08.05.2009 · Porsche unter niedersächsischer Kuratel, Mercedes am Gängelband der Scheichs, Bierdeckel gibt's bald auch keine mehr: Baden-Württemberg, einst Insel der Seligen, im Krisentheater.
Von Gerhard StadelmaierAlso, man stelle sich einmal vor: einen Spätsommertag. An dem die Luft förmlich steht. Die Schwüle drückt. Jede Bewegung strengt an. Ein ungeheurer Druck liegt über Land und Leuten. Überm Stuttgarter Talkessel kocht bleiern eine gnadenlose Sonne. Der Ministerpräsident träumt von Amigo-Yachten im Mittelmeer. Das Theater taumelt in Krisen und schiebt riesige Schuldenbugwellen vor sich her. Weder der Generalintendant noch die Regierung weiß, wie es weitergehen soll - vor wie hinter der Rampe. Trübe schwitzdampfende Szene allüberall. Die Wirtschaft stottert. Die schwäbische Gesellschaft döst ermattet vor sich hin. Hie und da noch umnebelt vom Katzenjammer, der vom schnellen Schnäpplesrausch übrig blieb, mit dem Remstal-Zahnärzte, Neckartal-Wirte und Ostalb-Handwerker glaubten, im wilden, frisch deutschvereinigten Osten fette Dividenden abzugreifen, aber massenhaft auf leerstehenbleibenden Abschreibungsimmobilien sitzenbleiben. „S'isch a recht's G'lomp“, so die allgemeine Klage. Was übersetzt heißt: Schlimmer kann es ja nicht mehr kommen. Es wurde besser.
Denn auf einmal drang eine Stimme wie aus Himmelshöhen, ein riesiger, zwar ätherischer, aber doch energischer Zeigefinger schien durch die gewitterklebrige Wolkendecke zu stoßen und auf einen kleinen, noch jungen Mann (knapp vierzig) aus Ahlen in Westfalen zu deuten, bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt, die nur von einem etwas merkwürdigen Schnauzbart verunziert ward. Und der Herr sprach: „Auf, salbe ihn, er ist's.“
Und, was tut Gott?
Und so, wie im 1. Buch Samuel im Alten Testament der „Geist des Herrn über David geriet“, und der kleine David, der bis dato nur Schafe vor sich her und unschuldige Knabenspiele getrieben hatte, ein Segen Israels wurde, der mit einer Schleuder und einem Stein den Riesen Goliath, sozusagen den Obergrasdackel der Philister, niederstreckte und seinen Fuß mit der selbstgebastelten Wüstensandale auf dessen mit allem Hightech-Schnickschnack bewehrtes Haupt setzte - so ungefähr geriet der göttliche Geist Württembergs über Wendelin Wiedeking, der bis dahin irgendwo im großen Vaterland irgendwelche Marketing-Schafe gehütet, alte Traktoren und neue Spielzeugautos gesammelt hatte, und machte ihn im Spätsommer 1992 nicht nur zum Chef von Porsche, einer Firma, die wie das ganze Land darniederlag, sondern irgendwie zum heimlichen König des Ganzen.
Und, was tut Gott? Wiedeking fühlte sich bis heute, besser: bis vor kurzem als Reinkarnation des biblischen David. Dem Manne, der die schwäbische Firma Porsche mit rabiaten japanischen Fertigungsmethoden wieder hochbrachte und rettete, widmeten Geistes-, Medien-, Sport- und Politikgrößen von Martin Walser bis Enzensberger, von Rezzo Schlauch bis Felix Huby, von Stefanie Graf bis Lothar Späth zum Fünfzigsten eine Festschrift, die sie „Das Davidprinzip“ übertitelten. Darin wurde gepriesen, wie der Kleine die Großen besiegt. Das war 2002. Und Wiedeking, der Königsbub David, warf daraufhin einen Übernahmestein nach dem anderen gegen den riesigen Goliath VW und erfand Geldschleudern die Menge. Und hätte diesen Großen beinahe besiegt. Und das Land dampfte vor Glück und genoss den „Beischlaf der Prosperität“, wie es Wiedekings genialer Pressesprecher Anton Hunger auszudrücken die Gnade hatte. So dass man sich gleichsam Stuttgart-Zuffenhausen, den Porsche-Firmensitz, als Superliebesdienerin vorstellen muss, die es mit allen treibt, die sie bezahlen kann. Und die hätte das Ländle und womöglich die ganze deutsche Autorepublik so gut wie im Negligétäschle gehabt.
Immer schon ein Goliath
Das ist vorbei. Das Negligétäschle ist leer. Die aufregenden Spätsommertage sind Vergangenheit. Jetzt sind die heißkalten Frühlingstage. Der „Beischlaf der Prosperität“ ist ziemlich unsanft interrumpiert. Porsche geht in VW auf - und wohl auch unter, was immer auch schönrednerische Verlautbarungen anderes vorgaukeln mögen. Der neben der größtdramatischen Literatur (Schiller!) zweite große Königsschatz und -stolz des schwäbischen Landes, Porsche - das Auto, das man nicht hat, von dem man nur träumt, und das man, wenn man es hat, als Schwabe nicht zeigt, damit es nicht den Neid der Träumer errege -, wird nach Niedersachsen, einem Land, das unendlich viel später als Württemberg aller Kultur und Zivilisation teilhaftig ward, verscherbelt. Aus Not. Verschuldet von einem David, der nicht David blieb, sondern offenbar größenwahnsinnig wurde und dessen Geldgenerierungsmaschinerie ihm nun Milliarden von Schulden ausspuckt.
