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Schweiz Die Indianer jodeln in ihrer Alpenfestung

14.04.2009 ·  Grüezi und Merci: Dank Peer Steinbrück, der als erster deutscher Politiker seit 1945 kein Blatt vor den Mund genommen hat, ist das Verhältnis der Schweiz zu ihrem großen Nachbarn wieder am Nullpunkt angelangt.

Von Jürg Altwegg, Genf
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Das Schweizer Reality-Fernsehen stellt im kommenden Sommer während dreier Wochen den Zweiten Weltkrieg nach: „Alpenfestung - Leben im Reduit“. Die Männer proben Landesverteidigung. Die Frauen führen eine Neuauflage der historischen „Anbauschlacht“ für die Ernährung. Ambiente, Bunker, Kleider, Waffen, die Nachrichten des „Landessenders Beromünster“, alles soll authentisch sein. Die Geschichte spielt am Vierwaldstätter See, an den Originalschauplätzen des Wilhelm Tell.

Das Reduit ist der Raum in den Alpen, in den sich die Armee im Falle eines deutschen Angriffs zurückgezogen hätte, um in Bunkern und auf Geröllhalden einen kleinen Flecken autonome Schweiz zu verteidigen. In der Nachkriegszeit war es das Symbol für Enge und den Rückzug von der Welt. Drei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer lehnten hundert Prozent der Kantone und drei von vier Eidgenossen einen Beitritt zu den Vereinten Nationen ab. Die Schweiz habe sich aus der Geschichte verabschiedet, kommentierte der Historiker Jean Rudolf von Salis. Im Jahr 1989 war sie das einzige Land der Welt, das den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fünfzig Jahre zuvor feierte - mit der Mobilmachung und dem Einzug ins Reduit.

Die alten Dämonen

Mit dem Ende des Kalten Kriegs begann der Aufstieg der Schweizerischen Volkspartei SVP, die aus der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei hervorging, und eines jungen Politikers namens Christoph Blocher. Die SVP ersetzte Moskau durch Brüssel und mobilisierte nach der Wiedervereinigung die alten Dämonen. 1992 kämpfte sie in der ersten großen Europa-Abstimmung gegen den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum EWR unter dem Slogan „Anpassung oder Widerstand“. Hauchdünn fiel der folgenreiche Sieg aus. Er stellte die Weichen für den Schweizer Alleingang in Europa und löste im Land einen rhetorischen Bürgerkrieg aus. Denn die französische und die italienische Schweiz waren für die Annäherung an Europa. Wenn es damals in der Romandie einen populistischen Politiker vom Schlage Blochers (oder Umberto Bossis) gegeben hätte, wären die separatistischen Tendenzen sehr gefährlich geworden.

Zum fünfzigsten Jahrestag des Kriegsendes fiel der Schweiz kein Grund zum Feiern ein. Doch das brutale Erwachen aus dem „Schlaf der Gerechten“, den einst der Minister und Historiker Chevallaz diagnostiziert hatte, war nicht länger zu vermeiden. Die Schweiz wurde mit den offenen Rechnungen aus der Kriegszeit konfrontiert. Sie geriet auf die Anklagebank der Weltöffentlichkeit, die nicht ohne Schadenfreude auf den Sündenfall der selbstgerechten Kriegs- und Krisengewinnler blickte. Die Auseinandersetzungen um die „nachrichtenlosen Vermögen“ und Lebensversicherungen der Juden rissen Löcher ins Bankgeheimnis, das im Jahr nach Hitlers Machtergreifung im Gesetz verankert worden war. Von „Erpressung“ sprachen die SVP und Blocher. Jegliche Selbstkritik und Vergangenheitsaufarbeitung bekämpften sie mit dem Schweizbild, das ihre Europafeindlichkeit motiviert: allein und unschuldig in dieser Welt, umzingelt von Feinden, die die eidgenössische Freiheit und Eigenart bedrohen.

