Hautärzte sind inzwischen auch Schönheitschirurgen. Im Wartezimmer fragt man sich irritiert, ob man sich vielleicht in der Tür geirrt hat. Früher waren dort die Wände mit finsteren Abbildungen von Ekzemen, Abszessen und Geschwüren tapeziert. Solche Fotos entdeckt man nach wie vor, nur muss man sie suchen, die vielen Vorher-Nachher-Bilder haben sie verdrängt. Vorher heißt: vor der Botox-Spritze, dem Laser gegen Warzen, Fetteinlagerungen an den Augenlidern, Altersflecken, Krähenfüße. Vor dem Fruchtsäurepeeling. Dem HyaluronFiller. Nachher heißt: Man ist schöner als vorher.
Erstaunlicherweise begrüßen einen Hautärzte noch immer mit den Worten: „Womit kann ich Ihnen helfen?“ Und nicht: „Was kann ich Ihnen verkaufen?“ Genau das versuchen einige offensiv, weshalb Sätze wie „Mich würde der Leberfleck stören“, oder: „Wenn Sie die Botox- mit einer Hyaluronbehandlung kombinieren, gewähre ich Ihnen einen Rabatt“, nicht ungewöhnlich sind. Es ist besser, man leidet nicht an einem offenen Bein. Beim Zahnarzt herrscht dasselbe Perfektionierungsprinzip. Überall lachen einen weiße, gerade Zahnreihen an, und während der Wurzelbehandlung läuft auf dem Bildschirm ein Film über die neueste Bleaching-Methode. Im Moment sind Zahnaccessoires wie funkelnde Steine besonders beliebt.
Marketing für den Kaiserschnitt
Durch „Gala“ und „Bunte“ blätterte man sich einmal, um zu erfahren, wer wen mit wem betrogen, sich in wen verliebt, wen verlassen hat. Jetzt geht es immerzu darum, wessen Figur nach der (Kaiserschnitt-)Geburt am schnellsten aussieht, als wäre nichts passiert. Das Wunder der Perfektion erklären die Stars meist mit einem Hinweis auf ihren Fitnesstrainer. Das Model Karolina Kurkova lief schon nach wenigen Monaten der Geburt des Sohnes über den Laufsteg, was mit Pilates und ballaststoffreicher Nahrung gelungen sein soll. Andere schafften es mit grünem Gemüse, roh oder gekocht, tranken Protein-Shakes und stopften an Omega-3-Fettsäuren reiche Lebensmittel in sich hinein. Man darf jedoch vermuten, dass in nicht wenigen Fällen zusätzlich ein Schönheitschirurg das Fett abgesaugt und die Haut gestrafft hat.
Das Kind per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen ist nicht nur ein Trend in Hollywood. Wer Hebamme werden möchte, sollte es sich anders überlegen, denn die Kaiserschnittrate stieg in den vergangenen Jahren drastisch an. In Deutschland wird jede dritte Geburt per Kaiserschnitt abgewickelt, in Amerika sogar jede zweite, ein Großteil davon ist medizinisch nicht notwendig. Amerikanische Frauenarztpraxen betreiben mittlerweile in Broschüren Marketing für den Kaiserschnitt. Der Werbeslogan lautet: „Save your love channel!“ - Rette deinen Liebeskanal! In Internetforen diskutieren besorgte Frauen über diesen Liebeskanal-Spruch. Sie fragen, ob „nach der Geburt ,untenrum' wirklich alles wieder so wie vorher ist?!“ und nicht doch ein Kaiserschnitt das Sicherste sei?
Mit vierzig kann man die Haut einer Dreißigjährigen haben
Die Angst ist groß, dass ein Kind den Körper beschädigen könnte. Und sie wächst. Die sportive Ausübung der Liebe darf nicht beeinträchtigt werden. Der Körper muss funktionieren und seine Belastung durch eine Schwangerschaft auf ein Minimum reduziert werden. In diesem Sinne stellt die Natur eine Zumutung dar, weil sie uns Freiheiten raubt. Die Idee dahinter ist klar: Im schrankenlosen Wettbewerb kann nur bestehen, wer sich kontinuierlich dem Optimierungsgedanken unterwirft und stets aufs Neue sein Leben und seinen Körper überprüft. Ist es sinnvoll, den Arbeitsplatz zu wechseln? Eine andere Krankenversicherung zu wählen? Das Aktiendepot zu erweitern? Die Falten weglasern zu lassen? Den Po zu straffen?
Der Mensch strebt seit jeher nach einem erfüllten Dasein, einem attraktiven Äußeren, das ist nicht neu. Frauen zwängten sich in absurd enge Taillenkorsetts, die weiblichen Mitglieder eines Bergvolks von Myanmar deformieren absichtlich ihre Schultern, sie tragen schweren Schmuck um den Hals, damit dieser länger erscheint, und in China verschnürte man einst die Füße von Mädchen; je kleiner sie blieben, desto attraktiver waren sie. Heutzutage liften Ärzte eben Gesichter und spritzen Lippen auf. Es ist möglich, mit vierzig die Haut einer Dreißigjährigen zu haben, den Busen, die Schenkel.
Der Körper verkümmert zum Objekt
Vierzig, liest man in Frauenzeitschriften, ist das neue dreißig. Jede Zeit hat ihre technischen Möglichkeiten. Doch die derzeitige Entwicklung ist dramatisch. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zu früher: Der moderne Mensch ist ein Rundumdesigner, dessen Blick nicht nur auf das Äußere fällt, er fällt gleichzeitig nach innen. Wir arbeiten besessen daran, der Natur Grenzen aufzuzeigen, sie auszutricksen, weil wir auch mit ihr im Wettbewerb stehen.