Anders aber als 1992, als der schwäbische Mercedes-Vorstand Werner Niefer in Sachen Porsche noch verlautbaren konnte: „Mer helfe dene scho a bissle, ond wenn's dann trotzdem eng wird, dann übernehma mir den Lade oifach“, könnte Daimler-Benz, von einem späteren - übrigens badischen - Konzernherrn unter Vernichtung von Milliardenbeträgen und unter Inkaufnahme blödsinnigster Fusionen heruntergewirtschaftet, heute nicht mal mehr sich selbst helfen. Der neben der größtdramatischen Literatur (wie gesagt: Schiller!) und Porsche dritte große Königsschatz im Bewusstsein des Landes gehört mehr irgendwelchen arabischen Scheichs als einheimischen Aktionären. Dabei war Mercedes nie ein David. Es war der Goliath schlechthin. Der Inbegriff des Übermächtigen.
Aber man trinkt doch nicht weniger Bier
Das ganze Land Württemberg (im Verbund mit Baden) bildete den Abglanz dieses Übermachtbegriffs. Das Symbol für Größe und Selbstbewusstsein („Wir können alles außer Hochdeutsch!“). Die Insel der Seligen im Strom der Krisen. Sie kamen und gingen, aber das Ländle blieb fest im Glanze. Die wenigsten Arbeitslosen, die größten Steigerungsraten; die beste Industrie, die sicherste Kultur, die phantasievollsten Erfinder, die tollste Sprache, die schönsten Gegenden. Wenn nun sogar der Weltmarktführer für Bierdeckel, auch er ein David, der bisher alle schlug und genauso wie viele andere Weltmarktführer selbstverständlich seinen Sitz im Ländle hat, Insolvenz anmeldet - zu Zeiten, in denen man zwar weniger Autos kauft, aber doch nicht weniger Bier trinkt -, dann ist etwas oberfaul im Lande. Bis auf die schönsten Gegenden und die tollste Sprache. Und kein Fingerzeig auf „die Krise“ hilft da weiter.
„Wir haben etwas, das in der globalisierten Geschäftswelt inzwischen fremd geworden ist: eine Heimat“, schrieb sich Wiedeking, der schwäbische Davidskönig aus Westfalen, selbst in die Festschrift zu seinem Fünfzigsten. Könnte es nicht sein, dass sowohl die schwäbischen Goliaths wie auch die Davids, die Großen wie auch die Großtuer das Gefühl dafür verloren haben, was Heimat ist? Heimat meint hier ja allein ganz unkitschig: das der äußeren Größe innere Gemäße - und umgekehrt.
Davids Schleuder hat gar kein Ziel mehr
Der ziemlich merkwürdige, holzkasperlehaft wirkende Ministerpräsident des Landes kündigt mit seiner hoch krähenden Diskant-Stentorstimme schon mal an, man müsse eventuell, wenn das so weitergehe, demnächst an der Kultur kürzen - dem Besten, was dieses Land überhaupt noch hat. Wirft aber dem badischen Herrscherhaus Millionen für eine marode Schloss-Salem-Immobilie in den Rachen. Man hat sich in diesem Lande in allem in den letzten Jahren typisch gedankenlos und fahrlässig übernommen: beim Bierdeckelmachen so gut wie beim Milliardenschleudern (Porsche) wie beim Milliardenvernichten (Daimler) wie beim Kulturverscherbeln (Haus Baden).
Vor genau sieben Jahren gab König David Wiedeking stolz zu Protokoll, man könnte natürlich leicht auch „kleine quietschende Billigfahrzeuge für alle bauen“, mit denen man gut von A nach B und sogar an die Adria oder an den Niederrhein komme. Porsche dagegen baue Fahrzeuge, mit denen Playboys „schick vorbeirauschen“, denen „Frauen Blicke der Begierde hinterherschicken“. Womöglich war das der Moment, wo dem kleinen David das Gefühl für Heimat, fürs Land, für die Leute, die Zeit, kurz: fürs Richtige abhandenkam. Und alles üble Spätere hätte darin seine tragikomischen Wurzeln.
In Zeiten, in denen selbst Playboys keine solche mehr sein wollen und auf kleine quietschende Autos umsteigen, mit denen sie von Pleitenfrau A zu Pleitenfrau B zuckeln, hat Davids Schleuder gar kein Ziel mehr. Weil man solche Autos schon „Schleudern“ nennt. Übersetzt: Volkswagen.
Landesvater
Marco Blumenstein (uk-subs)
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schwäbisches Stimmungsbild?
Michael Meier (never1)
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Schwaben in der Krise
Roland Gall (Petrocelligall)
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Der Wendelin kriegt die Wende hin.
Peter Zentner (Caterwaul)
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Nur Mut!
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