21.07.2008 · Es gibt in der Geschichte eines Volkes Momente, die eine Zäsur darstellen. Ein solcher Moment ist ohne Zweifel der Freitagnachmittag des 14. Mai 1948 - jenes Tages, an dem das britische Mandat in Palästina endete.
Von Shimon SteinEs gibt in der Geschichte eines Volkes Momente, die eine Zäsur darstellen. Ein solcher Moment ist ohne Zweifel der Freitagnachmittag des 14. Mai 1948 - jenes Tages, an dem das britische Mandat in Palästina endete. Kurz vor dem Schabbat fanden sich die Mitglieder des Nationalrates im Tel Aviv Museum ein und erklärten feierlich: "Wir verkünden hiermit kraft unseres natürlichen und historischen Rechtes und aufgrund des Beschlusses der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Errichtung eines jüdischen Staates im Land Israel - des Staates Israel." David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident, verlas damals die Unabhängigkeitserklärung: "Im Lande Israel entstand das jüdische Volk. Hier prägte sich sein geistiges, religiöses und politisches Wesen. Hier lebte es frei und unabhängig. Hier schuf es eine nationale und universale Kultur und schenkte der Welt das Ewige Buch der Bücher."
Die Unabhängigkeitserklärung meines Staates, die mit diesen Sätzen beginnt, schlug ein neues Kapitel im alten Buch des jüdischen Volkes auf. Bis zu der Zäsur des Jahres 1948 waren Jahrtausende vergangen. Sie standen überwiegend im Zeichen von Verfolgung, Diskriminierung, Erniedrigung. Ihr tiefster Punkt war die Shoa. Doch trotz allem hatten die Juden in der Diaspora große Leistungen vollbracht.
Zufälligerweise sind sechzig Jahre Israel auch 60 Jahre Shimon Stein, denn genau im Jahr 1948 wurde ich geboren. In den sechs Jahrzehnten und ihrer Vorgeschichte spiegelt sich die Biographie des Staates und seiner Entstehung.
Meine Eltern kamen in einer Hochburg deutscher Kultur zur Welt: in Chernowitz in der Bukowina, wo die Dichter Paul Celan und Rose Ausländer geboren wurden und die Juden im kulturellen und wirtschaftlichen Leben eine führende Rolle spielten. In Chernowitz durften sie aber nur die ersten Jahre ihres Lebens verbringen, so wie sich auch der Verlauf der europäischen Geschichte in den vergangenen 200 Jahren mit ihren Höhepunkten und ihren Tiefpunkten in dieser Stadt widerspiegelt: Zunächst gehörte sie zu Österreich-Ungarn, dann zu Rumänien, dann zur Sowjetunion und heute zur Ukraine.
Die Familien meiner Eltern waren keine Zionisten. Von Theodor Herzl, dem Gründer der zionistischen Bewegung, fühlten sie sich nicht angesprochen. Die Familien gehörten nicht der jüdischen Orthodoxie an, aber sie lebten jüdisch. Sie waren nicht assimiliert, aber sie waren vollständig in das Leben der Stadt integriert. Warum sollte Palästina für sie ein Ziel sein? Theodor Herzls Leistung war herausragend, ja historisch einmalig. Das wird gerade vor dem Hintergrund der Ablehnung des Zionismus durch breite Teile des jüdischen Volkes, einschließlich meiner Familie, erst richtig klar. Herzl hat als Jude den europäischen Zeitgeist der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannt und analysiert. Dieser Zeitgeist stand im Zeichen des wachsenden Nationalbewusstseins, der Entstehung des Nationalstaates und auch des zunehmenden Antisemitismus. Herzl zog daraus Schlussfolgerungen.
Viele Juden hatten sich stets um Assimilation oder Integration bemüht. Und trotzdem gelang es ihnen letztlich nicht, von der Gesellschaft angenommen zu werden. Trotz aller Errungenschaften, die die Emanzipation den Juden als Individuen gebracht hatte, hielt die jüngere Geschichte keine Antwort auf die Frage nach der kollektiven jüdischen Identität bereit. Mit anderen Worten: Aus Herzls Sicht bestand das Problem der Juden nicht in ihren Rechten als Individuen. Vielmehr war es notwendig, ihren Status als Volk unter den Völkern anzuerkennen. Dieses Denken war revolutionär. Es stieß nicht nur bei den Juden auf Unverständnis und Widerstand.
