Home
http://www.faz.net/-gsf-770th
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Deutsches Weininstitut

Sexismus an einer Eliteuniversität In amerikanischen Verhältnissen leben

„Political Correctness“ ist das Schreckgespenst der deutschen Debatte über Sexismus: Was passiert wirklich an einer Eliteuniversität, wenn sich eine Studentin gegen die Avancen eines Professors wehrt? Ein Erfahrungsbericht

© mauritius images Vergrößern Traum oder Albtraum? Ein Blick auf eine der typischen efeubewachsenen Eliteuniversitäten in Amerika

Die sogenannte Sexismus-Debatte der letzten Wochen weckte bei vielen Frauen Erinnerungen und ließ die Gefühle hochkochen. Der feministische Aufschrei und mediale Tabubruch wurde begrüßt und bejubelt, belächelt und beschimpft. In der Diskussion tauchte dabei immer wieder die „Political Correctness“ in den Vereinigten Staaten auf, beschworen als Schreckensvision einer überregulierten Gesellschaft, in der Verbote und Misstrauen einen freien Umgang der Geschlechter miteinander unmöglich machten.

Seit einigen Jahren lebe ich in den Vereinigten Staaten, ich bin eine junge Frau um die dreißig und bezeichne mich als Opfer von Sexismus oder, besser gesagt, als Betroffene von gedanklichen und institutionellen Strukturen, die bis heute Frauen erheblich schaden können. Mit allen Strömungen der sogenannten dritten Welle des Feminismus kann ich mich nicht anfreunden, dennoch halte ich meine Geschichte für veröffentlichungswürdig, da sie die Situation von vielen Frauen im akademischen Bereich widerspiegelt. Statt zu schreien, appelliere ich dafür, die kulturgeschichtlichen Dimensionen frauenfeindlichem Verhaltens mit einzubeziehen. Bis heute werden Frauen auch in jenem Berufsfeld benachteiligt, das sich die Aufklärung auf die Fahnen schreibt; fortgeschrieben wird eine Kulturgeschichte der Weiblichkeit, zu deren Überwindung man eigentlich beitragen könnte.

Der umschwirrte Hahn im Korb

Ich spreche aus Erfahrung, denn ich habe aufgrund eines Falles von so genanntem „mild sexual harassment“ meine geisteswissenschaftliche Dissertation an einer amerikanischen Ivy-League Universität um Jahre verzögern und um ein Haar aufgeben müssen. Nur wenige Monate nach meiner Ankunft in der neuen akademischen Welt nahm sich mein aus Deutschland stammender, ehemaliger Doktorvater die Freiheit, auf seine schwere Ehekrise mit Gefühlen für seine Doktorandin zu reagieren, und das, ohne im Geringsten an mögliche institutionelle Konsequenzen zu denken, ohne für seine professionelle Macht, ohne für seinen intellektuellen und pädagogischen Eros Verantwortung zu übernehmen. Heute, nach Jahren der akademischen Sozialisierung, überrascht mich das wenig: Ich kenne professorale Größen meiner Disziplin, die regelmäßig Affären mit von ihnen betreuten, jüngsten Studentinnen frönen oder in weniger drastischer Weise gerne die hübschesten Kandidatinnen für die von ihnen ausgeschriebenen Stipendien und Hilfswissenschaftlerjobs auswählen, um sich als umschwirrter Hahn im Korb zu stilisieren.

Über Disziplingrenzen hinaus sind diese Fälle bekannt und regelmäßig Thema in akademischen Runden, die Kritik bleibt aber aus. Im institutionellen Rahmen fehlt das Interesse daran, das direkte Umfeld des Professors schweigt. Die Professoren selbst sind sich der Konsequenzen ihres Verhaltens für die betroffenen Studentinnen (und Studenten) wohl kaum bewusst, was auch ein Zeichen ihres manchmal zweifelhaften Selbstverständnisses ist. Noch immer sind es mehrheitlich weibliche Studierende, die überwiegend von einer (meist heterosexuellen) männlichen Professorenschaft unterrichtet werden, und fast sieht es so aus, als ob dieser Zustand mit all seinen Folgeerscheinungen als intellektuell gerechtfertigt hingenommen, ja teilweise sogar begrüßt wird.

Denkzettel für flirtfreudige Europäer

Im amerikanischen Klima der „Political Correctness“ liegen die Dinge zunächst anders. In meinem Fall waren die für Studierendenangelegenheiten verantwortlichen Dekane schnell zur Stelle, nachdem ich einzelne Fakultätsmitglieder über das verworrene Arbeitsverhältnis mit meinem Doktorvater informiert hatte. Zunächst wurde ich in mehreren Sitzungen nach dem Protokoll über das föderale und nationale Gesetz gegen „sexual harassment“ aufgeklärt, dann wurde über weitere offizielle Schritte beraten.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kritik am Jurastudium Herr Professor, wo bleibt die Selbstkritik?

In dem Beitrag Das freie Denken kommt zu kurz kritisierte Juraprofessor Peter Oestmann den Aufbau des Studiums, aber vor allem dessen Studenten. Drei widersprechen und wünschen sich einen ungetrübten Blick aus dem Elfenbeinturm. Mehr Von Finn Poll-Wolbeck, Hendrik Völkerding und Florian C.H. Wagner

21.12.2014, 08:00 Uhr | Beruf-Chance
Mexiko City Festnahme nach Verschwinden von Studenten

Der ehemalige Bürgermeister von Iguala und seine Frau sind in Mexiko City festgenommen worden. Sie sollen mit dem Verschwinden von 43 Studenten zu tun haben. Mehr

05.11.2014, 13:01 Uhr | Gesellschaft
Jurastudium Hier geht es um Indianer, nicht um Häuptlinge

Wer das Jurastudium reformieren möchte, sollte sich dabei nicht auf ein idealisiertes neunzehntes Jahrhundert stützen: Eine Gegenrede zum Artikel Das freie Denken kommt zu kurz, von einem Kollegen des Autors. Mehr Von Hinnerk Wißmann

14.12.2014, 09:00 Uhr | Beruf-Chance
Philippinische Tradition Studenten nackt gegen Korruption

In Manila, der Hauptstadt der Philippinen, haben dutzende Studenten gegen Korruption in der Politik protestiert, indem sie nackt über den Campus der Universität gelaufen sind. Dabei ist der Lauf gar nicht so ungewöhnlich, sondern gehört zur philippinischen Tradition. Mehr

12.12.2014, 16:09 Uhr | Gesellschaft
Internetdozent Clay Shirky Multitasking laugt geistig aus

Clay Shirky lehrt in New York den Umgang mit dem Netz und sozialen Medien. Nun hat ausgerechnet er Studenten verboten, in seinen Vorlesungen mobile Geräte zu benutzen. Was die wohl dazu sagen? Mehr

12.12.2014, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.02.2013, 16:42 Uhr

Uli Hoeneß macht einen fatalen Spielzug

Von Jochen Hieber

Für „hervorragende Verdienste“ um den Freistaat und das Volk wird der Bayerische Verdienstorden verliehen. Uli Hoeneß erhielt ihn 2002. Jetzt schickt er ihn zurück. Das zeugt von wenig Sachkenntnis und ist symbolisch fatal. Mehr 75 78