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Sexismus an einer Eliteuniversität In amerikanischen Verhältnissen leben

 ·  „Political Correctness“ ist das Schreckgespenst der deutschen Debatte über Sexismus: Was passiert wirklich an einer Eliteuniversität, wenn sich eine Studentin gegen die Avancen eines Professors wehrt? Ein Erfahrungsbericht

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Die sogenannte Sexismus-Debatte der letzten Wochen weckte bei vielen Frauen Erinnerungen und ließ die Gefühle hochkochen. Der feministische Aufschrei und mediale Tabubruch wurde begrüßt und bejubelt, belächelt und beschimpft. In der Diskussion tauchte dabei immer wieder die „Political Correctness“ in den Vereinigten Staaten auf, beschworen als Schreckensvision einer überregulierten Gesellschaft, in der Verbote und Misstrauen einen freien Umgang der Geschlechter miteinander unmöglich machten.

Seit einigen Jahren lebe ich in den Vereinigten Staaten, ich bin eine junge Frau um die dreißig und bezeichne mich als Opfer von Sexismus oder, besser gesagt, als Betroffene von gedanklichen und institutionellen Strukturen, die bis heute Frauen erheblich schaden können. Mit allen Strömungen der sogenannten dritten Welle des Feminismus kann ich mich nicht anfreunden, dennoch halte ich meine Geschichte für veröffentlichungswürdig, da sie die Situation von vielen Frauen im akademischen Bereich widerspiegelt. Statt zu schreien, appelliere ich dafür, die kulturgeschichtlichen Dimensionen frauenfeindlichem Verhaltens mit einzubeziehen. Bis heute werden Frauen auch in jenem Berufsfeld benachteiligt, das sich die Aufklärung auf die Fahnen schreibt; fortgeschrieben wird eine Kulturgeschichte der Weiblichkeit, zu deren Überwindung man eigentlich beitragen könnte.

Der umschwirrte Hahn im Korb

Ich spreche aus Erfahrung, denn ich habe aufgrund eines Falles von so genanntem „mild sexual harassment“ meine geisteswissenschaftliche Dissertation an einer amerikanischen Ivy-League Universität um Jahre verzögern und um ein Haar aufgeben müssen. Nur wenige Monate nach meiner Ankunft in der neuen akademischen Welt nahm sich mein aus Deutschland stammender, ehemaliger Doktorvater die Freiheit, auf seine schwere Ehekrise mit Gefühlen für seine Doktorandin zu reagieren, und das, ohne im Geringsten an mögliche institutionelle Konsequenzen zu denken, ohne für seine professionelle Macht, ohne für seinen intellektuellen und pädagogischen Eros Verantwortung zu übernehmen. Heute, nach Jahren der akademischen Sozialisierung, überrascht mich das wenig: Ich kenne professorale Größen meiner Disziplin, die regelmäßig Affären mit von ihnen betreuten, jüngsten Studentinnen frönen oder in weniger drastischer Weise gerne die hübschesten Kandidatinnen für die von ihnen ausgeschriebenen Stipendien und Hilfswissenschaftlerjobs auswählen, um sich als umschwirrter Hahn im Korb zu stilisieren.

Über Disziplingrenzen hinaus sind diese Fälle bekannt und regelmäßig Thema in akademischen Runden, die Kritik bleibt aber aus. Im institutionellen Rahmen fehlt das Interesse daran, das direkte Umfeld des Professors schweigt. Die Professoren selbst sind sich der Konsequenzen ihres Verhaltens für die betroffenen Studentinnen (und Studenten) wohl kaum bewusst, was auch ein Zeichen ihres manchmal zweifelhaften Selbstverständnisses ist. Noch immer sind es mehrheitlich weibliche Studierende, die überwiegend von einer (meist heterosexuellen) männlichen Professorenschaft unterrichtet werden, und fast sieht es so aus, als ob dieser Zustand mit all seinen Folgeerscheinungen als intellektuell gerechtfertigt hingenommen, ja teilweise sogar begrüßt wird.