Im Jahr 1897 fand in Basel der erste zionistische Kongress statt. Herzl fasste die Bedeutung dieses Treffens mit folgenden Worten zusammen: "In Basel habe ich den jüdischen Staat gegründet. Würde ich es heute laut aussprechen, würde man mich auslachen. Vielleicht in fünf Jahren und sicherlich in fünfzig Jahren werden es alle zugeben." Dieser Satz wurde zum Symbol des zionistischen Vermächtnisses. Er kann als eine Prophezeiung gelesen werden. Wenn wir wollen, so sagte Herzl voraus, dann ist es kein Märchen. Und er behielt recht.
Familie Stein und mit ihr die Mehrheit des europäischen Judentums aber teilte Herzls Auffassung nicht, dass das sogenannte jüdische Problem nur außerhalb Europas gelöst werden könne. Sie hofften vielmehr, dass die antisemitische Welle irgendwann abebbte. So ist es ja schon immer gewesen, dachten sie. In gewissem Maß hatte man sich an Ausgrenzungsbestrebungen und Angriffe gewöhnt, soweit man sich an vieles gewöhnen kann. Aber dieses Mal sollte es anders kommen. Deshalb sei hier einmal der Konjunktiv gestattet: Wäre der Staat Israel schon 1939 gegründet worden und nicht erst 1948, dann hätten Millionen Juden eine Zuflucht finden können. Doch der Konjunktiv hilft nicht weiter. Denn wir wissen, es kam nicht dazu.
Meine Familie also glaubte, dass die Zunahme des Antisemitismus nicht von Dauer sei. Die Zionisten dagegen warben zielstrebig um die Anerkennung der Staatengemeinschaft. Sie wussten, dass das Märchen ohne eine internationale Anerkennung ein Märchen bleiben würde. Gleichzeitig trieben sie den Aufbau der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Institutionen voran. Das trug enorm zum Übergang von der vorstaatlichen Phase zur eigentlichen Gründungsphase des Staates bei. Dieser Punkt ist im Übrigen auch wichtig, wenn wir heute über die Gründung eines palästinensischen Staates sprechen. Ohne zu wissen, wann genau der jüdische Staat gegründet werden könnte, trafen die Juden damals unter der britischen Besatzung alle Vorbereitungen. Die Palästinenser hingegen sind heute von einer solchen Phase auf dem Weg zur Gründung ihres Staates noch weit entfernt.
Viele fragen sich: Wäre es ohne die Shoa zur Gründung des Staates Israel gekommen? Kam das schlechte Gewissen der westlichen Staaten, dass man nicht allzu viel zur Rettung der Juden getan hatte, den zionistischen Bestrebungen zu Hilfe? Ohne Zweifel spielten die Shoa und das schlechte Gewissen eine gewisse Rolle. Aber für mich steht außer Frage: Es ginge an den historischen Tatsachen vorbei, wollte man die Gründung des Staates ausschließlich auf die Shoa zurückführen. Mehr noch: Solches Denken bedient sowohl die arabisch-palästinensische Propaganda als auch die Propaganda derjenigen, die das grundsätzliche Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung in Frage stellen.
Mein Vater und sein Bruder hatten den größten Teil der Familie im KZ verloren. Sie kamen unmittelbar nach dem Krieg nach Palästina. Eine andere Zuflucht gab es für sie nicht: Nach dem Krieg gab es keine Bereitschaft, die Überlebenden aufzunehmen. Das war die bittere Wahrheit. Meine Mutter versuchte, mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Chernowitz zurückzukehren. Naiv, wie sie waren, glaubten sie, man nähme sie dort auf. Zu ihrer Überraschung aber fanden sie ihr Haus besetzt vor. Sie hatten keine andere Wahl, als den Weg nach Palästina zu nehmen. Doch auch dieser Weg war ihnen durch die britische Mandatspolitik und die Quoten versperrt. Nach einem Versuch, illegal ins Land zu gelangen, strandeten sie und mit ihnen zahlreiche Überlebende auf Zypern. Sie waren also wieder im Lager, bis man ihnen 1947 in Palästina Einlass gewährte. Mit einem Koffer kamen sie ins Land. Das war alles, was sie hatten.
