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Kita verbannt Kinderbuch : Ist Pippi Langstrumpf rassistisch?

Rassistische Wortwahl? Die Bezeichnung „Negerkönig“ wird Astrid Lindgren zum Nachteil ausgelegt. Bild: Frank Röth

An Formulierungen in der Literatur, die heute als rassistisch gelten, scheiden sich die Geister. Eine schwedische Kita verbannt nun Pippi Langstrumpf wegen des Wortes „Negerkönig“.

          Wenn eine Anzeige bei der Polizei eingeht, weil Kinder in einem öffentlichen Gebäude gefährdet sind, kann man sich mit einigem Recht Sorgen machen. In der Stadtbibliothek im südschwedischen Borås randalierten aber keine Gewalttäter oder Geiselnehmer. Eine Hortgruppe, so berichtet die schwedische Zeitung „Expressen“, wurde von einem aufmerksamen Bibliotheksbesucher dabei beobachtet, wie sie einem „Pippi Langstrumpf“-Hörspiel lauschte. Der Besucher, ein Pädagoge, nahm besonders Anstoß an dem Wort „Negerkönig“, mit dem Pippis Vater, der Kapitän Efraim Langstrumpf, dort bezeichnet wurde. Und alarmierte die Polizei wegen Volksverhetzung.

          Das berührt eine Diskussion, die seit einigen Jahren über das Werk Astrid Lindgrens und anderer Kinderbuchautoren geführt wird. Weil in der von 1945 an publizierten Romantrilogie um Pippi Langstrumpf, „das stärkste Mädchen der Welt“, wiederholt das Wort „Neger“ vorkommt, wurden die Bücher als „rassistisch“ bezeichnet. Den Forderungen, das Wort zu entfernen und die Bücher damit umzuschreiben, gab der deutsche Verlag Oetinger nach, der an dieser Stelle nun „Südseekönig“ schreibt. Auch im schwedischen Original wurde der Begriff nach Astrid Lindgrens Tod geändert. Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“, in der früher von einem „Negerlein“ die Rede war, ist heute ebenfalls in einer bereinigten Version erhältlich.

          Änderung der originalen Wortwahl ist umstritten

          Wer sich dagegen ausspricht, kriegt garantiert Beifall von der falschen Seite, nachzulesen in den Kommentarspalten diverser Artikel, die zu diesem Punkt online erschienen sind. Von „Sprachpolizei“ ist da gern die Rede, dass man sich den Mund doch nicht verbieten lasse, auch weiterhin sein „Zigeunerschnitzel“ bestellen werde und dergleichen mehr. Jenseits solcher Äußerungen besteht glücklicherweise die Übereinkunft, dass das Wort „Neger“, heute verwendet, als grob beleidigend empfunden wird und dass der Gebrauch zumindest sehr unhöflich ist. Umstritten ist aber, wie mit Kunstwerken umzugehen sei, die zu einer Zeit entstanden sind, in denen das Wort anders konnotiert war. Muss man tatsächlich daran erinnern, von welchem zutiefst humanistischen Geist Astrid Lindgrens Bücher geprägt sind, um es lächerlich zu finden, sie als Rassistin zu bezeichnen?

          Ist es zu weit hergeholt, wenn man auf die außerliterarische Quelle für die Romanfigur Efraim Langstrumpf verweist, einen schwedischen Abenteurer, der sich vor gut hundert Jahren in der Südsee unter der einheimischen Bevölkerung eine Existenz aufbaute und dafür in den schwedischen Zeitungen, für die auch die junge Astrid Lindgren arbeitete, als „Negerkönig“ bezeichnet wurde? Geht es zu weit, Respekt vor einem Kunstwerk zu fordern, das man in der Form nimmt, wie es eben ist, und den Anstoß, den die heutige Lektüre gibt, möglicherweise als produktiv zu sehen?

          Diese Diskussion betrifft längst nicht nur den Bereich des Kinderbuchs, wie die Aufregung um Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“ aus dem Jahr 1951 zeigt, das 2011 an der Südfassade einer Berliner Hochschule angebracht wurde und nun abgehängt werden soll (F.A.Z. vom 5. September). Während man aber hier noch diskutiert und von Gomringer nicht verlangt wird, er möge sein Gedicht umschreiben, während kurz vor den Feiern zu Heinrich Bölls hundertstem Geburtstag kein Mensch auf den Gedanken käme, aus seinem Werk das dort selbstverständlich gebrauchte N-Wort zu entfernen, sind Kinderbuchverlage längst dabei, ihre Klassiker entsprechend zu bearbeiten.

          Astrid Lindgren in den vierziger Jahren.
          Astrid Lindgren in den vierziger Jahren. : Bild: Picture-Alliance

          Die Sache bekommt hier schon dadurch eine andere Note, dass es sich bei den Rezipienten um Kinder handelt. Die Leiterin des Horts jedenfalls sprach von einem traurigen Vorfall und meinte damit nicht die Anzeige, sondern die Tatsache, dass die Kinder ihrer Einrichtung dem Pippi-Langstrumpf-Hörspiel ausgesetzt worden seien. Dies entspräche nicht den Werten ihrer Einrichtung, sagte sie, und dass sie die Abläufe im Hort überprüfen werde, damit so etwas nicht wieder vorkäme. Schuld sei im Übrigen die Bibliothek – sie, die Hortleiterin, sei davon ausgegangen, dass dort keine Medien ausgegeben würden, die für Kinder nicht geeignet seien.

          Diese Forderung, konsequent umgesetzt, verlangt dreierlei: zunächst eine strikte Trennung zwischen den Altersbereichen innerhalb der Bibliotheken, damit Zehnjährige die Finger von Jugendbüchern lassen, die sie verstören könnten (und natürlich Personal, das diese Trennung auch überwacht). Zweitens eine ständige Neubewertung älterer Medien hinsichtlich der Frage, ob sie heutigen sprachlichen Gepflogenheiten standhalten – die „Pippi“-CD ist zehn Jahre alt. Drittens – und vielleicht am wichtigsten: einen gesellschaftlichen, ebenfalls immer neuen Konsens, was zumutbar ist und was nicht. Die schwedische Justiz mochte die Anzeige nicht weiterverfolgen. Offenbar ist die Vorstellung, Astrid Lindgrens Werke müssten, so, wie sie geschrieben wurden, weggesperrt werden, durch kein Gesetz gedeckt.

          Quelle: F.A.Z.

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