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Sarrazins Konsequenz Ein fataler Irrweg

Thilo Sarrazin ist der Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft. Aber er verschweigt die Pointe seines Thrillers. Seine Thesen laufen auf eine vollständige Neudefinition unseres Begriffs von Kultur hinaus und erschöpfen sich nicht in muslimischen Milieus.

© dpa Vergrößern

Die Zahl der Menschen, die ihm hinter vorgehaltener oder nicht vorgehaltener Hand recht geben, ist beträchtlich. Sein „Lettre“-Interview war im letzten Jahr sogar in der Auswahlliste des rechtsradikal unverdächtigen Henri-Nannen-Preises. Redet hier einer für alle? Zieht man ab, was bei der Rezeption seines Buches nur Rufmord oder pure Ideologie ist, so bleibt ein ganz anderer Befund: Sarrazins Thesen laufen auf eine vollständige Neudefinition unseres Begriffs von Kultur hinaus.

Frank Schirrmacher † Folgen:  

Zunächst: Dieses Buch hat nicht Thilo Sarrazin verfasst. Es wurde von einer Politik geschrieben, die seit Generationen nicht mehr in Generationen denkt, sondern in Monaten. Sarrazin ist lediglich der Ghostwriter der Gespenster, die uns jetzt heimsuchen. Umso erstaunlicher die Vorabrezension der Bundeskanzlerin, die das Buch wahrscheinlich nicht sehr konzentriert gelesen hat. Sarrazins Buch sei „nicht sehr hilfreich“ bei der Integrationsdebatte, ließ sie über ihren Regierungssprecher mitteilen. Sie ist damit, wie auch der inexistente neue Bundespräsident, im Begriff, die Spaltung der Gesellschaft zu befördern. Jeder, der Sarrazins Buch gelesen hat, weiß, dass er gut begründet, warum die Politik bisher nicht hilfreich war.

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Keine Meinungen, sondern Fakten

Liest man die Bestsellerlisten als Plebiszit derjenigen, die noch daran glauben, dass Bücher Vehikel zur Bewältigung der Realität sind, dann spricht schon der enorme Erfolg des Buches der verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig („Das Ende der Geduld”) Bände. Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ wird vermutlich über den rein verkäuferischen Erfolg hinaus erkenntnisprägend sein, ob das der Kanzlerin gefällt oder nicht.

Die Suggestion seines Vortrags wird, nach dem Wort Adornos, eine Haltung des „taking something for granted“ befördern, und sei es nur die Erkenntnis, dass die Integration gescheitert ist. Sarrazin beschreibt, woran im Befund nicht zu zweifeln ist, die Ergebnisse einer katastrophalen Einwanderungs-, Familien- und Integrationspolitik. Was immer Frau Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, an den Statistiken Sarrazins auszusetzen hat: Sie sind, was die demographische Lage des Landes angeht, keine Meinungen, sondern Fakten, und völlig korrekt. Demographische Prozesse verändern nicht nur die Dynamik einer Gesellschaft. Weil sie ihre Zusammensetzung verändern, verwandeln sie auch die Märkte, die Mode und schließlich den Bildungs- und Wertekanon einer Gesellschaft. In der Vergangenheit sind demographische Umbrüche vor allem durch Kriege oder Seuchen ausgelöst worden. Plötzlich fehlen ganze Jahrgänge, Milieus oder Klassen. Zwischen dem Abiturienten des Jahres 1915 und dem Abiturienten des Jahres 1920 liegen nicht nur soziale, sondern auch demographische Welten.

Erbgut statt Erbe

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