Nicht lange konnten sich die Menschen über die Staatsgründung einfach nur freuen. Denn im Land tobte der Krieg. Ohne jede militärische Ausbildung wurde mein Vater eingezogen. 630 000 Juden lebten bei Kriegsausbruch in Israel, 100 000 von ihnen waren Überlebende. Sie wurden von der gesamten arabischen Nachbarschaft und dem Irak angegriffen. Das Ergebnis dieses Krieges ist bekannt, genauso wie die Ergebnisse der anderen fünf Kriege, die Israel in seiner sechzigjährigen Geschichte geführt hat. Genauer gesagt: die wir führen mussten.
Schon in diesem Unabhängigkeitskrieg findet man die Ursachen für den andauernden Konflikt zwischen Israel und der arabischen Welt. Die UN-Resolution vom November 1947 sah die Teilung Palästinas in zwei Staaten vor, einen jüdischen und einen arabischen. Die arabischen Staaten lehnten diese Resolution ab. Die Gründe für diese Ablehnung blieben unklar. Denn wäre es den arabischen Staaten nur um einen Staat für die Palästinenser gegangen, dann hätten sie ihn schon 1947 bekommen können. Oder war die territoriale Frage lediglich ein Vorwand? Besteht der Grund für die Ablehnung der Teilungsresolution und für die daran anschließenden militärischen Auseinandersetzungen darin, dass die arabischen Staaten und die Palästinenser die Legitimität eines jüdischen Staates grundsätzlich ablehnen, in welchen Grenzen auch immer?
Familie Stein - Vater, Mutter, Großmutter, die Schwester meiner Mutter und ich - fing ihr neues Leben in einer Einzimmerwohnung an. Mit Blut, Schweiß und Tränen und unter dem Eindruck der existentiellen Bedrohung ging die jüdische Bevölkerung daran, das zionistische Projekt zu verwirklichen und den Staat aufzubauen. Dabei folgte mein Vater, der aus einer mittelständischen Familie stammte, dem sozialistischen Weg der Selbstverwirklichung im Kibbuz nicht. Er entschied sich, in die Fußtapfen seines Vaters zu treten und Fotograf zu werden. Zu der Zeit aber war es alles andere als einfach, ein Geschäft zu gründen und selbständig zu sein. Denn parallel zu seiner Arbeit musste mein Vater bis zu seinem 50. Lebensjahr mindestens 30 Tage im Jahr Reservedienst leisten.
Daher war es an meiner Mutter, die Verantwortung für das neue Geschäft zu übernehmen. Selbstverständlich war mein Vater nicht der Einzige, dessen Leben so verlief. Bis heute müssen die Israelis jedes Jahr ihrer Pflicht als Reservisten nachkommen. Am härtesten trifft es dabei die Selbständigen. Wegen der Ausübung ihres Dienstes in der Armee setzen sie regelmäßig ihre Firma aufs Spiel.
Als Kind konnte ich die existentielle Bedrohung deutlich spüren. Sie prägte mein Leben. Ich wuchs am Mittelmeer in Netanya auf, einer Stadt, die in den vergangenen Jahren oft vom Terror heimgesucht wurde. Die Stadt liegt im schmalsten Teil des Landes. Die Entfernung zwischen der Küste und der Grenze zu Jordanien im Osten beträgt ganze 15 Kilometer. Daher hatten wir permanent Angst, dass die arabischen Staaten uns überraschend angreifen könnten, dass sie uns besiegen und damit das Ende des Staates Israel besiegeln würden. Wir Israelis wussten von Anfang an: Wir können es uns nie und nimmer leisten, einen Krieg zu verlieren. Eine Niederlage würde das Ende des Staates bedeuten. Dieses Bewusstsein ist in jedem Israeli tief verwurzelt. Mit diesem Bewusstsein bin ich aufgewachsen. Und meine Kinder ebenso.
