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Veröffentlicht: 18.02.2013, 16:42 Uhr

Sexismus an einer Eliteuniversität In amerikanischen Verhältnissen leben

„Political Correctness“ ist das Schreckgespenst der deutschen Debatte über Sexismus: Was passiert wirklich an einer Eliteuniversität, wenn sich eine Studentin gegen die Avancen eines Professors wehrt? Ein Erfahrungsbericht

© mauritius images Traum oder Albtraum? Ein Blick auf eine der typischen efeubewachsenen Eliteuniversitäten in Amerika

Die sogenannte Sexismus-Debatte der letzten Wochen weckte bei vielen Frauen Erinnerungen und ließ die Gefühle hochkochen. Der feministische Aufschrei und mediale Tabubruch wurde begrüßt und bejubelt, belächelt und beschimpft. In der Diskussion tauchte dabei immer wieder die „Political Correctness“ in den Vereinigten Staaten auf, beschworen als Schreckensvision einer überregulierten Gesellschaft, in der Verbote und Misstrauen einen freien Umgang der Geschlechter miteinander unmöglich machten.

Seit einigen Jahren lebe ich in den Vereinigten Staaten, ich bin eine junge Frau um die dreißig und bezeichne mich als Opfer von Sexismus oder, besser gesagt, als Betroffene von gedanklichen und institutionellen Strukturen, die bis heute Frauen erheblich schaden können. Mit allen Strömungen der sogenannten dritten Welle des Feminismus kann ich mich nicht anfreunden, dennoch halte ich meine Geschichte für veröffentlichungswürdig, da sie die Situation von vielen Frauen im akademischen Bereich widerspiegelt. Statt zu schreien, appelliere ich dafür, die kulturgeschichtlichen Dimensionen frauenfeindlichem Verhaltens mit einzubeziehen. Bis heute werden Frauen auch in jenem Berufsfeld benachteiligt, das sich die Aufklärung auf die Fahnen schreibt; fortgeschrieben wird eine Kulturgeschichte der Weiblichkeit, zu deren Überwindung man eigentlich beitragen könnte.

Der umschwirrte Hahn im Korb

Ich spreche aus Erfahrung, denn ich habe aufgrund eines Falles von so genanntem „mild sexual harassment“ meine geisteswissenschaftliche Dissertation an einer amerikanischen Ivy-League Universität um Jahre verzögern und um ein Haar aufgeben müssen. Nur wenige Monate nach meiner Ankunft in der neuen akademischen Welt nahm sich mein aus Deutschland stammender, ehemaliger Doktorvater die Freiheit, auf seine schwere Ehekrise mit Gefühlen für seine Doktorandin zu reagieren, und das, ohne im Geringsten an mögliche institutionelle Konsequenzen zu denken, ohne für seine professionelle Macht, ohne für seinen intellektuellen und pädagogischen Eros Verantwortung zu übernehmen. Heute, nach Jahren der akademischen Sozialisierung, überrascht mich das wenig: Ich kenne professorale Größen meiner Disziplin, die regelmäßig Affären mit von ihnen betreuten, jüngsten Studentinnen frönen oder in weniger drastischer Weise gerne die hübschesten Kandidatinnen für die von ihnen ausgeschriebenen Stipendien und Hilfswissenschaftlerjobs auswählen, um sich als umschwirrter Hahn im Korb zu stilisieren.

Über Disziplingrenzen hinaus sind diese Fälle bekannt und regelmäßig Thema in akademischen Runden, die Kritik bleibt aber aus. Im institutionellen Rahmen fehlt das Interesse daran, das direkte Umfeld des Professors schweigt. Die Professoren selbst sind sich der Konsequenzen ihres Verhaltens für die betroffenen Studentinnen (und Studenten) wohl kaum bewusst, was auch ein Zeichen ihres manchmal zweifelhaften Selbstverständnisses ist. Noch immer sind es mehrheitlich weibliche Studierende, die überwiegend von einer (meist heterosexuellen) männlichen Professorenschaft unterrichtet werden, und fast sieht es so aus, als ob dieser Zustand mit all seinen Folgeerscheinungen als intellektuell gerechtfertigt hingenommen, ja teilweise sogar begrüßt wird.

Denkzettel für flirtfreudige Europäer

Im amerikanischen Klima der „Political Correctness“ liegen die Dinge zunächst anders. In meinem Fall waren die für Studierendenangelegenheiten verantwortlichen Dekane schnell zur Stelle, nachdem ich einzelne Fakultätsmitglieder über das verworrene Arbeitsverhältnis mit meinem Doktorvater informiert hatte. Zunächst wurde ich in mehreren Sitzungen nach dem Protokoll über das föderale und nationale Gesetz gegen „sexual harassment“ aufgeklärt, dann wurde über weitere offizielle Schritte beraten.

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