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Schweinegrippe Mein Risiko gehört mir

21.10.2009 ·  Eine Klasse für sich: Schwangere müssen selbst entscheiden, ob sie sich jetzt gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Das Misstrauen der Frauen hat seine Berechtigung. Die Medizin gibt auf ihre Fragen keine klaren Antworten.

Von Christina Hucklenbroich
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Christof Schaefer weiß sofort, worum es geht. „Die Gruppe der Impfungen – da verbirgt sich kein Contergan dahinter“, sagt er, ohne dass der Arzneimittelskandal, der den Deutschen seit fast fünfzig Jahren im Gedächtnis haftet, überhaupt erwähnt werden muss. Dem Kinderarzt scheint klar zu sein, dass es keinen Sinn hat, das Wort und das Thema zu vermeiden. Schwangere, die in diesen Tagen das Angebot bekommen, sich gegen die sogenannte Schweinegrippe impfen zu lassen, werden in einen emotionalen Zwiespalt geraten, der immer noch von der kollektiven Erinnerung an die Tragödie in den sechziger Jahren geprägt ist. Der Skandal hat ein Trauma und ein tiefes Misstrauen gegenüber pharmazeutischen Firmen hinterlassen.

Christof Schaefer beschäftigt sich beruflich mit den Ängsten schwangerer Frauen im Hinblick auf Arzneimittel. Er ist Leiter des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie in Berlin. Sein Institut betreibt die Internetseite www.embryotox.de, auf der Schwangere nachschlagen können, welche Auswirkungen Medikamente, die die Mutter einnimmt, auf ein sich entwickelndes ungeborenes Kind haben können. In der Datenbank ist neben klaren Warnungen auch viel von Einzelfallbeobachtungen zu lesen, von zu geringen Studienteilnehmerzahlen und Ergebnissen aus Tierversuchen, die sich nicht so einfach auf den Menschen übertragen lassen.

Schwangere sind eine Klasse für sich

Ähnlich sieht die Situation bei Impfungen in der Schwangerschaft aus. „Es gibt weltweit keinen einzigen Bericht über einen Impfstoff, durch den der Embryo nachweisbar beeinträchtigt wurde“, sagt Schaefer. „Aber ehe wir sagen können, ein Medikament kann bedenkenlos eingesetzt werden in jeder Phase der Schwangerschaft, müssen wir Studien mit Tausenden von Schwangeren vorliegen haben.“ Solche Studien gibt es für Impfstoffe nicht, und es kann sie nicht geben; Schwangere ließen sich bisher gegen die meisten Krankheiten allenfalls versehentlich impfen, bevor sie ihre Schwangerschaft bemerkten, so dass sehr kleine und wenig einheitliche Probandengruppen zustande kamen.

Video: Streit über Schweinegrippen-Impfung

In der öffentlichen Diskussion fiel in den vergangenen Tagen immer wieder der Ausdruck „Zwei-Klassen-Medizin“, wenn es um die Gerechtigkeit bei der Verteilung der unterschiedlichen Impfstoffe ging; Schwangere sind in dieser Debatte eine Klasse für sich. Die Entscheidung, ihnen eine Schweinegrippe-Impfung zu empfehlen oder eher davon abzuraten, fällt selbst der am Robert-Koch-Institut angesiedelten Ständigen Impfkommission (Stiko) schwer. „Wir haben keinen Anhaltspunkt, dass die Impfung gegen die Schweinegrippe für Schwangere gefährlich ist, aber es gibt auch keinen Beweis, dass sie es nicht ist“, sagt Ulrich Heininger, stellvertretender Vorsitzender der Stiko. Die Kommission hat sich fürs Erste auf folgende Empfehlung zurückgezogen: Schwangere sollten bis zum Vorliegen weiterer Daten mit einem nicht adjuvantierten Spaltimpfstoff geimpft werden, allerdings vorzugsweise erst ab dem zweiten Trimenon.

Über die Risiken von Impfungen für Schwangere gibt es keine Studien

Damit ist die Entscheidung vertagt: Der Impfstoff Celvapan, der unter anderem für die Bundeswehr angeschafft wurde, ist zwar nicht adjuvantiert, aber auch kein Spaltimpfstoff, sondern ein „Ganzvirusimpfstoff“ und somit auch nicht gut für Schwangere geeignet. Der Impfstoff Pandemrix, den ausgewählte Bevölkerungsgruppen, darunter medizinisches Personal, Schwangere und chronisch Kranke, sich ab Montag spritzen lassen können, besteht aus abgetöteten Virusteilen, ist also ein Spaltimpfstoff, wird aber ergänzt durch ein Adjuvanz, einen Zusatz, der die Wirkung verstärkt. Das Adjuvanz setzt sich aus Squalen, einer Verbindung aus der Haifischleber, Polysorbat 80, einem in der Lebensmittelindustrie häufig gebrauchten Emulgator, und Vitamin E zusammen. „Jeder Bestandteil für sich ist kein Problem, aber in der Kombination in den Muskel gespritzt, ist das Ganze noch nicht erforscht“, sagt Christof Schaefer. Jetzt wird diskutiert, einen Spaltimpfstoff ohne Adjuvanz, wie er beispielsweise in den Vereinigten Staaten gebräuchlich ist, für Schwangere zu bestellen.

