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Jugendliteratur : Krankheit und Tod als Lieblingsthema

Starrt nicht auf Hazel Grace, sonst schaut die Heldin aus der Verfilmung von John Greens Roman zurück. Bild: Sunset Box/Allpix/laif

Nicht erst seit John Greens Bestseller „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ sind Krankheit und Tod ein Lieblingsthema der Jugendliteratur. Vom Schmerz der Kranken spricht sie kaum, aber vom Leid der Angehörigen.

          Wer über sein Leben schreibt, darf eigentlich sein Sterben nicht auslassen - aber wie soll das gehen? Der elfjährige Sam, der diese Frage mit seinem besten Freund Felix diskutiert, hat schließlich eine Idee. In seinem Tagebuch schreibt er auf die allerletzte Seite eine Liste, in der seine Angehörigen später ankreuzen können, wie er gestorben ist: „Friedlich“ ist eine Möglichkeit, „Schrecklich und voller Qualen“ eine andere, außerdem gibt es noch „Irgendwas dazwischen“ oder „Wir wissen es nicht, wir waren gerade an der Pommesbude“.

          Dass sich Sam und Felix mit dem eigenen Tod auseinandersetzen, ist kein Zufall: Sie haben sich im Krankenhaus kennengelernt, wo sie beide wegen Leukämie behandelt wurden, und nach jeweils mehreren Rückfällen ist ihnen klar, dass ihre Tage gezählt sind. Gerade deshalb, so beschreibt es die junge englische Autorin Sally Nicholls in ihrem 2008 erschienenen Roman „Wie man unsterblich wird“, probieren sie aus, was ihnen das Leben zu bieten hat und welche Wünsche sich noch erfüllen lassen, die Elfjährige eben haben: Horrorfilme anschauen, Rolltreppen in verkehrter Richtung laufen, einen Weltrekord aufstellen und dergleichen mehr.

          Hype um den Tod

          Mit ihrem Buch steht Sally Nicholls nicht allein. Seit einigen Jahren sind Romane für Kinder und Jugendliche, die von Krankheit und Tod erzählen, äußerst populär, allen voran John Greens 2012 erschienener Band „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, der seither in diversen Ausgaben die vorderen Ränge der Bestsellerlisten belegt und jüngst verfilmt worden ist.

          Auch Green wählt für seinen Text die Perspektive einer Krebskranken, doch bei ihm kommt zum absehbaren Tod auch noch die Liebe zu einem anderen Tumorpatienten hinzu, und schließlich spielt außer dem Paar, der klugen Hazel und dem schönen Augustus, auch noch ein saufender Erfolgsautor eine Rolle, dessen Zynismus offenbar vom Krebstod seiner eigenen Tochter herrührt. Greens Roman ist jedenfalls mittlerweile so omnipräsent, dass die Australierin A. J. Betts, deren Roman „Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe“ im September erscheint, in einem Brief an die Leser beteuert, dass sie die Idee zu ihrem eigenen Buch um zwei krebskranke Jugendlich schon vor Erscheinen von „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ hatte.

          „Sick Lit“ - Literatur der Krankheit

          Für diese Gattung hat sich mancherorts der Begriff „Sick Lit“ etabliert - der Kontrast zur sogenannten „Chick Lit“, also Büchern vom Schlage der „Bridget Jones“-Romane, könnte größer kaum sein. Geschildert werden Krankheit und Tod eines Protagonisten, meist aus der Innenperspektive, und die Frage, was vom Leben bleibt, wenn seine Endlichkeit jederzeit zu spüren ist, spielt die beherrschende Rolle. Unter welchen Vorzeichen steht eine Liebe wie die von Hazel und Augustus, wenn beide sich darauf einstellen müssen, am Grab des jeweils anderen die Beileidsbekundungen der Freunde entgegenzunehmen? Wie verschiebt sich das Verhältnis zwischen Realität und Traum, wenn man wie der an Creutzfeldt-Jakob erkrankte Teenager Cameron Smith in Libba Brays Roman „Ohne Ende Leben“ in einem Krankenhausbett dahindämmert und dabei die aufregendsten kosmischen Abenteuer erlebt? Und wie lange lässt sich ein solcher Zustand für die Angehörigen ertragen?

          Denn am Ende ist es deren Sicht, die den Reiz vieler dieser Bücher ausmacht, gerade wenn sie mit den Erkrankten über eine starke Perspektive verfügen. Manchmal scheint auf, wie sehr die Sterbenden unter der Fürsorge ihrer Umgebung leiden, unter deren Sorge, deren Angst vor dem Unvermeidlichen, deren verzweifeltem Wunsch nach noch ein paar Tagen mehr, auch wenn dies von den Kranken mit schmerzhaften Nebenwirkungen der jeweiligen Therapien erkauft werden muss.

          „Krebsbücher sind doof“

          Die Jugendlichen, die von ihrem Leid erzählen, berichten darum gerade nicht von ihren Leiden - die „Sick Lit“ ist erstaunlich arm an Schilderungen der alltäglichen Schmerzen, wahrscheinlich weil es die Kranken gelernt haben, diesen Teil ihres Lebens nicht mit den Angehörigen zu teilen. Umgekehrt schildert etwa Evan Kuhlman in seinem Kinderbuch „Der letzte unsichtbare Junge“, wie sich der Schmerz um den plötzlichen Tod seines Vaters auf den Erzähler auswirkt - seine Haare werden weiß, seine Haut verliert jede Farbe, und spätestens als er davon berichtet, wie dieser Prozess ihn geradezu unsichtbar gemacht hat, möchte man seine Mutter aus ihrer eigenen Trauer wachrütteln, damit sie sich endlich dem Jungen zuwendet, der sie so dringend braucht wie nie zuvor.

          „Krebsbücher sind doof“, sagt die tapfere Hazel einmal in John Greens Roman, und natürlich soll das heißen, dass das Buch, das von ihr erzählt, eben kein typisches Werk dieses Genres ist. Doch genau diese demonstrative Abkehr von der vermeintlich klassischen Behandlung des Themas, die Suche nach der Dimension der Krankheit jenseits von Schmerz und Tod, ist längst prägend für die Krebsbücher von heute geworden. Hazel jedenfalls, die es ihrer Umgebung mit ihrem sezierenden Blick auf die Welt und ihrer Neigung zu klaren Worten nicht leichtmacht, steht darin für viele ähnliche Protagonisten. Dass „fast alles eine Nebenwirkung des Sterbens“ sei, betont sie gleich auf der ersten Seite des Romans, auch auf ihre Krankheit treffe das zu. Wie Krebs als „Nebenwirkung des Sterbens“ fungieren soll, bleibt ihr Geheimnis, aber das Signal des versierten Autors, dass man seiner Erzählerin durchaus misstrauen darf, kommt an. Dass er damit den Boden für eine betont ungewöhnliche Liebesgeschichte bereitet, zeigt sich rasch.

          Als in Sally Nicholls’ Roman Sams Vater erfährt, dass sich sein Sohn Notizen zu seiner Krankheit macht, fragt er ihn, was das denn werden solle: hoffentlich doch „kein tränenreiches Buch mit lauter Gedichten und Bildern von Regenbögen“? Die Angst des Vaters, der Sams Zustand beharrlich leugnet und lieber das Zimmer verlässt, als darüber zu reden, ist verständlich. Und erweist sich bei der Lektüre als unbegründet. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum einem bei diesem Roman Rotz und Wasser nicht allzu fern sind. Sams letzte Liste jedenfalls, die über die genauen Umstände seines Sterbens, beschließt auch das Buch. Angekreuzt ist das Wort „friedlich“.

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