18.11.2005 · Endlose Monologe der Lehrer und Personal, das sich nur um die Ordnung kümmert: Das französische Schulsystem, das hier so gelobt wird, ist autoritär und verkrustet. Ein Erfahrungsbericht.
Von Theresa KnoblauchDaß das französische Schulsystem in Deutschland so sehr gelobt wird, kann ich nicht verstehen. Ich habe gerade sechs Wochen lang am Unterricht einer französischen Schule im Périgord teilgenommen. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen. Merkwürdigerweise habe ich aber in dieser Zeit die Vorzüge, die das deutsche Schulsystem gegenüber dem französischen hat, kennengelernt. Natürlich ist unser Schulsystem alles andere als vollkommen, doch sind viele Ansätze gerade im gymnasialen Bereich gar nicht einmal so schlecht, wie sie immer beschrieben werden.
Das französische Schulsystem unterscheidet sich in vielen Punkten von unserem: Es ist üblich, daß beide Elternteile voll arbeiten. Auch Mütter können Karriere machen. Die Kinder werden oft schon im Alter von wenigen Wochen der Obhut einer Krippe überlassen. Ein sehr bequemer und üblicher Weg in Frankreich, seinen Nachwuchs zu versorgen. Danach gehen die Kinder in den Kindergarten - natürlich bis 17 Uhr. Bis zum fünfzehnten Lebensjahr, das heißt Grundschule und Collège eingeschlossen, besuchen die Kinder alle die gleichen Schulen.
Man entscheidet mit sechzehn
Erst danach wird separiert. Manche entscheiden sich, aufs Lycée zu gehen, um anschließend das Abitur zu machen, andere ziehen eine beruflich orientierte Oberstufe vor beziehungsweise machen eine Ausbildung. Hat man sich entschlossen, auf das Lycée zu gehen, muß man sich nach dem ersten Jahr, also ungefähr im Alter von sechzehn Jahren, verbindlich für einen Zweig entscheiden, der für das Studium vorausgesetzt wird. Zur Auswahl stehen hierbei der naturwissenschaftliche, der wirtschaftliche und der geisteswissenschaftliche Zweig. Man entscheidet mit sechzehn, welches Studium oder welche Berufsrichtung für einen in Frage kommt oder nicht.
Das ganze System ist wesentlich autoritärer als das deutsche. Es gibt Angestellte, die sich ausschließlich um die Anwesenheit der Schüler und um die Ordnung kümmern. Jeder noch so kleine Regelverstoß wird von den „Surveillants“ in einem Heft, dem „Carnet“, notiert und muß von den Eltern unterzeichnet werden. Der autoritäre Charakter der Schule prägt auch den Unterricht: Der Lehrer ist und bleibt eine Respektsperson. Wenn er eine Strafe verhängt - wie zum Beispiel zwei Stunden Nachsitzen wegen Schubsens -, wird überhaupt keine Diskussion geführt, sondern wortlos das Carnet nach vorne gebracht.
Nicht enden wollende Monologe
Der Unterricht besteht hauptsächlich aus nicht enden wollenden Monologen des Lehrers. Mündliche Noten gibt es nicht, und Gruppenarbeit oder Referate der Schüler sind die absolute Ausnahme. Dies ist natürlich kein Vorteil für das Erlernen von Fremdsprachen, bei dem es hauptsächlich darauf ankommt, sprechen zu üben. Wenn der Lehrer nicht diktiert, werden meistens Tests geschrieben. Ein relativ einfaches, wenn auch nicht gerade vielfältiges Konzept aus Diktieren, Lernen und Abfragen. Um Pädagogik macht man sich keine großen Gedanken.
Meiner Ansicht nach bietet das französische Schulsystem keine Lösung für die deutsche Schulmisere. Die Kinder gehen den ganzen Tag in die Schule, sind aber, was den Stoff angeht, den deutschen Gymnasiasten unterlegen. Sie schneiden drei Plätze besser bei Pisa ab, aber der Preis, den sie dafür zahlen müssen, ist zu hoch: Die Kinder haben keine Familienbindung, Individualität oder individuelle Förderung sind Fremdwörter, und viele Schüler haben keine Perspektiven. Gerade für die persönliche Entwicklung ist es wichtig, daß ein Kind genügend Zeit und Raum hat, sich zurückziehen zu können, um zu sich selbst zu finden. Außerdem möchten viele Kinder aus dem autoritärem System ausbrechen - der Konsum von Haschisch ist nach meiner Beobachtung ein gängiges Mittel dabei.
Keine Integration durch Ganztagsschulen
Für Alleinerziehende muß der Staat eine Ganztagsbetreuung anbieten. Und auch für berufstätige Eltern wäre es sicher eine Beruhigung, zu wissen, daß ihre Kinder beaufsichtigt werden und sich nicht herumtreiben. Jedoch wäre es für jene Kinder schade, eine Ganztagsschule besuchen zu müssen, deren Eltern es sich einrichten können, gar nicht oder nur halbtags zu arbeiten.
So wie sich der Arbeitsmarkt in Deutschland derzeit darstellt, wird nur ein Teil der Eltern Arbeit finden, selbst wenn die Kinder Platz in Ganztagsschulen bekämen. Und sollte der Arbeitsmarkt im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht so flexibel sein, daß man Kinder und Beruf problemlos vereinigen kann? Ich sehe auf diesem Gebiet keinen Fortschritt. Die brennenden Autos in den Vororten von Paris lassen mich daran zweifeln, ob Ganztagsschule tatsächlich ein wesentlicher Baustein für Integration ist.
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