Diese Angst vor der Vernichtung des Staates war in den Wochen vor dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 deutlich zu spüren. Es war auch die Zeit, als in Europa die sogenannte zweite Generation, der ich altersmäßig auch angehöre, auf die Barrikaden ging. Die Studenten wollten den Staat und die Gesellschaft in ihrem Sinn verändern. Ich diente zu der Zeit schon ein Jahr im Militär und wurde zum ersten und leider nicht zum letzten Mal in meinem Leben als Fallschirmjäger in den Krieg geschickt. In diesem Krieg habe ich Kameraden verloren. Wie jeder Krieg hat er in mir Spuren hinterlassen. Ich erwähne es ungern, aber dennoch sage ich ganz offen, dass es uns damals hart ankam, wenn manche aus der zweiten Generation Europas meinten, uns erklären zu müssen, wie schrecklich ein Krieg mit all seinen Folgen für uns alle, für Juden wie für Araber, sein kann. Weder meine Generation noch erst recht die meiner Eltern bedarf einer Lektion darüber oder auch des erhobenen Zeigefingers. Wir wissen, wie schrecklich Krieg ist, und jeder, der ohne Krieg aufwächst, kann sich glücklich schätzen.
Der Sechs-Tage-Krieg endete mit einem überragenden Sieg gegen all unsere Nachbarn. Manche sehen in ihm die Fortsetzung des Unabhängigkeitskriegs. Er ist aus politischen, aus militärischen und aus innerisraelischen Gründen ein Meilenstein unserer Geschichte. Die politischen und gesellschaftlichen Folgen dieses Krieges werden die israelische Gesellschaft bis zur Beilegung des israelisch-palästinensischen Konflikts begleiten. Unmittelbar nach Kriegsende war Israel 1967 bereit, die eroberten Gebiete zurückzugeben, um im Gegenzug Frieden zu bekommen. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Die Antwort des arabischen Gipfels von Khartum war stattdessen ein dreifaches Nein: Nein zur Anerkennung, Nein zu Verhandlungen, Nein zum Frieden. Kaum war mein obligatorischer Militärdienst zu Ende, kam der Jom-Kippur-Krieg 1973. Von ihm wurden wir überrascht. Beinahe hätte er zu einer Niederlage geführt. Dieser Krieg machte unsere strategische Verwundbarkeit und auch unsere Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten deutlich. Wieder einmal war die Angst um die Existenz spürbar.
60 Jahre Israel - das sind 60 Jahre Streben nach Sicherheit und Frieden, und zwar in dieser Reihenfolge und nicht umgekehrt. Jenseits der politischen Meinungsunterschiede über eine Lösung des Konflikts sind wir Israelis uns darin einig, unsere Stärke und unsere Abschreckungsfähigkeit als Garant für unsere Existenz einzusetzen. Es gibt keinen einzigen demokratischen Staat, der für die Gewährleistung seiner Sicherheit so viel Geld ausgibt wie Israel - der so viel ausgeben muss, denn es handelt sich um Ressourcen, die für andere wichtige Zwecke verwendet werden könnten.
Was das Streben nach Frieden anbelangt, so werde ich nie die frühen Abendstunden eines Tages im November 1977 vergessen, als der ägyptische Präsident Sadat auf dem Ben-Gurion-Flughafen aus dem Flugzeug stieg. Er kam nicht, weil er ein Anhänger der zionistischen Bewegung geworden war. Er kam als Feind. Sein Land hatte mehrfach vergeblich versucht, Israel mit militärischen Mitteln zu besiegen. Nunmehr unternahm er den Versuch, seine territorialen Ziele mit politischen Mitteln zu erreichen. "Nie wieder Krieg, kein Blutvergießen mehr", sagte Sadat in seiner unvergesslichen Rede, die er damals vor der Knesset hielt.
An seinen Forderungen hielt Sadat kompromisslos fest. Israel solle sich aus dem gesamten ägyptischen Territorium zurückziehen. Und Israel war bereit, dieses Risiko einzugehen, das ägyptische Territorium einschließlich der Siedlungen aufzugeben. Warum? Weil Sadat uns von seinem Friedenswillen überzeugte. Wenige Jahre später musste er für die strategische Entscheidung, Frieden mit Israel zu schließen, mit seinem Leben bezahlen. Das stimmte uns Israelis hinsichtlich der Bereitschaft der arabischen Gesellschaften zum Frieden sehr nachdenklich.
