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Schriftsteller als Netzverächter : Vom Genre der Besserhalbwisserei

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Das Netz und vor allem die sozialen Netzwerke haben unter Schriftstellern viele Verächter. Jüngst wagten sich Günter Grass und Botho Strauß hervor. Der eine hat’s vergeigt. Der andere weiß: Das Internet ist kein Bildungsautomat – man muss schon Bildung mitbringen.

          Was für ein Unterschied – das Internet, nicht als sozialer Kulturraum betrachtet, sondern als Anlass für Gesellschaftskritik: zwei, die kritisieren, jeweils auf ihre Weise. Günter Grass, apodiktisch aus der Hüfte geschossen, in einem Interview. Er gibt in belehrendem Ton eine belehrende Szene aus einem vermutlich belehrenden Gespräch über soziale Medien und Spähaffäre mit seinem Enkel wieder: „Wer 500 Freunde hat, hat keine, und ich wundere mich, dass nach diesen neuesten Erkenntnissen nicht Millionen Menschen sich von Facebook und all dem Scheißdreck distanzieren und sagen, nein, damit will ich nichts zu tun haben.“

          Nicht, dass man Facebook nicht aus vielen Gründen als „Scheißdreck“ bezeichnen könnte: für die Mischung aus sozialem Teilnahmedruck und offenkundig angeschlossener Überwachungsmaschinerie; für die subtile, aber unerbittliche Normativität, die Facebook sozialen Interaktionsmustern überstülpt, etwa mit der Eindimensionalität des Like oder mit dem Zwang, nur einen Lebenspartner auswählen zu können; oder, alltäglicher als Polyamorie, für die in ihren Auswirkungen noch weitgehend unklare strukturelle Ökonomisierung des Sozialen.

          „Facebook und all der Scheißdreck“

          Wenn also auf dem Schulhof nicht der Einsame nur mehr einsam ist und die Beliebte beliebt, sondern wenn dieser Status durch eine Zahl für alle sichtbar wird: Du hast acht Kontakte auf Facebook, mit der Hälfte bist du verwandt, niemand also interessiert sich für dich, und jeder kann das mit einem Klick sehen. Das Preisschild eines vermeintlich sozialen Werts unsichtbar, aber unentfernbar auf der Stirn tragen zu müssen – ein diskutabler Grund für Grassens Diagnose.

          Ein ebenso schlechter wie entlarvender Grund, das soziale Internet so abzutun, ist jedoch das von Grass angeführte 500- Freunde-Missverständnis. Es beruht auf der Annahme, dass durchschnittliche Nutzer nicht unterscheiden könnten zwischen den „Freunden“ genannten Kontakten auf Facebook und der traditionellen Definition des Freundes. Diese implizite Unterstellung, begünstigt durch die offensichtliche Unkenntnis der kulturellen Unterschiede – der amerikanische „friend“ ist sehr viel weiter gefasst als der „Freund“ im Deutschen – ist das Symptom der Krankheit „unwissende Arroganz“. Eine Krankheit, die ironischerweise nicht nur Grass, sondern oft auch das Netz und speziell die sozialen Medien unerträglich macht. Sie spiegelt sich auch in der Formulierung „Facebook und all dem Scheißdreck“.

          Sprachmacht als Begründung eines Machtanspruchs

          Von diesem „Scheißdreck“ hat Grass, nur unwesentlich abgerundet, null Kommanichts je selbst erfahren, betrachtet, analysiert. Es komplettiert sich das Bild eines Mannes, dessen hartes Urteil sich allein aus seinem weichen Bauchgefühl speist. Der also nicht bereit ist, einen anderen Maßstab zu akzeptieren als seinen – ein evidenzaverser Ichling. Und, wie immer wieder zu erwähnen ist, ein Großmoralist gegen das Vergessen, der leider, leider die eigenen moralischen Untiefen Nobelpreis-strategisch über Jahrzehnte vergessen hatte.

          Was für ein Unterschied also, im gleißenden Kontrast dazu die furiose Gegenwartsanalyse von Botho Strauß, „Der Plurimi-Faktor“, die das Hadern mit den vielen beschreibt, am Netz entlang. Darin macht Strauß gar nicht erst den Versuch einer scheinobjektiven Betrachtung der heraufziehenden digitalen Gesellschaft. Stattdessen argumentiert er sachkundig und erfrischend redlich aus der Perspektive des radikal Intellektuellen mit einem klar formulierten Bedürfnis nach einer Elite.

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