22.10.2009 · Der Streit um die Schweinegrippeimpfstoffe hat das Impffieber in Deutschland steigen lassen. Politische Tollpatschigkeit und Spekulationswut trieben die Temperatur. Nun muss sich zeigen, ob dieser Fieberschub der ohnehin gedämpften Impflust der Deutschen weiter geschadet hat.
Von Joachim Müller-JungDas Impffieber steigt. Über Wirkverstärker und Impfstoffkonservierung wird plötzlich gestritten, als sei der Anlass, die Pandemie, nebensächlich. Es regiert der Zweifel. Die höchste globale Seuchenwarnstufe wird in einer Art Übersprunghandlung aufgewertet. Mit einer Mischung aus Spekulationswut und politischer Tollpatschigkeit wird die Volksvakzine erfunden, der Ministerimpfstoff beschimpft – und der ausgeklügelte Pandemieplan um ein Haar ausgehebelt.
Nun muss ein Fieberschub nicht grundsätzlich schlecht sein. Im Gegenteil. Speziell nach der Immunisierung gilt, wie jeder weiß, die leichte Entzündung mit erhöhter Temperatur als heilsame Reaktion. Ob der Streit um Adjuvanzien im Schweinegrippeimpfstoff also der ohnehin gedämpften Impflust in der Bevölkerung schadet oder einige vielleicht erst auf den Gedanken gebracht hat, sich impfen zu lassen, wird sich erst noch zeigen. In der ersten Woche, vom Montag an, werden jedenfalls nicht mehr als ein bis anderthalb Millionen Impfdosen gegen das neue H1N1-Virus zur Verfügung stehen. Damit ist zumindest ein Anfang gemacht in dem Vorhaben, wenigstens die Risikogruppen möglichst früh vor der laufenden Infektionswelle zu schützen. Nach den vorausgegangenen Pannen von einem großen Erfolg zu sprechen wäre aber selbst dann nicht angebracht, wenn den Ärzten und Gesundheitsdiensten die Spritzen aus der Hand gerissen würden.
Die Immunisierungsrate ist so hoch wie nie zuvor
Einen bitteren Beigeschmack hat auch der historische Erfolg, von dem seit gestern die Vereinten Nationen sprechen. Ein Bericht von Weltbank, Weltgesundheitsorganisation und Unicef, in dem die Entwicklung auf dem globalen Impfstoffmarkt in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts aufgearbeitet wurde, vermeldet einerseits eine beinahe weltumspannende Trendumkehr: Die Immunisierungsraten sind wieder enorm angewachsen, allein im vergangenen Jahr sind mehr als hundertsechs Millionen Kinder – so viele wie nie zuvor – gegen tödliche Krankheiten geimpft worden, und erstmals in der Geschichte ist die Zahl sterbender Kinder unter zehn Millionen gesunken. Aber auf der anderen Seite steht die Zahl von weiterhin 24 Millionen Kleinkindern, die nicht einmal die Grundimmunisierung im ersten Lebensjahr erhalten.
Eine Milliarde Dollar müsste die Weltgemeinschaft zusätzlich jährlich aufbringen, um diese Lücke zu schließen. Eine Milliarde in einem Markt, dessen Umsatz sich in acht Jahren auf siebzehn Milliarden Dollar verdreifacht hat. Achtzig Prozent davon streichen fünf Konzerne ein, die lediglich vierzehn Prozent der weltweit verteilten Impfstoffe erzeugen. Bei dem weitaus größten Teil, auch dies eine beispiellose Entwicklung, handelt es sich um Billigimpfstoffe, die mittlerweile in den Entwicklungs- und Schwellenländern selbst produziert werden. Schon in zehn Jahren, so prophezeien die Berichterstatter, könnten diese Staaten in der Lage sein, moderne Impfstoffe für den Eigenbedarf komplett selbst herzustellen.
Je erfolgreicher die Kampagnen, desto höher das Risiko
Solchen optimistischen Annahmen gegenüber ist Skepsis angebracht. Denn gleichzeitig tauchen immer neue Vakzine auf den Gesundheitsmärkten auf – mehr als 120 sind es mittlerweile weltweit: solche gegen Rotaviren und Meningokokken etwa, die schon in den ersten Jahren zu teils spektakulären Erfolgen im Kampf gegen lebensgefährliche Durchfälle und Entzündungen führten, aber auch völlig neue und vor allem langfristig wirkende Vakzine wie der erste echte Krebsimpfstoff, der gegen humane Papillomviren gerichtet ist. Achtzig neue Impfstoffe sind bereits in den letzten klinischen Testphasen, dreißig allein gegen neue Erreger.
All diese Fortschritte sind dringend nötig. Die Zahl neuer gefährlicher Keime ist in den vergangenen Jahrzehnten in die Hunderte gestiegen. Das stärkste Argument für die Prävention mit Impfstoffen ist vielleicht der beängstigende Anstieg von Infektionen mit resistenten Erregern, die oft auf keinerlei Medikamente mehr ansprechen. Aber so klug die Vorbeugung deshalb auch ist, so sicher spielt das Risiko stets mit – und zwar umso mehr, je erfolgreicher die Kampagnen sind.
Impfstoffe sind keine Wundermittel
Schwierig wie noch nie werde die Risikokommunikation in der Schweinegrippezeit werden, gab einer der führenden europäischen Infektiologen seinen Kollegen jüngst auf dem Berliner Weltgesundheitsgipfel auf den Weg. Tote und Schwerkranke seien unvermeidlich. Nicht weil man ungewöhnliche Nebenwirkungen erwartet, sondern aus rein statistischen Gründen. Selbst wenn die Vakzine im Einzelfall mutmaßlich nicht die Ursache sein sollte, weil immer wieder gesunde Menschen urplötzlich sterben – allein das bei vielen Millionen Impflingen wahrscheinliche Szenario eines zufälligen zeitlichen Zusammentreffens von Spritze und Tod werde ausreichen, die Spekulationen auf die Spitze zu treiben.
Impfungen laufen deshalb immer wieder Gefahr, dass das in sie gesetzte Vertrauen wieder entzogen wird. Die Krebsimpfung war jüngst ein Beispiel dafür. Wenn es um schnelle Immunisierungsfortschritte geht, ist deshalb auch allzu vielversprechenden Extrapolationen besser zu misstrauen. Impfstoffe sind keine Wundermittel, und Garantiescheine werden mit den Chargen bisher nicht ausgeliefert.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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