Weitere 15 Jahre gingen ins Land und durch die Region, bis es im israelisch-arabischen Konflikt zum zweiten Durchbruch kam - zum Frieden zwischen Israel und Jordanien. Die Jahre waren alles andere als friedlich; die sogenannte erste Intifada brach aus, wegen des Terrors der PLO marschierte Israel im Jahr 1982 in den Libanon ein, in dem sich die PLO als Staat im Staat etabliert hatte, um von dieser Basis aus gegen Israel zu operieren. Isrealische Soldaten blieben dort 18 Jahre lang stationiert. Mehr als 1000 Israelis kamen während dieser Zeit ums Leben, bis es im Jahr 2000 zum ersten einseitigen Rückzug aus dem gesamten libanesischen Territorium kam. Durch einen Rückzug hofften wir, einem Friedensvertrag mit dem Libanon den Weg zu ebnen. Doch das war damals wie heute mehr Wunschdenken als Realität. Damals war es die PLO, die den Libanon geißelte. Heute ist es die Hizbullah. Damals hatte Syrien großen Einfluss, mittlerweile ist Iran hinzugekommen - zwei destruktive Kräfte, die jeden Versuch unterlaufen, die Region zu stabilisieren.
Die Madrider Konferenz Anfang der neunziger Jahre hatte zum Ziel, den arabisch-israelischen Konflikt zu lösen und die regionalen Probleme gemeinsam anzupacken. Sie ist in der Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten. Ich selbst werde sie nie vergessen, denn damals begegnete ich zum ersten Mal als diplomatischer Vertreter direkt arabischen Diplomaten. Sie überzeugten mich, dass ein Dialog letztlich dazu dienen kann, die gegenseitigen Vorurteile abzubauen.
Auch der Oslo-Prozess ist fast in Vergessenheit geraten. Er begann 1993 mit der gegenseitigen Anerkennung Israels und der PLO. In der Geschichte des Konflikts schien dieses Ereignis ein Durchbruch zu sein. Oslo weckte Hoffnungen. Doch mit dem Scheitern des Gipfels von Camp David im Jahr 2000 verblassten auch diese Hoffnungen wieder. Das Scheitern war zugleich der Anfang der sogenannten zweiten Intifada. All diese Entwicklungen ließen die israelische Gesellschaft darüber nachdenken, ob es überhaupt möglich ist, den israelisch-palästinensischen Konflikt in absehbarer Zeit beizulegen. Ministerpräsident Barak hatte ein Angebot auf den Tisch gelegt, das bis heute und auf absehbare Zeit einmalig war und einmalig bleiben wird.
Zu diesem Angebot gehörten die Teilung Jerusalems und der Vorschlag, sich aus 96 Prozent der besetzten Gebiete zurückzuziehen und einen Beitrag zur Lösung des Flüchtlingsproblems zu leisten. Aber es wurde abgelehnt. Deshalb kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass der Ausspruch des legendären israelischen Außenministers Abba Eban zutrifft, der sagte, die Palästinenser hätten nie eine Gelegenheit verpasst, eine Gelegenheit zu verpassen. Das aber könnte in einer Tragödie für die Palästinenser und in einer Tragödie für die Israelis enden.
Eine Lösung des Konflikts wird durch radikale islamische Bewegungen zunehmend erschwert. Terrororganisationen wie die Hamas und die Hizbullah stehen an der Spitze dieser Entwicklung und werden von Staaten wie Iran und Syrien unterstützt. Sie erschweren die Bemühungen der gemäßigten Kräfte der Region und der gemäßigten Palästinenser, die Zwei-Staaten-Lösung in absehbarer Zeit zu verwirklichen.
Mit großer Sorge verfolgen wir das unaufhaltsame Streben Irans, Atomwaffen herzustellen. Es ist noch nicht zu spät, Teheran davon abzubringen. Doch die gegenwärtigen internationalen diplomatischen, wirtschaftlichen und finanziellen Bemühungen sind meiner Meinung nach unzureichend. Eines sollte klar sein: Der Preis, den wir heute bezahlen müssen, ist um ein Vielfaches geringer als der Preis, den wir als Gemeinschaft entrichten müssten, wenn es nicht gelingen sollte, das iranische Atomprogramm zu stoppen. Die atomare Aufrüstung Irans ist nicht nur ein Anliegen Israels, es betrifft uns alle.