Die Stiko zögert vor allem, Schwangeren zu Pandemrix zu raten, weil der mit dem Adjuvanz gestreckte Impfstoff eine stärkere Begleitreaktion hervorrufen kann, darunter auch Fieber. „Es gibt vereinzelte, aber bisher noch unbestätigte Hinweise darauf, dass Fieber sich zum Nachteil des Ungeborenen auswirken könnte“, sagt der Virologe Hartmut Hengel, Mitglied der Stiko. So ergab eine ungarische Studie vor einem knappen Jahr, dass eine hochfieberhafte Erkrankung der Mutter im zweiten oder dritten Schwangerschaftsmonat verschiedene Fehlbildungen des Fetus nach sich ziehen kann, darunter Neuralrohrdefekte und Gesichtsanomalien.

Allerdings ist hohes Fieber gerade dann zu erwarten, wenn eine Schwangere sich wirklich mit dem Schweinegrippevirus infiziert. Was die Erkrankung für das ungeborene Kind bedeuten könnte, versuchten norwegische Wissenschaftler vor einem Monat in den „Annals of Neurology“ zu klären. Ihre Studie zeigt, dass Rekruten, die sechs bis neun Monate nach dem Ausbruch der Hongkong-Grippe von 1969 geboren wurden, eine geringere Intelligenz aufwiesen als andere Geburtsjahrgänge. Schaefer rät allerdings dazu, die Untersuchung mit Vorsicht zu interpretieren: „Da gibt es insgesamt zu viele Faktoren, die ebenfalls Einfluss genommen haben können.“

Ärzte legen sich in solchen Angelegenheiten ungern fest

Für die Schwangeren selbst jedenfalls scheint eine Schweinegrippe-Erkrankung ein höheres Risiko zu bergen als für die Normalbevölkerung. Schon Ende Juli schrieb ein amerikanisches Wissenschaftlerteam im Fachmagazin „The Lancet“, schwangere Frauen würden bei einer Schweinegrippe-Infektion viermal so häufig ins Krankenhaus eingewiesen wie die Normalbevölkerung. Ob das tatsächlich ein Hinweis auf eine erhöhte Komplikationsrate ist, sei aber noch dahingestellt, räumten die Forscher ein. Immerhin sei davon auszugehen, dass Ärzte Schwangere in jedem Fall schneller in ein Krankenhaus überweisen. Allerdings verzeichnete die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC von Mitte April bis Mitte Mai 2009 sechs Todesfälle bei Schwangeren, die an Schweinegrippe erkrankt waren. Diese sechs Frauen entwickelten eine Lungenentzündung und mussten künstlich beatmet werden. Auch in Deutschland wurde schon ein schwerer Fall bekannt: Eine Einundzwanzigjährige lag mit Lungenversagen im Uniklinikum Essen; sie war in der zwanzigsten Woche schwanger, als sie erkrankte. Wieder genesen, berichtete die Frau in einer Fernsehreportage von ihrer Krankheit. „Die Patientin hatte keine Risikofaktoren außer der Schwangerschaft“, sagt Jürgen Peters, Leiter der Intensivmedizin der Uniklinik Essen.

Auch die Daten aus Amerika zeigen, dass selbst zuvor gesunde Frauen mit schweren Komplikationen zu kämpfen hatten. Die Impfexperten unterscheiden trotzdem noch immer zwischen Frauen mit Vorerkrankungen und gesunden Schwangeren. „Einer Frau, die jetzt in der vierzehnten Woche schwanger ist und keine Grunderkrankungen hat, sportlich und vital ist, würde ich zum Abwarten raten“, sagt Christof Schaefer. „Einer chronisch Kranken, deren Schwangerschaft schon ohne Grippeinfektion durch ausgeprägtes Asthma oder eine Herzschwäche beeinträchtigt ist, würde ich empfehlen, sich schon jetzt mit den verfügbaren Impfstoffen zu schützen.“

Wer wägt hier für wen ab?

Die Stiko äußert sich weniger konkret. Befragt man Mitglieder des Gremiums einzeln nach dem empfohlenen Vorgehen für Schwangere mit einem besonderen Risiko, fallen immer wieder Wendungen wie „im Einzelfall entscheiden“, „Nutzen-Risiko-Analyse“, „mit dem Arzt ein individuelles Vorgehen absprechen“.

Doch auch Ärzte legen sich in solchen Angelegenheiten ungern fest. Wer sich etwa gegen Röteln impfen lässt, unterschreibt ein Aufklärungsblatt, auf dem es heißt, man solle möglichst nicht schwanger sein und es auch in den folgenden Wochen nicht werden. „Eine Impfung in der Schwangerschaft oder eine Schwangerschaft nach der Impfung ist aber kein Grund für einen Schwangerschaftsabbruch“, heißt es dann. Wer aber wägt hier für wen ab? „Diese Formulierung könnte auch von unserer Einrichtung stammen“, sagt Schaefer. „Wenn wir uns so ausdrücken, dann heißt das, dass es keine Studien gibt, die zeigen, dass der Fetus keinen Schaden nimmt, dass die Impfung aber höchstwahrscheinlich keine Auswirkungen auf ihn hat.“

Planvolle Impfungen gegen Infektionskrankheiten, bei denen auch größere Gruppen von Schwangeren einbezogen wurden, gab es bisher selten. In den Vereinigten Staaten wird Schwangeren schon seit längerem die Impfung gegen die saisonale Grippe empfohlen; das Interesse der Schwangeren soll aber eher mäßig sein. Das Misstrauen von Frauen, die ein Kind erwarten, hat seine Berechtigung. Entscheiden können sie am Ende immer nur selbst.

Schwangere, die sich für eine Impfung entscheiden, können sich für ein Surveillance-Projekt beim Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie melden und werden im Gegenzug umfassend beraten: www.embryotox.de.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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