Wille zur Wiedergutmachung

Trotz des Widerstands der Reduit-Ideologen ging ein Ruck durch die Schweiz. Die Historikerkommission Bergier wurde ins Leben gerufen, um die Verfehlungen aufzuklären. Es gab einen ehrlichen und einen mehr pragmatischen Willen zur Wiedergutmachung. Mit Ausnahme von Adolf Muschg, der über „Auschwitz in der Schweiz“ nachdachte, beteiligten sich die Intellektuellen lustlos an diesem Prozess der Vergangenheitsbewältigung. Tatsächlich hatten sie sich längst mit dem Reduit als geistigem Horizont und dem Verhalten der Schweiz im Krieg befasst, mit der Flüchtlingspolitik und den erschossenen Landesverrätern - ohne jede Wirkung. Gegen Kritik ist das Land immun, es reagiert nur auf Druck von außen: Das war ihr nicht unbegründeter Eindruck.

Als der Druck nachließ, gab die Schweiz sehr schnell wieder der Versuchung nach, die Vergangenheit unter den Teppich zu kehren. Die Schweizerische Volkspartei legte mit fremdenfeindlichen Wahlplakaten, die weltweit für Empörung sorgten, weiter zu und brachte Christoph Blocher in die Regierung. Doch in ihrem Kulturkampf gegen die Öffnung der Schweiz verlor sie entscheidende Schlachten. Das Land trat dem Vertrag von Schengen bei wie zuvor den Vereinten Nationen: mit einem Resultat, das für die Zeit der ideologischen Hegemonie der SVP einen Erdrutsch ausweist.

Egoistisches Lavieren

Die Bilanz der Schweizer Politik gegenüber Europa ist widersprüchlich und eindeutig zugleich. Die Neue Europäische Bewegung (Nebs) hat kürzlich festgestellt, dass die Schweiz ein „Passivmitglied“ der EU ist. Die Anpassung an ihre Normen und Gesetze geschieht als freiwilliger oder „autonomer Nachvollzug“. Ein Mitbestimmungsrecht allerdings gibt es nicht. Und der Ärger über das egoistische Lavieren der Schweiz im europäischen Abseits wird nicht nur in Brüssel immer größer. In der Eidgenossenschaft hat niemand gemerkt, wie das anachronistische Selbstbild des von Feinden und Faschisten umzingelten Landes von außen wirkte. Im zusammenwachsenden Europa wurde die Schweiz zum „Feind im Innern“. Wie stark das Nichtmitglied die Steuerpolitik der EU bestimmte, hat kürzlich ein junger Politologe aufgezeigt.

Eine Krise wie in den dreißiger Jahren, als das Bankgeheimnis nach einer staatlichen Rettungsaktion ins Gesetz kam, konnte niemand voraussehen. Absehbar aber war, dass die Angriffe auf das Steuerparadies nach dem Probelauf der neunziger Jahre wieder losgehen würden. Im Aufbruch der Vergangenheitsbewältigung wäre es möglich gewesen, in die Offensive zu gehen und Lösungen für das Bankgeheimnis durchzusetzen. Die freiwillige und demokratische Abschaffung der Steuerpauschale für vermögende Ausländer in Zürich ist dafür ein Beispiel. Selbst die Auflösung des Bankgeheimnisses hätte möglicherweise eine Mehrheit gefunden. Wer es im Kalten Krieg kritisierte, galt als Landesverräter. Der Nestbeschmutzer Jean Ziegler hat recht bekommen: Was Obama, Merkel, Sarkozy und Peer Steinbrück heute sagen, hat er vor zwanzig und mehr Jahren schon geschrieben.

