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Leben in der Ostukraine : Der unsichtbare Krieg

  • -Aktualisiert am

Pro-russische Aktivisten vor der von ihnen besetzten Polizeiwache in Slawjansk Bild: AFP

Die Realität ist viel komplizierter und trauriger als die Bilder im Fernsehen: Wir sind in einen echten Krieg hineingeraten. Wie es ist, in diesen Tagen in der Ostukraine zu leben.

          Neuerdings werde ich immer wieder gefragt, wie das Leben im Osten der Ukraine im Moment aussieht. Wie es ist, in diesen Tagen dort zu sein. Ich verstehe, dass unser Bild von der Wirklichkeit immer öfter von Fernsehbeiträgen oder Fotos geprägt wird. Daher nehmen wir die Dinge im Allgemeinen so wahr, wie sie uns nachbearbeitet durch die Nachrichtenagenturen präsentiert werden. Die Realität ist allerdings meistens anders. Sie ist viel komplizierter und trauriger als die Bilder im Fernsehen.

          Seit zwei Monaten ist es unruhig und gefährlich in den Städten der Ostukraine. Begonnen als friedliche prorussische Demonstrationen, haben sich die Aktionen des sogenannten „Russischen Frühlings“ zu einem echten bewaffneten Konflikt entwickelt - mit besetzten Verwaltungsgebäuden, Hunderten von Verletzten (und neulich auch Toten) und einer anberaumten Anti-Terror-Operation der ukrainischen Regierung gegen die Separatisten im Gebiet Donezk. Ich glaube, dass vor anderthalb Monaten kaum jemand solche Entwicklungen voraussehen konnte. Die Anhänger vom „Majdan“, also Menschen, die die ukrainische Revolution unterstützt haben, darunter auch ich, konnten sich Folgendes jedenfalls nicht vorstellen: Dass sie sich nun gegen ihre eigenen Landsleute wehren müssen, die die neue Regierung in Kiew nicht anerkennen und es für möglich halten, im Nachbarland um militärische Unterstützung zu bitten.

          Nach Protesten gegen das Regime, gegen den Präsidenten und seine Clique haben sich die Ereignisse in den Osten des Landes verlagert und zu einem echten gesellschaftlichen Konflikt entwickelt, gewissermaßen einem Bürgerkrieg. Das massenhafte und brutale Zusammenschlagen von „Euromajdan“-Aktivisten durch die Vertreter von „Antimajdan“ in Charkiw, Luhansk und Donezk auf der einen und der „Schandkorridor“ für die Separatisten in Saporischja auf der anderen Seite haben die Proteste in diesen Städten längst von friedlichen Demonstrationen zu Straßenschlachten und allgemeiner Aggression mutieren lassen.

          Wir haben doch so viel gemeinsam

          Was steckt dahinter? Ich glaube, Angst und Verunsicherung. Es ist die Angst, die dich aggressiv macht. Es ist die Verunsicherung, die dich dazu bewegt, in jemandem einen Feind zu sehen, dem du bisher Hunderte Male in der U-Bahn oder im Supermarkt begegnet bist. Ein verunsicherter Mensch akzeptiert bereitwillig ein für ihn geschaffenes Feindbild; er ist eine leichte Beute für Manipulationen unsichtbarer Strippenzieher.

