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Menschen und Affen : Schützt die Tiere vor den Tierrechtlern!

  • -Aktualisiert am

Das Recht, Gorilla zu sein

Ob derart provozierende Forderungen den Tierschutz wirklich nach vorne bringen, wird die Zukunft erweisen. Um der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf Rechnung zu tragen, gibt es in Deutschland das Tierschutzgesetz. Danach darf niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen. Das ist relativ vage formuliert und lässt Raum für Interpretationen, was entsprechende Ausführungsverordnungen erforderlich macht. Die Massentierhaltung hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit entwickelt, was, wie inzwischen offenbar wurde, zu tierschutzrelevanten Auswüchsen geführt hat. Die Verbraucher sind entsetzt, zumindest verunsichert und möchten gern zur Verbesserung der Tierhaltung beitragen.

Ein Orang-Utan Weibchen mit ihrem Neugeborenen: Befriedigt der Zoo all ihre Bedürfnisse?
Ein Orang-Utan Weibchen mit ihrem Neugeborenen: Befriedigt der Zoo all ihre Bedürfnisse? : Bild: dpa

Die Strategie der Tierrechtler ist einfach, wenn auch radikal. Sie erklären alle domestizierten Tiere, auch die in menschlicher Obhut lebenden Wildtiere, zu Mitgliedern unserer Gesellschaft. Damit ist ihr Leben durch die Menschenrechte geschützt. Das stimmt zwar auch nur teilweise, denn täglich werden Menschen durch Menschen in kriegerischen oder kriminellen Akten umgebracht oder durch Gerichte (von Ägypten bis zu den Vereinigten Staaten) zum Tode verurteilt. Aber immerhin essen sich Menschen heute nur noch in Ausnahmefällen gegenseitig auf. Die Konsequenz: Haben unsere Schlachttiere ein Recht auf Leben, macht das alle Menschen zu Veganern, mindestens zu Vegetariern, und die Massentierhaltung kommt automatisch zu einem Ende. Man braucht dann auf jeden Fall keine Nutztiere mehr. Problem gelöst.

Es ist allerdings zu bezweifeln, dass die Mehrheit der Verbraucher diesen Weg mitgeht. Nur weil es täglich Verkehrsdelikte, schreckliche Verkehrsunfälle und viele Verkehrstote gibt, wird ja auch nicht das Autofahren verboten. Stattdessen passt man die Straßenverkehrsordnung (und das Straßennetz) den Anforderungen des ständig wachsenden Verkehrs an. Die Regierung ist daher aufgefordert, die Lebensbedingungen der Tiere in unserer Obhut auf dem Verordnungswege zu verbessern. Für die Säugetiere im Zoo ist das gerade geschehen. Nun sollte man sich die Lebensbedingungen unserer Nutztiere genauer ansehen. Und ohne Frage kann der Verbraucher Druck auf den Verordnungsgeber ausüben, das zu tun.

Aber ich will mit den armen Schweinen in der Massenhaltung gar nicht von den Gorillas im Zoo ablenken. Warum fragt eigentlich keiner die Gorillas, was sie wollen? Gorillas sind so wenig Schimpansen, Bonobos oder Orang-Utans wie Menschen. Es wäre biologisch falsch, alle Menschenaffen gleich und sie alle wie Menschen zu behandeln. Stattdessen sollte ihnen das Recht auf Entfaltung ihrer spezifischen Lebensart zugestanden werden. Gorillas wollen sicher keine Menschenrechte. Sie wollen nichts weiter als das Recht, Gorilla zu sein, ob in der Natur oder im Zoo.

Politik für Affen

Sollen Menschenaffen Menschenrechte zugeschrieben werden? Das internationale Great Ape Project stellt diese Forderung. Es geht zurück auf das 1993 von den Philosophen Paola Cavalieri und Peter Singer herausgegebene Buch „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen“. Für den Neustart des Projekts setzt sich hierzulande die Giordano Bruno Stiftung ein. Ihre Forderung, Grundrechte für Menschenaffen in der Verfassung zu verankern, ist unlängst vom Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages abgelehnt worden. Zur Begründung heißt es: „Die Grundrechte (Artikel 1 bis 19 Grundgesetz) sind natürlichen Personen vorbehalten und erstrecken sich nicht auf alle Lebewesen. Auch wenn von einer hohen genetischen Übereinstimmung von großen Menschenaffen und Menschen ausgegangen werden kann, handelt es sich bei diesen Affen um Tiere.“ (gey)

Gunther Nogge war von 1981 bis 2007 Direktor des Kölner Zoos.

Quelle: F.A.Z.

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