Die Schonzeit ist vorbei

Abermals reagiert die Schweiz nur auf Druck von außen. Der G-20-Gipfel in London, an dem sie gern teilgenommen hätte, hat gezeigt, dass ihre Lage nun so aussieht, wie es ihr die SVP immer vorgegaukelt hat: Sie ist allein in der Welt, ohne Freunde, dem Zangenangriff der Vereinigten Staaten und Europas ausgeliefert, auf eine „graue Liste“ der Völkergemeinschaft gesetzt. Die Schonzeit zweier Weltkriege ist vorbei. Doch es bleibt nur der „freiwillige Nachvollzug“ - und der Widerstand der SVP, deren Chefideologe Blocher vom Parlament aus der Regierung geputscht wurde: Sie will jetzt das Bankgeheimnis in die Verfassung bringen.

Peer Steinbrück kam da mit seinem Vergleich zwischen Eidgenossen und Indianern gerade recht: Endlich ein Deutscher, der den übelsten Klischees entspricht. Steinbrücks Drohung mit der Peitsche hatte es nur zum Unwort des Vorjahres gebracht. In der Beziehung zu Deutschland spiegelt sich das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit. Als sich die Schweizer kritisch mit ihr zu befassen begannen, wurde ihr Deutschlandbild differenzierter. Während der Weltmeisterschaft 2006 erreichte es einen Höchstgrad an Normalität - mit einem Hauch von Sympathie.

Steinbrück vor Gericht?

Dank Steinbrück erfährt es jetzt eine endgültige Bereinigung. Die Reaktionen hätten grotesker nicht ausfallen können. Der Armeeminister, Blochers SVP-Nachfolger in der Regierung, kündigte die Rückgabe seines Mercedes an. Steinbrück, so wird gefordert, solle wegen Rassismus vor ein Gericht gestellt werden, wie die Leugner des Genozids an den Armeniern. Auch dieses Gesetz ist eine Folge der Vergangenheitsbewältigung. Es wird auf Steinbrück angewendet, weil er den Schweizern das gleiche Schicksal wünsche wie den Indianern: die Ausrottung - eine Endlösung.

Dabei war der deutsche Finanzminister von geradezu ironischer Finesse. Man kann den Volkszorn in der Schweiz über den hässlichen Deutschen nicht aus Angst vor seinen Cowboys, die keiner fürchtet, verniedlichen. Mit den Indianern in ihrem Reservat hat Steinbrück vielmehr das Reduit der Schweizer dem Spott ausgesetzt. Und wohl ebenso ungewollt an Dürrenmatt erinnert, der seinen Landsleuten vorhielt, sie würden freiwillig ein Gefängnis bewohnen. Damit traf er die Schweizer im Herzen ihrer Identität, zu der nun einmal das Bankgeheimnis in der Steueroase gehört. Angesichts der mentalen, kulturellen und historischen Veränderungen, die den Eidgenossen in diesen Wochen zugemutet werden, sind die hysterischen Reaktionen von geradezu beängstigender Harmlosigkeit.

Am Nullpunkt

Dank Steinbrück, der als erster Deutscher seit 1945 kein Blatt vor den Mund nahm, ist das Verhältnis zum großen Nachbarn, das aus Vorurteilen, Klischees und Tabus besteht, wieder am Nullpunkt angekommen. Ein Deutscher wie ein Nazi - und wehrhafte Schweizer, deren Empörung und Hass endlich wieder berechtigt sind. Wenn sie bei Fußballspielen jede Niederlage der Deutschen als eigenen Sieg über Hitler bejubelten, war stets viel Verlogenheit mit im Spiel. Jetzt befasst sich selbst die Eidgenössische Rassismuskommission mit dem Deutschenbild der Schweiz und befindet klipp und klar: Es ist rassistisch, die Deutschen reflexartig mit der Nazivergangenheit gleichzusetzen.

Das Gewitter über der Grenze ist eine Katharsis, und die kollektive Psychotherapie für die traumatisierte Nation bereits programmiert. Im Sommer, wenn sie das „Leben im Reduit“ nachspielen, sollten die Schweizer Peer Steinbrück in ihre Alpenfestung einladen. Und mit ihm ohne Rücksicht auf seine Gesundheit eine Friedenspfeife rauchen.

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Von Martin Otto

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