Die 41 Jahre der Besatzung und des Terrors haben bei uns Israelis tiefe Spuren hinterlassen. Der Mord am früheren Ministerpräsidenten Rabin im November 1995 durch einen israelischen Terroristen führte uns schlagartig vor Augen, wie tief die Kluft in der israelischen Gesellschaft geworden war. Die einen glaubten an Rabins Weg des historischen Kompromisses und der Bereitschaft, für einen echten Frieden einen territorialen Preis zu zahlen. Die anderen, die dem nationalistischen, manche werden sagen: dem messianischen Lager angehören, trauen den Arabern grundsätzlich nicht. Sie halten darüber hinaus an der Idee eines Großisraels fest.
Heute hat die Mehrheit der Israelis von ihren Träumen Abschied genommen und sich der Realität zugewandt. Diese Mehrheit ist zu der Einsicht gelangt, dass wir den israelisch-palästinensischen Konflikt beilegen müssen, um den jüdischen und demokratischen Charakter unseres Staates zu bewahren. Nicht einig sind wir über die Modalitäten eines Kompromisses.
Der einseitige und bedingungslose Rückzug aus dem Gazastreifen sollte ein Schritt auf dem Weg sein, dieses existentielle Ziel zu erreichen. Die Einwohner der Stadt Sderot und die israelische Bevölkerung entlang des Gazastreifens aber leben bis heute mit den Folgen dieser Entscheidung. Ständig sind sie von den Kassem-Raketen der Terrororganisationen bedroht, die vom Gazastreifen aus operieren. Der einseitige Rückzug aus dem Gazastreifen sollte der erste mehrerer territorialer Schritte im Westjordanland sein. Er sollte den Palästinensern die Chance geben, die Gründung ihres eigenen Staates vorzubereiten. Stattdessen erlebten wir den Wahlsieg der Hamas, deren Ziel es ist, Israel durch Terror zu vernichten.
60 Jahre Israel - das waren und sind immer auch 60 Jahre diplomatische Bemühungen um Anerkennung, um Sympathie, um Unterstützung, um Verständnis. Von Anfang an hat Theodor Herzl gewusst, dass er sein Ziel ohne internationale Unterstützung nicht erreichen kann. Unermüdlich hat er deshalb für seine Idee geworben. Die politische und die moralische Unterstützung der Staatengemeinschaft war für die zionistische Bewegung von zentraler Bedeutung. Sie ist es auch für den Staat Israel. Israels Legitimität wird von seinen Nachbarn und großen Teilen der Staatengemeinschaft nach wie vor in Frage gestellt. Ständig müssen wir als gleichberechtigtes Mitglied der Vereinten Nationen unsere Position verteidigen.
Bei der Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts geht es aber nicht nur um die Gewährleistung von Sicherheit. Es ist für uns von existentieller Bedeutung, den jüdischen und demokratischen Charakter des Staates zu bewahren. Das ist eine Frage unserer Identität: Was bedeutet es heute, Israeli zu sein? Wer sind wir? Die zionistische Bewegung hatte an sich einen säkularen Charakter. Dennoch erkannte Ben Gurion die Notwendigkeit, die religiösen Zionisten bei der Gründung des Staates einzubinden. Nur so könne Israel der Staat aller Juden sein, der religiösen wie der säkularen. Und obwohl die Mehrheit der israelischen Gesellschaft sich als säkular definiert, ist uns klar, dass unsere Identität auch eine religiöse Komponente enthalten muss. Wie genau sich diese religiöse Komponente in unserer Identität gestalten wird, ist allerdings noch offen.
Gerade die Bewahrung des jüdischen und des demokratischen Charakters unseres Staates ist für die Mehrheit der Israelis ein wesentlicher Grund, den israelisch-palästinensischen Konflikt beizulegen. Ist die Verwirklichung dieses Ziels ein Widerspruch in sich, eine Quadratur des Kreises, wie manche meinen? Ich denke nicht. Doch die arabische Minderheit, die etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist anderer Ansicht. Für sie kann Israel erst dann ein demokratischer Staat sein, wenn er auf seinen jüdischen Charakter verzichtet. Wie aber geht die jüdische Mehrheit der Bevölkerung mit dieser Forderung der arabischen Minderheit um? Die Antwort auf diese Frage bleibt abzuwarten.
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