Unsere Lieblingsspielfläche ist der Körper. Wir behandeln ihn, als wäre er ein Auto, das in die Werkstatt gebracht werden muss, um es zu reparieren, fit zu machen für den Winter, den Sommer. Medizin, Wirtschaft und unser Gesundheitssystem beschleunigen den Prozess auf fatale Weise, da an diesem Geschäft hervorragend verdient wird. Dass uns der eigene Körper fremd geworden ist, das ist die logische Konsequenz seiner Verkümmerung zum Objekt. Ohne dass wir es bemerken, verändern sich auch unsere Maßstäbe. Eine ästhetische Normabweichung ist in erster Linie ein Makel und nicht etwas Charakteristisches. Und man kann etwas dagegen tun. Ausnahmen sind hochbezahlte Models, bei denen Glubschaugen und auffällige Leberflecke als interessanter Kontrast zum makellosen Rest interpretiert werden.
Wäre es unverantwortlich, das Kind zu bekommen?
1910 erschien ein Buch mit dem Titel „Die Welt in 100 Jahren“. Es wirft unter anderem einen visionären Blick auf die Medizin: „Wir kennen das Gift ganz genau; wir kennen seine schädigende Wirkung auf uns und unser Geschlecht, aber wir denken nicht daran, uns darum zu kümmern. Der Staat will gesunde Kinder. Er braucht sie. Aber er sorgt nicht dafür, dass die Eltern gesund sind und gesund sein können. Bei den Eheschließungen werden Braut und Bräutigam nach allem Möglichen gefragt, nur nach dem Nötigsten nicht: ob sie gesund sind. Ob nicht der Keim einer sich vererbenden Krankheit in ihnen steckt. Sie werden daraufhin nicht untersucht.“
Beim Frauenarzt geht einem auf, dass dieses Zitat der Wirklichkeit erschreckend nahe kommt. Frauenärzte sind verpflichtet, Patientinnen vom fünfunddreißigsten Lebensjahr an auf die Möglichkeiten der vorgeburtlichen Diagnostik hinzuweisen beziehungsweise dazu zu raten, ihr ungeborenes Kind auf mögliche Gendefekte untersuchen zu lassen. Manche Ärzte setzen Patientinnen, die diese Untersuchung von vornherein ablehnen, unter enormen Druck. Neulich hörte eine Freundin den Satz: „Es ist unverantwortlich, in Ihrem Alter, keine Fruchtwasserpunktion durchführen zu lassen.“ Das Wort „unverantwortlich“ impliziert im Fall eines kranken Kindes bereits eine Entscheidung: Abtreibung. Unverantwortlich wäre es demnach, das Kind zu bekommen. Aber wem gegenüber wäre es das eigentlich? Dem Gesundheitswesen und damit der Gesellschaft, die die Kosten tragen muss und sich kranke Kinder ungerne leistet? Dem Kind, weil dessen Leben als nicht lebenswert eingestuft wird? Sich selbst, da ein behindertes Kind nicht nur viel, sondern alles verändert?
Das Moderne als das moralisch Gute
Man kann den Eindruck bekommen, Menschen mit Down-Syndrom seien aus unserem Straßenbild schon verschwunden. Das wäre paradox, da durch den medizinischen Fortschritt ihre Lebenserwartung und ihr Entwicklungspotential gestiegen sind. Es gibt eine gesicherte Zahl: Mehr als neunzig Prozent der Ungeborenen, die positiv auf Trisomie 21 getestet werden, werden abgetrieben. Es wäre anmaßend, mit dieser Zahl ein moralisches Urteil zu verbinden. Das Problem liegt tiefer. Die Frage ist, wie es um eine Gesellschaft steht, in der sich beinahe alle betroffenen Eltern gezwungen fühlen, sich gegen ihr behindertes Kind zu entscheiden? Wie groß muss ihre Angst vor einem auf Wachstum ausgerichteten System sein, in dem jede Beschränkung als Verlust verbucht wird, der nicht zu kompensieren ist - und wie gering die Unterstützung? Der Druck, für den das Gesundheitssystem maßgeblich verantwortlich ist, lastet auf vielen Eltern so stark, dass sie scheinbar gar keine Wahl haben.
Die Zahl der neunzig Prozent, die wir unter dem Stichwort Autonomie verbuchen, ist ein Skandal, aber sie wird nicht als Skandal benannt. Im Gegenteil. Der Frankfurter Soziologe Tilman Allert vermutet, dass der Grund, weshalb wir immer noch so tun, als stünden wir auf der moralisch richtigen Seite, daher rührt, dass wir die Moderne automatisch mit durchgesetzter Moralität identifizieren. Das Moderne werde als das moralisch Gute begriffen. Das bedeutet nichts anderes, als von einem ästhetischen Niveau der Lebensführung auf die moralische Kategorie zu schließen. 1971 publizierte der „Stern“ den spektakulären Titel „Wir haben abgetrieben“. Unheimlich, sich vorzustellen, er würde in einer Neuauflage einmal lauten: „Wir haben nicht abgetrieben.“
Mutig
Karl-Heinz Burg (khburg)
- 08.03.2011, 12:37 Uhr
von wegen christliche Leitkultur
Paula Pilcher (PaulaPilcher)
- 08.03.2011, 12:41 Uhr
Die Frau wie die Karosse? Und das am Weltfrauentag!
Claus Behrens (chipin)
- 08.03.2011, 12:51 Uhr
Geänderte Verhältnisse, veränderte Moral
Wolfgang Schlage (20thStreet)
- 08.03.2011, 12:57 Uhr
@ mutig
Herbert Frank (HerbertFrank)
- 08.03.2011, 13:15 Uhr