Denkzettel für flirtfreudige Europäer

Im amerikanischen Klima der „Political Correctness“ liegen die Dinge zunächst anders. In meinem Fall waren die für Studierendenangelegenheiten verantwortlichen Dekane schnell zur Stelle, nachdem ich einzelne Fakultätsmitglieder über das verworrene Arbeitsverhältnis mit meinem Doktorvater informiert hatte. Zunächst wurde ich in mehreren Sitzungen nach dem Protokoll über das föderale und nationale Gesetz gegen „sexual harassment“ aufgeklärt, dann wurde über weitere offizielle Schritte beraten.

Im Rückblick kann ich sagen, dass jene Verhandlungen über meinen Status, über meine mögliche, rechtliche Mitschuld, über die institutionelle Tragweite meines Falles mich zum damaligen Zeitpunkt überforderten. Zu Recht wird den Betroffenen in solch delikaten Zusammenhängen auf den Zahn gefühlt, ein Prozedere, in dem die Grenzen zwischen professionellem und persönlichem Erleben aufgehoben sind und das zwangsläufig unangenehm ist. Gebraucht hätte ich, was zwei Jahre später etabliert wurde: Eine erste Anlaufstelle, in der geschultes Personal zur streng vertraulichen Beratung im Falle des „sexual harassment“ im gesamtuniversitären Kontext zur Verfügung steht. (An meiner schwerreichen Ivy-League-Universität wird das Büro inzwischen von einer einzigen Angestellten sehr erfolgreich geführt; große Budgets sind für eine solche Einrichtung nicht vonnöten.)

Die verantwortlichen Dekane jedenfalls schlugen schließlich vor, von mir gespeicherte E-Mails vor Gericht zu tragen. Ihr grundsätzliches Interesse, ein Exempel gegen aus Europa stammende, als besonders flirtfreudig bekannte Professoren zu statuieren, lässt kulturvergleichend tief blicken. Dazu ist es am Ende allerdings nicht gekommen. In Absprache mit meiner Familie hielt ich das „Beweismaterial“ zurück, um ein jahrelanges Zerren vor amerikanischen Gerichten zu verhindern, um das vorläufige Ende meines Dissertationsvorhabens abzuwehren - und auch das Ende der achtbaren Karriere meines damaligen Doktorvaters. Grauzonen haben ihren Namen verdient; wir sprechen mit Philip Roth nicht zu Unrecht von einem „menschlichen Makel“.

Narzisstische Galanterie oder intellektuelles Lob?

Mit voller Wucht traf mich der darauffolgende Sturm, mit dem ich nicht gerechnet hätte, ebenso wenig wie mit der Zähigkeit alter Klischees. Obwohl ich die Avancen meines Professors zurückgewiesen hatte und es nie zu einer Affäre gekommen war, erlebte ich in den folgenden Jahren die Hitze der Gerüchteküche am eigenen Leib. Von studentischen Neidern wie ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wurde mir die Rolle der Verführerin und Verleumderin nachgesagt. Auf Konferenzen und an Forschungsinstituten wurde ich mit eisiger Kälte geschnitten, wann immer ich von meinen Erfahrungen berichtete. Gerade Frauen legten mir nahe, dass ich „zu hübsch und lebensgewandt“ für den Beruf der Akademikerin sei und mich doch lieber in kreativ-praktischem Milieu ansiedeln sollte. Die Grenzen zwischen Sympathie und professioneller Kooperation, die im akademischen Betrieb häufig verschwommen sind, wurden klar gezogen. Es war knallhartes Kalkül, als Professoren aus politischen Gründen meine Dissertation nicht mehr betreuen konnten und wollten. Man unterstellte mir die Fähigkeit, den mir vorgesetzten Doktorvater wie „ein Kind gelenkt“ zu haben, und machte mir gleichzeitig den Vorwurf, doch selbst „naiv wie ein Kind“ zu sein.

Ein Dekan verbat mir schließlich, auf anhaltenden Druck des betreffenden Professors, jemals wieder über das Ende unseres Arbeitsverhältnisses zu sprechen. Letzterem wurden hingegen nach einer Verwarnung umgehend neue Studenten und Studentinnen zugeteilt - im amerikanischen System ein Zeichen des Vertrauens von Seiten der Fakultät. Ungerechtigkeit, Stigmatisierung und Tabu sind schwer zu schultern, die nachhaltigste Zerstörung war allerdings der tiefe Bruch meines Selbstbewusstseins als denkende und schreibende Geisteswissenschaftlerin. Und genau diese Schwierigkeit, im akademischen Rahmen als junge Frau das ernst gemeinte, für die eigene Entwicklung so wichtige intellektuelle Lob von narzisstischer Galanterie der Professoren zu unterscheiden, werden wohl unterschwellig viele junge Akademikerinnen kennen.