          Ich kann mich sehr gut an die blutige Schlacht um die Gebietsverwaltung von Charkiw am 1. März erinnern, nach der mehr als hundert Bürger der Stadt, hauptsächlich junge Menschen, in die Krankenhäuser eingeliefert wurden. Es war klar, dass die Menschenmasse, die das Gebäude stürmte - einige tausend Männer mit Schlagstöcken und Stichwaffen -, vor allem aus Charkiwer Bürgern bestand, auch wenn sich russische „Touristen“ und professionelle halbkriminelle Schlägertypen daruntergemischt hatten. Es waren Bürger von Charkiw, die zuvor vielleicht noch nie im Leben bei einer Demonstration gewesen waren, sich aber plötzlich von der allgemeinen Hysterie anstecken ließen, dass sich in dem Gebäude „Banderiwzi“ aus der Westukraine befänden. Es kam zu einem regelrechten Pogrom, mit brutalen Misshandlungen junger Charkiwer Bürger. Damals dachte ich noch, dass dieser Hass- und Gewaltausbruch die Situation beruhigen und die Lage etwas entschärfen würde. Ich dachte, die Hitzköpfe werden den Unterschied zwischen Einbildung und Wahrheit bemerken und sich beruhigen. Wir haben doch, dachte ich, so viel gemeinsam: gemeinsame Probleme, gemeinsame Zukunft, und - das Wichtigste - ein gemeinsames Land. Damals, vor anderthalb Monaten, glaubte ich immer noch an einen friedlichen Protest und die Möglichkeit zur Verständigung. Die Realität war allerdings wieder einmal komplizierter und trauriger.

          Irgendwann versuchten sie, eine Schlägerei zu provozieren

          Nachdem ich infolge dieser Auseinandersetzung einige Zeit in einem Warschauer Krankenhaus verbracht hatte, kehrte ich vor zwei Wochen nach Charkiw zurück. Meine Freunde hatten mir erzählt, in der Stadt sei alles ruhig, nur an den Wochenenden gebe es Demonstrationen, dann sei die Stimmung wieder aufgeheizt. Sie sagten, dass prorussische Aktivisten sich ziemlich aggressiv aufführten und dass ich am besten daran täte, den Wochenendsdemonstrationen fernzubleiben. Die Lage im Osten war in der Zwischenzeit noch angespannter geworden - die Separatisten hatten Gebäude in Donezk und Luhansk besetzt. Doch Charkiw wirkte auf mich recht friedlich. Offiziersanwärter standen am Gebäude der Gebietsverwaltung Wache, dessen Fenster zum Teil mit Sperrholz zugenagelt waren - eine Folge der Erstürmung am 1. März. Die Männer standen unter Tannen, manchmal liefen sie zum Laden gegenüber, um Zigaretten zu kaufen. Es erinnerte irgendwie an ein Pfadfinderlager. Warme Tage, das gemächliche Leben einer Millionenstadt, alles friedlich und ruhig. Allein die Tatsache, dass nur fünfzig Kilometer von hier an der Grenze russische Truppen standen, verlieh dem Ganzen ein mulmiges Gefühl, als wäre all die Ruhe trügerisch, als befände man sich in einem Film.

          Am Tag nach meiner Rückkehr, es war ein Sonntag, nahm ich eine bekannte Moskauer Journalistin mit zur „proukrainischen“ Demonstration, die, wie üblich, vor dem Schewtschenko-Denkmal stattfand. Parallel dazu versammelten sich am Lenin-Denkmal Menschen mit roten Fahnen und Sankt-Georgs-Bändern. Eigentlich hatte sich nichts geändert - dieselbe Gegenüberstellung, dieselben Polizeiketten, dieselben Slogans, dieselbe Rhetorik. Es waren auch dieselben Menschen, darunter viele Bekannte, viele Freunde. Irgendwann kam eine Gruppe mit russischen Fahnen vom Lenin-Denkmal herüber. Sie versuchte, eine Schlägerei zu provozieren, doch die Polizei konnte alle rechtzeitig auseinandertreiben. Dann bildeten die „Föderalisten“ eine Kolonne, die sich in Richtung des russischen Konsulats in Bewegung setzte. Das war’s, dachte ich, heute passiert nichts Interessantes. Ich verabschiedete mich von meinen Freunden, ließ meine Bekannte Fotos für ihre Reportage schießen und ging nach Hause.

