Wenigstens mit einem Auge sieht man derzeit wieder überall Plakate von H&M, auf denen für einen Bikini geworben wird. Diesen Plakaten soll ein geheimnisvoller Imperativ innewohnen. Nur: welcher? Auf dem Blog „klingtkomischistaberso“ schreibt die Autorin Yasmina: „H&M hält mir alle 50 Meter auf großen Plakaten unter die Nase, wie ich bitteschön auszusehen hätte. Es macht mich wütend. Es macht mich komplett rasend. Ich warte auf den Moment, an dem ich die Plastikscheiben einschlage, um die abgebildeten Plastikmodelle zu zerreißen.“ Der Körper, findet Yasmina, zeige ein unerreichbares Ideal.
Eine Textilfirma wie H&M will uns einen Bikini, der in Indien, Bangladesch oder einem anderen lohnkostenfreundlichen Land für Pfennigbeträge hergestellt wurde, für fünfzehn Euro verkaufen, wobei wir glauben sollen, wir hätten ein Schnäppchen gemacht. Die Leute in den Werbeagenturen also verkaufen ihren Billig-Zweiteiler mit einem schönen Menschen. „Was ist gerade schön?“, fragen sie ihre Trendscouts, und die schauen in die Fußgängerzone oder in ein Fashionblog und sagen: Fit ist schön. Also nehmen sie ein Model und malen es mit Photoshop braun und muskulös und hoffen, dass das Textil dadurch aufgewertet wird.
Disziplin ist unser Steckenpferd
H&M sagt denen da draußen nicht: Seht aus wie dieses Model. Es sagt: Guck mal, billiger Bikini, sieht scharf aus, oder? Definiert H&M damit, was schön ist? Es verstärkt das bestehende Ideal. Jedes Ideal, zu egal welcher Zeit, war schwer zu erreichen. Der Wohlstandsbauch der vorletzten Jahrhundertwende war schwer zu erreichen für die, die unter Hungerwintern litten, den Lollobrigida-Busen konnte man sich auch nicht einfach anfuttern, und welches dünne Mädchen könnte schon eine Rubensfigur hinbekommen?
Das körperliche Ideal der modernen Gesellschaft ist nun also der schlanke, fitte Körper. Mögen wir uns auch gerne einreden, wir seien hedonistisch, so ist doch Disziplin unser eigentliches Steckenpferd. Denn Disziplin verhilft zu Erfolg und der zu Geld. Da wir aber im Ernst zu Geld nicht kommen, begnügen wir uns mit den Avataren des Reichtums und verhalten uns ganz so, als könnten wir es schaffen, und wenn wir es ganz und gar nicht schaffen können, dann erkennen wir immer noch an, dass ein Disziplin spiegelnder Körper ein schöner sei. Oder aber wir sind klug und erkennen, dass wir den Idealkörper nicht erreichen können, und lehnen mit großer Geste das Ideal ab. Denn uns soll bitte niemand sagen dürfen, was schön sei und was nicht.
Weiche Haut, samtiges Haar
Die Formbarkeit des eigenen Körpers, als wäre er ein fremdes Objekt, ist gesellschaftlicher Wert und Krankheitsbild zugleich: Alles wird dem allmächtigen Selbst unterworfen, das alles sein, alles werden kann. Ein sehr kleines Kind, das erkennt, dass die Mutter schwanger ist, und sagt, es wolle auch ein Baby bekommen, wird, wenn man ihm erklärt, dass es ein kleiner Junge ist und keine Kinder bekommen kann, sehr zornig sein oder vielleicht der Mutter ein Baby machen wollen. Im kindlichen Narzissmus wähnt sich das hilflose Kind allmächtig; erst nach und nach dämmern ihm seine Grenzen, und es beginnt, seine Limitierungen zu akzeptieren. Wenn nun aber immerzu dem Kind gesagt wird, dass es alles, was es wolle, könne - was dann? Dann behandelt es seinen Körper wie ein Nutztier - oder wird fürchterlich wütend, weil die Anforderungen so hoch sind.
Denn natürlich kann niemand das moderne Körperparadox erfüllen: Man soll total individuell sein und doch einen Körper haben wie jeder andere. Aber wer sagt, wie ein Körper zu sein hat? Die „Vogue“? „Brigitte“? Alessandra Eakin, Autorin des Blogs uglyisnotanoption.com, hat einen Guide zusammengestellt, der einen zu der maximalen Schönheit führt. Einen BMI von 21 solle man haben, klare, weiche Haut, samtiges Haar, große Augen, ein betörendes Lächeln mit strahlend weißen Zähnen, sieben Kurven solle man entwickeln, die das Gesicht, den Rücken, die Taille, die Hüfte, die Pobacken und die Arme und Beine betonen, und nach Symmetrie sei zu streben. Und wie bekommt man das hin? Indem man kein Kind bekommt, Diät hält, sich vegan ernährt, Nahrungsergänzungsmittel futtert, die Zähne bleicht, sich die Lippen aufspritzen lässt, sich mit Algen einreibt und trainiert, trainiert, trainiert. Und warum noch mal? Weil Schönheit eben glücklich macht, erfolgreich und man so den perfekten Mann zum Keine-Kinder-Bekommen findet.
