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Schriftstellerin Raja Alem : Unterdrückung und Mord sind ein Verrat am Islam

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Eine große Stimme aus der muslimischen Welt: Die mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnete Autorin Raja Alem wurde 1970 in Mekka geboren Bild: Wolfgang Eilmes

Sie lebt in Mekka, der verbotenen Stadt. Aber schon dieses Verständnis geißelt Raja Alem als Anmaßung: Die saudi-arabische Schriftstellerin sieht den Islam von Fanatikern missbraucht. Ein Gespräch.

          Raja Alem, Sie sind Schriftstellerin aus Mekka. Wenn ich Sie in Ihrem Zuhause besuchen wollte, ginge das nicht, oder?

          Es ist durchaus möglich, nach Mekka zu reisen, auch wenn man kein Muslim ist. Im Koran steht übrigens, dass Mekka die verbotene Stadt für Ungläubige, nicht jedoch für Nicht-Muslime ist. Das ist ein Unterschied. Wenn ich zu entscheiden hätte, dürfte ohnehin jeder nach Mekka reisen. Und ich sage Ihnen: Wenn Sie wirklich kommen wollen, um mich zu besuchen, würde ich das möglich machen.

          Ihr preisgekrönter Roman „Das Halsband der Tauben“, der in der deutschen Übersetzung von Hartmut Fähndrich im Unionsverlag erschienen ist, handelt von den Straßen Mekkas. Wie sehen Sie aus, wenn Sie durch die Straßen Ihrer Heimatstadt laufen? Jetzt hier, im Frankfurter Hotel, tragen Sie Bluse und Hose, Ihr langes Haar ist offen, Sie sind geschminkt, tragen keinen Schleier ...

          Das geht in Mekka natürlich nicht. Obwohl es Zeiten gab, in denen es Frauen durchaus möglich war, in bunten Kleidern und nur mit einem Schal um den Kopf in die Öffentlichkeit zu gehen. Aber das ist vorbei, leider. Die schwarze Verhüllung für Frauen wurde in den sechziger Jahren eingeführt, obwohl das niemals Teil des Islam war, sondern einer Tradition, auch das ist ein Unterschied. Heute müssen alle Frauen die Abaya, den schwarzen Umhang, tragen und den schwarzen Schleier. Mich vollständig zu verhüllen, auch mein Gesicht, damit bin ich aufgewachsen in Mekka. Ich kannte es gar nicht anders. Wenn ich als Kind zur Schule rannte, sagten die Leute: Schau, da läuft der schwarze Schwan. Es gibt diese Beschreibung der saudischen Gesellschaft als schwarzweißes Bild – weil die Frauen alle schwarz und die Männer alle weiß tragen. Aber unter unserer Verhüllung sind wir alle bunt und ganz verschieden.

          Tut Ihnen leid, dass Sie sich nicht zeigen können, wie Sie möchten?

          Als ich zum ersten Mal ins Ausland ging, nach Paris, da fühlte es sich seltsam an, den Umhang nicht zu tragen. Ich fühlte mich verletzbar und angreifbar. Aber nach einer Woche war das vorbei, und jetzt, da ich einige Zeit in Paris gelebt habe, vergesse ist manchmal sogar, dass man bei uns den Umhang tragen muss.

          Hatten Sie je Probleme, als Schriftstellerin aus Mekka zu schreiben?

          Nein, meine Bücher werden ja im Ausland verlegt, in Beirut. Mit siebzehn Jahren schickte ich einem Verleger dort mein erstes Manuskript. Er schrieb zurück: „Sehr geehrter Herr Alem, es ist uns eine Ehre, Ihr Buch zu veröffentlichen.“ Als er herausfand, dass ich eine junge Frau bin, hat es ihn trotzdem nicht abgehalten, und seither publiziere ich im Libanon, das gibt mir große Freiheit. Obwohl jetzt die meisten meiner Bücher auch in Saudi-Arabien veröffentlicht sind. Das war aber früher nicht so.

          Haben Sie darüber nachgedacht, unter Pseudonym zu schreiben?

          Es gibt Kolleginnen, die das gemacht haben, ich habe niemals auch nur daran gedacht. Ich habe auch meine Familie nie um Erlaubnis gefragt. Mein Vater hat von Anfang an akzeptiert, dass ich schreibe, und nicht versucht, das zu verhindern. Das rechne ich ihm hoch an, denn in anderen Familien hätte das einen Skandal ausgelöst: eine Tochter, die plötzlich glaubt, Bücher schreiben zu müssen. Und dann auch noch Romane wie meine, in denen Sex und Religion und überhaupt Fragen an die Gesellschaft vorkommen.

          Sie erwähnen Ihren Vater. Aus was für einer Familie stammen Sie?

          Ich komme aus einer alteingesessenen Familie, die seit Generationen in Mekka das Amt von Pilgerführern innehat. Man nennt uns die Ahl al-Ilm, das bedeutet so etwas wie „Diejenigen, die das Wissen weitertragen“. Mein Ururgroßvater war ein berühmter Sufi in Mekka, ich wuchs in einem spirituellen Haus auf. Aber neben der tiefen Beziehung zu Religion und Glauben wurde bei uns immer auch gesungen und aus alten Schriften Poesie gelesen. Diese Mischung aus Glaube und Kunst hat mich von kleinauf geprägt.

          Und wie hat Mekka Sie beeinflusst?

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