          Ich weiß, wie barbarisch das klingt

          Etwa zwei Stunden später erhielt ich die ersten Anrufe. Freunde berichteten von einer Massenschlägerei. Die „Föderalisten“ seien zum Schewtschenko-Denkmal zurückgekehrt und hätten die Majdan-Aktivisten angegriffen, die eben dabei waren, nach der Demo die Lautsprecherboxen abzubauen. Sie hätten sie verprügelt, und die Polizei habe schließlich einen Korridor gebildet, durch den die Aktivisten zu einem Wagen kriechen mussten, der sie von dort weg in Sicherheit brachte.

          Ich bin mir nicht sicher, ob diese Szene für den deutschsprachigen Leser verständlich ist. Ich weiß, wie barbarisch und unglaubwürdig das klingt - im Zentrum einer Millionenmetropole, der „intellektuellen Hauptstadt“ der Ukraine, zwingt der aufgebrachte Mob drei Dutzend Landsleute in die Knie, bewirft sie mit Steinen und reißt ihnen die Kleidung weg. Man muss sich das so vorstellen - rote Fahnen und orthodoxe Ikonen, Schlägertypen mit Baseballschlägern und Rentnerinnen, die auch an die umzingelten „Faschisten“ herankommen wollen, die Polizei, die kaum Einfluss hat, und die „Gäste aus Russland“, die professionell ihre Arbeit verrichten. Später berichteten russische und separatistische Medien, dass in Charkiw „friedliche Demonstranten“ Mitglieder des „Rechten Sektors“ in die Knie gezwungen hätten. Unter den Zusammengeschlagenen war auch mein guter Freund Wasja, ein Musiker. Seine Band hatte auf der Demonstration gespielt. Unter anderem einen Song von den Beatles: „All You Need Is Love“.

          In jener Nacht besetzten die Separatisten dann das Gebäude der Gebietsverwaltung und verschanzten sich darin. Die Polizei hinderte sie nicht sonderlich daran. Nun waren sie in dem Gebäude, wie wir es vor anderthalb Monaten gewesen waren. Alles wiederholte sich, von Ruhe und Verständigung konnte nicht die Rede sein.

          Wieder eine Metzelei mit Dutzenden von Schwerverletzten

          Am nächsten Morgen lief ich gegen neun Uhr zur Gebietsverwaltung - über die sozialen Netzwerke hatte ich von einer neuerlichen Demonstration erfahren. Es war zu einer allgemeinen Mobilisierung gegen die „separatistische Bedrohung“ aufgerufen worden. Vor dem Gebäude standen etwa dreihundert Separatisten. Vermummte Männer mit Baseballschlägern. Vor dem Eingang war über Nacht hastig eine Holzbarrikade errichtet worden. Aus den Fenstern des ersten Stockwerks sahen ein paar Frauen heraus. Eine Polizeikette riegelte die Separatisten von Demonstranten mit gelb-blauen Flaggen ab, die sich allmählich auf dem Platz vor dem Gebäude versammelten. Es waren ein paar hundert überwiegend junge Menschen, Frauen, städtische Intelligenzija. Ein totaler Pazifismus. Es sah kein bisschen nach einer allgemeinen Mobilisierung aus. Einwohner einer Stadt, Bürger eines Landes standen sich gegenüber, getrennt durch eine Straße und eine Polizeikette, und sahen sich gegenseitig voller Misstrauen, Groll und Entrüstung an. Es hat keinen Sinn, hier zu stehen, dachte ich, und ging wieder nach Hause. Etwa eine halbe Stunde später stürzten sich dann die bewaffneten Separatisten auf die andere Gruppe. Sie schlugen auf Frauen und Studenten ein. Die Polizei sammelte wie üblich die Verletzten auf. In der darauffolgenden Nacht vertrieben Sicherheitskräfte die Separatisten aus dem Gebäude. Beim Abzug zündeten diese Autoreifen an. Das Gebäude fing Feuer. Etwa sechzig Personen wurden festgenommen.

