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Auszeichnung für Asli Erdogan : Wir müssen die Worte am Leben erhalten

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„Freiheit und Frieden zu verteidigen ist weder ein Verbrechen noch eine Heldentat, sondern unsere Pflicht.“ Bild: dpa

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Eine Laudatio auf die Schriftstellerin zur Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises.

          Als ich am 14.November 2016 mit einer Handvoll Verlegern und Autoren eine Mahnwache für Asli Erdogan vor dem Frauengefängnis Bakirköy in Istanbul abhielt, spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben körperlich, was Unfreiheit bedeutet. Wie ein gewaltiger Panzer umschlossen die Mauern des Gefängnisses Asli Erdogan. Getrennt durch diese Mauern, aber vielleicht nur wenige Meter voneinander entfernt, bestand keine Möglichkeit des Kontaktes. Mein Antrag auf eine Besuchserlaubnis wurde von den türkischen Behörden erst gar nicht beschieden.

          Ich spürte den großen Unterschied zwischen der Nachricht „Asli Erdogan ist verhaftet worden“ und dem, was es wirklich bedeutet: Ein totalitärer Unrechtsstaat hat einen Menschen seiner Freiheit beraubt. Ihm widerfährt Willkür und eine demütigende und miserable Behandlung im Gefängnis.

          Asli Erdogan gibt anderen eine Stimme

          Und das alles, weil sie schreibt. Asli Erdogan macht von ihrem Menschenrecht der Meinungsfreiheit Gebrauch. Sie ist eine Beobachterin, sie beschreibt eindringlich und emotional berührend. Sie gibt der Ungerechtigkeit, dem Grauen, dem Schicksal von Menschen eine Stimme. Nackte, bloße Informationen und Nachrichten beginnen, zu uns zu sprechen.

          In ihrem Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ schreibt sie: „Während das Leben in Hohn und Gleichgültigkeit verrinnt, hat er in der schrecklichen Wüste der Wirklichkeit einen persönlichen Beobachtungsturm errichtet. Einen wackligen, knarzenden Bretterturm, durch dessen Ritzen der Wind pfeift.“ Das Selbstverständnis einer Schriftstellerin lässt sie die Protagonistin in diesem Buch formulieren, „Sprachrohr der Geknechteten, Unterdrückten und im Stich Gelassenen“ zu sein. Das ist das in Asli Erdogan gereifte Verständnis ihrer Arbeit.

          Schreibkarriere folgt auf naturwissenschaftliche Ausbildung

          Geboren ist sie 1967 in Istanbul. Sie studierte Informatik und Physik. Das hat ihren Blick geschult für nüchterne Analyse und den Wunsch nach Erkenntnis, das zu sehen und zu verstehen, was ist, und nicht das nachzureden, was Autoritäten einem vorschreiben. Die naturwissenschaftliche Karriere schien vorgezeichnet zu sein. Nach dem Examen an der englischsprachigen Bosporus-Universität in Istanbul ging sie als Diplomandin ans Forschungsinstitut Cern nach Genf und machte ihren Master in Physik. Nebenher schreibt sie erste Kurzgeschichten, eine Novelle und die Romane „Der wundersame Mandarin“ und „Der Muschelmann“.

          Schon in ihrer Zeit in Genf beklagte sie die Benachteiligung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb. Die Zeit um 1994 an der Universität Rio de Janeiro, wo sie mit ihrer Dissertation begann, scheint sie sehr stark geprägt zu haben. Von 1996 an konzentriert sie sich aufs Schreiben, arbeitet jetzt auch journalistisch. Es entstand ein Buch mit starken autobiographischen Zügen, jene „Stadt mit der roten Pelerine“, das für sie der große literarische Durchbruch war. Mit ihm hat Asli Erdogan zu sich gefunden und ihre Rolle als „Sprachrohr der Geknechteten“ brillant entwickelt.

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