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Schulstart Optimale Gymnasialdressur

24.08.2009 ·  Eltern steuern heute mehr denn je den Bildungsgang ihres Nachwuchses, prüfen Schultypen und Bildungsgänge wie Waschmaschinen-Gutachten. Die Schulen sind auf den Bieterzug aufgesprungen. Verlierer sind die Kinder.

Von Hannes Hintermeier
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Bald sitzen sie wieder alle. Die Schonfrist ist vorbei, die Schule beginnt. Der erste Elternabend wird nicht lange auf sich warten lassen. Der Klassenlehrer und ein paar zugeladene neue Lehrer werden ein kurzes Statement zur Lage abgeben und sich dann den Fragen der Eltern stellen. Vielen Fragen, berechtigten und weniger sinnvollen. Aber man muss diese Eltern verstehen: Sie wollen immer nur das Beste. Das versteht sich von selbst. Sie sind ein wenig spät dran im Leben; die geburtenstarken Jahrgänge waren ziemlich lang unterwegs, bis sie selbst den Entschluss zur Fortpflanzung fassten, und jetzt ist die Leichtigkeit einer mittelalten Sorge gewichen, dass man nur ja nichts verkehrt mache mit den Kindern, die das wertvollste Gefahrengut sind, für das man Verantwortung trägt.

In diesen Schuljahren – aufs Leben gerechnet sind es gar nicht so viele – darf partout nichts schiefgehen. Weiß doch heutzutage jeder, wie wichtig eine gute Ausbildung ist. Und man hat sich schließlich nicht umsonst hochgesessen durch vier Grundschuljahre auf Kinderstühlchen, auf denen bis weit in die Nacht hinein Fragen diskutiert wurden, die besser nie gestellt worden wären. Aber dann ist die Weichenstellung geglückt, der Wechsel aufs Gymnasium. Auch für all jene, die besser nicht dorthin gelangt wären, weil ihr Scheitern absehbar ist, deren Eltern es aber trotzdem für sie geschafft haben. Denn Eltern steuern heute mehr denn je den Bildungsgang, prüfen Schultypen und Bildungsgänge, wie sie sonst Waschmaschinen-Gutachten der Stiftung Warentest vergleichen. Die Schulen sind längst auf diesen Bieterzug aufgesprungen, den Wettbewerb gewinnt, wer bei den Anmeldungen vorne liegt.

Die Zeit der Abrechnung

Im Alltag wird der Elternabend zu einer Art Untersuchungsausschuss. Er bietet eine Bühne für den Seitenwechsel schlechthin – es ist die Zeit der Abrechnung, des Aufbegehrens gegen ein System, das man selbst durchlitten zu haben meint. Besonders hart wird es, wenn die eigenen Kinder jene Lehrer vorfinden, mit denen die Eltern schon vor dreißig Jahren nicht zurechtgekommen sind. Auf den unbequemen Plastikstühlen, nach mehr als zwei Stunden in einem Klassenzimmer, haben viele das Gefühl, ihren Kindern dieses gleiche Schicksal ersparen zu müssen.

Lehrer mit unverhandelbaren pädagogischen Gewissheiten sind da nicht mehr gefragt. Aber es ist gar nicht so einfach, einen langgedienten Beamten per Stammtischbeschluss aus dem Amt zu jagen. Immer stärker wird auch an staatlichen Schulen der Dienstleistungsgedanke auf Elternseite. Wir stellen die Lehrer ein, wir bewerten sie, wir genehmigen Gehaltszulagen. Die Optimierungsforderung übersieht großzügig, dass Lehrer in unserer Gesellschaft im Vergleich zu ihrer Aufgabe viel zu wenig gelten. Aber im Zertifizierungszeitalter soll auch auf den Prüfstand, was gar nicht gemessen werden kann – etwa die lang anhaltenden Nachwirkungen guten Unterrichts.

Der Druck wächst beständig

Heute betreiben das Geschäft der „Gymnasialdressur“, wie Nietzsche es nannte, vielfach die Eltern. Auch wenn sie sich dabei als Motivationscoach verkleiden, ihr Gefühl verdrängen und ihre Erfahrungen lieber aus einem Ratgeber beziehen als aus ihrer eigenen Lebensgeschichte. Dabei sind die Schüler nicht besser oder schlechter, als es ihre Eltern waren. Nur der Druck auf sie wächst beständig: Sie sollen einen ökonomisch verwertbaren, stringenten Lebenslauf schreiben können, der mit der Krabbelgruppe beginnt und über den englischsprachigen Kindergarten zum MBA führt. Ein solches Designcurriculum bedarf freilich der Steuerung, allein schaffen Kinder und Jugendliche das nicht.

So werden den Kindern Kämpfe abgenommen, die sie selbst führen müssten. Aber anders als ihre Eltern dürfen sie nicht mehr die leidvolle Erfahrung machen, dass es möglicherweise zum schulischen Ausbildungsgang gehören könnte, sich mit unterschiedlich begabten und motivierten Lehrern auseinanderzusetzen, sich zu arrangieren, sich gegen diese aufzulehnen. Für diese wiederum verlagert sich ein Hauptschauplatz des Geschehens auf den Abwehrkampf gegen eine teilweise übernervöse, ja hysterisierte Elternschaft. Das „Recht des pädagogischen Raums“, das unlängst an dieser Stelle der Soziologe Tilman Allert einklagte (Der Soziologe Tilmann Allert über die Bindungsstrategien der Netzwerkgesellschaft), ist im vorgeblichen Partnerschaftsmodell eine Fiktion. Das Vertrauen in die Neutralität einer Aussage ist erschöpft: Wenn ein Lehrer sich am Elternabend traut, einer Klasse Defizite anzukreiden, kann er gewiss sein, auf einen Schlag zwanzig Gegenspieler produziert zu haben. Denn versagen, das tun die eigenen Kinder nie.

Alles, was sie brauchen, ist doch nur Anschub, Beschleunigung. Das Designprinzip „form follows function“ gilt offenbar für Kinder umstandslos. Dabei wissen im Grunde alle Insassen eines jeden Elternabends, warum die Kinder so seltsam sind. Weil sie eine der kompliziertesten Phasen des Lebens durchmachen. Und genau diese sollte man nicht noch dadurch weiter verkomplizieren, indem man ihre Erfahrungsmöglichkeit beschneidet. Das regelt Papa für dich: Eine Elternschaft, die so wenig Zutrauen zu sich selbst hat, versagt dem Nachwuchs etwas Entscheidendes – Zuversicht und Selbstvertrauen. Und obendrein die Einsicht, dass Bildung ein Privileg ist, keine Strafe.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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