Es hat eine erdrückende Evidenz, wenn im Fernsehen wieder einmal ein Wissenschaftler sagt, schöne Menschen hätten es leichter im Leben. Schließlich haben wir doch klar vor Augen: Einem perfekten Haus im Grünen mit einer perfekten Familie und einem gutgeföhnten Hund steht ein perfekter Mann vor mit goldener Haut und Pulli über den Schultern, der bei uns immer so aussieht, als hätte uns unsere Mutter ein Badetuch um den Hals gewickelt, bei ihm aber wahnsinnig dynamisch wirkt. Hätten wir doch auch mal den Nerv, uns ein Waschbrettlächeln anzutrainieren und einen Zahnpastabauch!
Schönheit macht nicht glücklich
Aber nehmen wir doch einmal einen wirklich schönen Menschen: Carré Otis, die als zweiundzwanzigjähriges Model den Film „Wilde Orchidee“ mit Mickey Rourke, den sie später heiratete, drehte. In der Dokumentation „Naked on the Inside“ erzählt sie achtzehn Jahre später, wie es ist, so schön zu sein. Sie sitzt nackt auf einem Bett und sagt, sie habe immer gehofft, dass es möglich sein könne, alles zu haben. Es müsse doch einmal jemanden geben, der ihr zuhört, der ihr sagt: „Wow, das ist ja interessant, wie du das siehst, du bist intelligent und dabei auch noch schön!“ Aber niemand hat das je gesagt. Sie müsse wohl warten, bis sie alt und grau sei und ihr die Brüste an den Knien entlangbaumeln. Deswegen habe sie auch keine Angst vor dem Alter.
Sie glaubt sich selbst nicht, und ihr von Schönheitsoperationen entstelltes Gesicht bezeugt, dass sie sich, obwohl sie ihre Schönheit für ihre Probleme verantwortlich macht, trotzdem an diese Schönheit klammert - sie hatte ja nie etwas anderes. Schönheit macht nicht glücklich, und doch ist der Glaube daran nicht auszurotten. Sollte man deswegen gleich den Begriff der Schönheit verwerfen?
Kann man heute noch jemandem zumuten, hässlich zu sein? Ob Schönheit Naturgesetzen unterliegt oder der Mode, darüber streiten sich die Wissenschaftler. Symmetrie, reine Haut, ein bestimmtes Mund-Nase-Verhältnis, das scheint wohl universell mehrheitsfähig zu sein. Schönheit hat also eine zutiefst ungerechte Komponente: Ist es dann also nicht ganz richtig, eine Demokratisierung der Schönheit einzufordern? Soll nicht jeder schön genannt werden? Aber hat denn auf der anderen Seite das Model, das den Bikini von H&M bewirbt, Aussicht auf einen Studienplatz? Und falls nicht: warum nicht? Vielleicht hat es all seine Energie in körperliche Fitness gesteckt.
Eine unendliche Vielfalt der Vorlieben
Stellen wir uns vor, das Model sei - darf man noch „dumm“ sagen? - dumm geboren. Langsam in der Auffassung, fehlbar in den Rückschlüssen. Hätte es nicht allen Grund, die Forderung aufzustellen, ein jeder möge seine Hochbegabung anerkennen? Jeder soll finden, dass ich klug bin - wäre das nicht eine ebenso legitime Forderung wie: Jeder soll finden, dass ich schön bin?
Es gibt das Genie des Geistes, das wird kaum bestritten, und es gibt das Genie des Körpers. Der Körper Lionel Messis, der durch seinen niedrigen Schwerpunkt ideal dafür geschaffen ist, auf kürzester Distanz zu beschleunigen; der Körper Michael Jordans, der über Luft marschieren kann wie andere über Treppen; der Körper Brad Pitts mit seiner Feingliedrigkeit bei gleichzeitiger Stärke - alle Genannten hatten einen gänzlich unfairen Vorteil, den sie mit viel Arbeit dann zu einer glänzenden Karriere genutzt haben. Genau wie Einstein. Wir alle profitieren davon. Wir leben unser Leben und nehmen teil an der Schönheit, die Messi und Johnson und Ullrich und Pitt uns bringen.
Wir müssen nicht Picasso sein, um durch einen Picasso unsere Seele zum Schwingen zu bringen, wir müssen keinen niedrigen Körperschwerpunkt haben, um ein Tor von Lionel Messi zu genießen. Nur ein sehr schlecht gelauntes Kind wäre erzürnt darüber, nicht selbst diese Eigenschaften zu haben.
Was Menschen schön finden, davon kann sich jeder im Internet überzeugen, das zeigt die Welt der Pornographie. Dort dominieren nicht die Models, dort herrscht eine unendliche Vielfalt der Vorlieben. Pornos mit Fetten, mit Dürren, mit Behaarten, mit Jungen, mit Alten. Schlabberige Brüste, Vollbärte, kleine Penisse - für jede körperliche Eigenschaft, die ein Mensch haben kann, gibt es jemanden, der eine Vorliebe für gerade diese Eigenschaft hat. Und so finden doch die meisten irgendwann im Leben jemanden, der ihnen sagt, sie seien schön. Jeder Mensch sollte schön sein für jemanden.
Immer dieses gejammere...
Michael Germer (MGermer)
- 04.07.2012, 08:19 Uhr
Die Welt ist ungerecht
Lars Münzing (Lars7512)
- 03.07.2012, 22:31 Uhr
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hält sich in Grenzen
Thomas Mirbach (lurkius)
- 03.07.2012, 20:12 Uhr
Schönheit ist ein Vorteil!
Alex Popa (apopa)
- 03.07.2012, 19:07 Uhr
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Horst Delmen (Dr.Delmen)
- 03.07.2012, 18:13 Uhr