Eine selbst profitierende Muse

Die Aussage eines Vorsitzenden meines Instituts in den Vereinigten Staaten bringt das Dilemma auf den Punkt. Vor der Frauenbeauftragten meiner amerikanischen Universität ließ er verlauten, dass weibliche Studierende (und konsequenterweise wohl auch Professorinnen) die Universität in erster Linie zur Unterhaltung besuchten, mit dem eigentlichen Fortführen wissenschaftlicher Kultur hätten sie nichts zu tun. Auch an der weltberühmten Harvard University äußerte bekanntlich der damalige Präsident Larry Summers Zweifel an der akademischen Tauglichkeit von Frauen und musste deshalb 2006 zurücktreten.

Diese Haltungen decken sich substantiell mit meiner Beobachtung, dass wiederholt die weitestgehend frauenlosen Universitäten der 1950er Jahre heraufbeschworen werden, um dem Problem des „sexual harassment“ zu entgehen und um zu jener naturgemäß männlichen intellektuellen Blüte der Akademie zurückzufinden. Genauso verblüffend ist es, wie die weibliche Ausnahmegestalt einer solchen Männergesellschaft zu einer selbst profitierenden Muse stilisiert wird: Ein mir nahestehender Professor fühlte sich angesichts der Avancen meines Doktorvaters in haarsträubender Romantik beispielsweise an Martin Heidegger und Hannah Arendt erinnert, als sich intellektuell befruchtendes Traumpaar. Der Übergang zwischen intellektueller Bewunderung und erotischer Anziehung ist fließend, das stimmt, damit müssen Akademiker und Lehrer jeglicher Art umgehen - aber doch vor allem deshalb, um es außerhalb der beruflichen Hierarchien ausleben zu können.

Was bleibt, ist die Lücke im Lebenslauf

Meine eigene Unterrichtserfahrung sagt mir, dass die Verantwortung bei den Lehrenden liegt. Und die Lehrenden sind besonders gefragt, denn Studentinnen haben es angesichts einer langen geschlechtsspezifischen Ideengeschichte schwerer, ihre eigenen, kreativ-intellektuellen Stimmen zu finden. Wenn wir heute den Sexismus beklagen, blicken wir auf Bahnen der westlichen Ideengeschichte zurück, die Jahrhunderte zurückreichen. In der Philosophie, Medizin, Biologie oder auch in den Künsten - jede dieser Disziplinen verfügt über eine lange Tradition, in der Frauen systematisch Verstand, Erkenntniskraft, Intellekt oder Kreativität abgesprochen wurde.

Das drastischste Beispiel dieses Frauenhasses gibt Otto Weiningers Schrift „Geschlecht und Charakter“, die zwischen 1903 und 1948 immerhin 28 deutschsprachige Auflagen erfuhr. Weininger konnte im Wiener Intellektuellenmilieu um 1900, aus dem bekanntlich viele Begründer der heutigen geisteswissenschaftlichen Disziplinen stammten, schreiben: „Die Frauen haben keine Existenz und keine Essenz, sie sind nicht, sie sind nichts. Man ist Mann, oder man ist Weib, je nachdem ob man wer ist oder nicht. Das Weib hat keinen Teil an der ontologischen Realität; darum hat es kein Verhältnis zum Ding an sich.“ Die Sätze mögen heute albern klingen, prätentiös, einseitig. Sie sind trotzdem nicht zu unterschätzen, ihren Nachhall habe ich, wie gesagt, schon häufig vernommen.

Der Fragilität meiner Position als Akademikerin bin ich mir nun bewusst. Mein ehemaliger Doktorvater jedenfalls hat sich weiterhin höchst erfolgreich und mit einer neuen, jungen Partnerin etablieren können. Schrittweise erfinde ich mein intellektuelles wie berufliches Leben nach verlorenen Jahren neu. Kein einfaches Unterfangen als junge Frau mit klaffender Lücke im Lebenslauf.

Die Autorin schreibt unter Pseudonym. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

Quelle: F.A.Z.
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