          Am vergangenen Wochenende gab es wieder zwei Demonstrationen. Ich fühle mich seltsam, wenn ich darüber schreibe. Sie endeten wieder in einer Metzelei, die prorussische Aktivisten anrichteten. Alles genau wie eine Woche zuvor - Blut auf den Bürgersteigen, Dutzende von Schwerverletzten, Krankenwagen, die es kaum schaffen, die Verletzten herauszubringen, Sankt-Georgs-Bänder, Polizisten, die nichts kontrollieren, mit Blut beschmierte Staatsflaggen.

          Dafür ist die Angst keine Rechtfertigung

          Die nächste Demonstration, die am Ostersonntag stattfinden sollte, haben die Majdan-Anhänger abgesagt. Dafür versuchen die Separatisten jetzt, ihre Anhänger über die sozialen Netzwerke maximal zu mobilisieren - das Beispiel der „Donezker Republik“ spornt sie zu weiterer Eskalation an, die Passivität der Sicherheitskräfte heizt die Radikalisierung an. Zwei Monate der Konfrontation. Zwei Monate der Anspannung und Unruhe. Keine Kompromissbereitschaft zu erkennen. Kein Hauch von Versöhnung weit und breit.

          Wir Ukrainer befinden uns heute in einer äußerst komplizierten und dramatischen Lage. Ganz unerwartet für uns selbst müssen wir unser Verhältnis zu unserem Land definieren, zu unserer Unabhängigkeit und - wie pathetisch das auch klingen mag - zu unserem Vaterland. Denn es geht schon lange nicht mehr um bürgerliche Unzufriedenheit oder gesellschaftlichen Widerstand. Es geht um eine reale Okkupation und, auch wenn es traurig ist, um Kollaboration, um die Zusammenarbeit mit der Besatzungsarmee. Ich glaube, das verändert gerade grundlegend die Ansichten vieler, die bisher mehr oder weniger neutral waren. Plötzlich ist klar, dass wir alle etwas zu verlieren und zu riskieren haben. Plötzlich ist klar, dass wir alle ein Vaterland haben. Sei dies auch wirtschaftlich schwach, sozial ungerecht und von Korruption durchdrungen - aber es ist unser Vaterland. Ein anderes haben wir nicht. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit und der gemeinsamen Grenzen erweist sich als viel zu fundamental und zu wichtig, um es leichtfertig zu ignorieren. Denn es ist eine Sache, für die Föderalisierung einzutreten, und eine andere, wenn man dabei Soldaten eines anderen Staates unterstützt. So etwas lässt sich nur schwer mit der Angst vor der neuen Regierung oder mit der Sorge um die russische Sprache rechtfertigen. Ab einem gewissen Zeitpunkt wurde alles viel zu ernst und viel zu gefährlich.

          Ein Krieg, aus dem wir herausfinden müssen

          Wie wir alle dieser Gefahr ausweichen, wie wir sie entschärfen können, ist die Frage, die uns jetzt umtreibt und mit Sorge erfüllt. Diejenigen, die weiter friedlich demonstrieren, und diejenigen, die die Verwaltungsgebäude besetzen. Niemand will hier auswandern, niemand hat die Absicht, sein Haus zu verlassen, alle wollen wir ein ruhiges und friedliches Leben führen. Aber wie geht ein friedliches Leben mit so vielen Schusswaffen?

          Wir sind in einen echten Krieg hineingeraten, der zwar oft unsichtbar ist, (bisher) ohne Luftwaffe und Artillerie geführt wird, aber es ist doch ein Krieg. Ein Krieg, der uns voneinander trennt und uns alle bedroht. Ein Krieg, aus dem wir herausfinden müssen. Am besten zusammen. Am besten, ohne jemanden zurückzulassen oder aufzugeben. Denn so oder so sind wir dazu verdammt, mit derselben U-Bahn zu fahren. Hoffen wir nur, dass diese U-Bahn für uns nicht zum Luftschutzbunker wird.

          Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot

          Quelle: F.A.S.

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