung“ heißt „Entschuldigung“. Die Pressesprecherin von Brüderle, schreibt Laura Himmelreich, habe sich an diesem Abend für ihren Chef entschuldigt. Warum nicht der Chef am nächsten Tag? Warum nicht im Verlauf des Jahres 2012? Vielleicht weil er glaubte, die Spielregeln noch allein bestimmen zu können.

Quelle: F.A.Z.

 
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