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Selbstfahrende Autos : Die Stadt als Hochrisiko-Teststrecke

Hier setzt sich niemand hinters Steuer: Nicht nur eine gewisse amerikanische Firma verzichtet auf das Nötigste. Bild: Chevrolet

Zum ersten Mal hat ein selbstlenkendes Auto einen Menschen getötet. Das zeigt, wie naiv der Glaube an eine Zukunft in der vollautomatisierten Smart City ist.

          Um zu verstehen, was gerade passiert, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Vor sechzig Jahren präsentierte der Autohersteller Ford eine Idee, an der man länger gearbeitet hatte, den „Nucleon“. Stolz erklärten Ford-Manager bei dessen Vorstellung, dass Autos in Zukunft nicht mehr von einem Verbrennungsmotor, sondern einem kleinen, im Fahrzeugheck zwischen den Hinterrädern aufgehängten Kernreaktor angetrieben werden würden. Technisch, hieß es, sei das bald machbar, eine Füllung werde für 8000 Kilometer reichen, danach müsse der Brennstab an einer Art Tankstelle ausgetauscht werden.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn man das heute hört, hält man es für einen schlechten Scherz: Wie wären die zig Millionen Brennstäbe entsorgt worden? Welche Folge hätten kleine Auffahrunfälle bei Schneeglätte gehabt? Fragen, die sich damals keiner stellte. Stattdessen: begeisterte Politiker, hochinteressierte Atommanager. Vielleicht sind wir gerade wieder an einem ähnlichen Punkt, an dem eine neue, völlig kopflose Technophorie Politiker und Ingenieure jedes Maß verlieren lässt. Vielleicht werden spätere Generationen kopfschüttelnd vor den Filmaufnahmen vom Internationalen Genfer Automobilsalon 2018 stehen, wo Spitzenmanager stolz auf Autos zeigten, in denen es kein Lenkrad mehr gibt, und erregt in die Kameras riefen: „Das ist Level fünf!“ – ein Auto, das weder Pedale noch Lenkrad hat und völlig allein fährt, nur von Algorithmen gesteuert.

          Der Abschied vom Lenkrad

          Jetzt schon kann man sagen, dass der Genfer Salon einen radikalen Bruch markiert: den Abschied vom Lenkrad, das man neben Rädern und Motor bisher für einen wesentlichen Bestandteil eines Autos hielt. Renault präsentierte ein autonom fahrendes Robotertaxi mit einer großen Klappe dort, wo einmal Motor und Lenkrad waren, mit der es, wie ein surreales Krokodil aus einem Jacques-Tati-Film, die Mitfahrer verschluckt. VW will vom Autohersteller zum „Mobilitätsdienstleister“ werden und zeigte ein dosenartiges Mobil namens „Sedric“, in dem sich die Mitfahrer – und es gibt ja nur noch Mitfahrer – wie in einer alten Kutsche gegenübersitzen. Die selbstfahrende Kapsel solle der jungen Generation ein „Fahrerlebnis ohne Fahrerlaubnis“ bieten, heißt es in der Presseerklärung; die ersten selbstfahrenden Fahrzeuge würden bereits 2021 auf den Straßen der Metropolen zu sehen sein. Sie würden helfen, Autos, die sonst nur herumstehen, besser zu nutzen; sie würden die Straßen sicherer und das Fahren bequemer machen.

          Wie schwierig der Weg dorthin ist, zeigte sich schon, als Volvo eine Limousine mit automatischem Bremsassistenten vorstellte. Der Wagen fuhr mit 35 Kilometern in der Stunde auf einen stehenden Lastwagen zu – und knallte, wie man auf Youtube einsehen kann, ungebremst vor den Augen der versammelten Presse in den LKW hinein. Es ist nicht das einzige Dokument, das zeigt, wie dramatisch die theoretisch narrensichere Technik versagt. Was als Farce begann, ist jetzt zu einer Tragödie geworden: In Arizona, wo die Regierung privaten Firmen wie dem Fahrdienst Uber erlaubt hat, selbstfahrende Autos im öffentlichen Verkehr zu erproben, hat ein für Uber fahrender Volvo-Geländewagen die Fahrradfahrerin Elaine Herzberg erfasst; sie starb an den Folgen des Unfalls. Die Versuche mit Roboterautos in Phoenix, Pittsburgh, San Francisco und Toronto wurden daraufhin erst einmal ausgesetzt. Der Uber-Chef Dara Khosrowshahi twitterte in trumphaft superlativistisch-kalter Kürze: „Unglaublich traurige Nachricht aus Arizona. Wir denken an die Familie des Opfers und arbeiten mit den Ermittlern daran zu verstehen, was passiert ist“. Was ist passiert?

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