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Schwangerschaftsprotokoll : Meine Freiheit foltert mich

„Ich komme mir vor, als hätte ich kein Baby, sondern einen Tumor im Bauch“: Untersuchung einer Schwangeren. Bild: dpa

Eine Frau wird schwanger, ein Wunschkind. Doch dann bekommt es die Diagnose Trisomie 21, Down-Syndrom. Der Befund ist der Anfang eines Leidensweges, dessen Protokoll jetzt als Buch vorliegt.

          Am elften Dezember 2014 sagt Sandra Schulz den Tod ihrer Tochter ab. Marjas Tod. Vermutlich wäre Marja morgens gestorben, um 7.30 Uhr im fünften Stock eines Hauses, das in einer Einkaufsstraße liegt. Aber Sandra Schulz wollte nicht, dass ihr „Kind blutiger Abfall ist und unten die Menschen Weihnachtsgeschenke einkaufen. Ich wollte ein wenig Würde, für mich und mein totes Baby. Auch wenn es bedeutet, dass der letzte Termin für einen chirurgischen Abbruch nun verstrichen ist.“ Jetzt muss sie Marja gebären, lebendig Ende Mai oder vorher tot, schreibt sie in ihrem heute bei Rowohlt erschienenen Buch „Das ganze Kind hat so viele Fehler“. Dieser Satz stammt nicht von ihr, er ist ein Zitat, dahingesagt von einem der vielen Ärzte, mit denen Sandra Schulz während ihrer Schwangerschaft zu tun hatte. Einer Schwangerschaft, die sie auskosten wollte.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch unbekümmerte Vorfreude ist heute ohnehin beinahe unmöglich. Schwangerschaft ist ein medizinisch durchorganisiertes, lückenlos überwachtes Projekt, beschrieben und erklärt in Frauenarzt-Broschüren und im Internet. Die Schwangere betritt die verheißungsvolle Möglichkeitswelt der Pränataldiagnostik. Freiwillig. Einerseits. Andererseits schwingt bei dem Angebot auch die Erwartung mit, es wahrzunehmen: Ultraschalluntersuchungen. First-Trimester-Screening. Nackenfaltenmessung. Praena-Test. Organultraschall. Zur Stärkung der Bindung ans Ungeborene empfehlen Frauenärzte ein dreidimensionales Ultraschallbild, Kosten etwa 100 Euro. „Gläserne Schwangerschaft“ nennt es Sandra Schulz.

          Marja ist ein Wunschkind. Den pastellfarbenen Mutterpass vom Frauenarzt trägt Sandra Schulz wie eine Auszeichnung nach Hause. Eine lange, große Sehnsucht hat sich erfüllt. Sie will alles richtig machen. Sie isst keinen Rohmilchkäse mehr, keine Salami und das Fleisch durchgebraten, bis es zäh ist. Im Netzt klickt sie sich durch Bilder von Föten in verschiedenen Entwicklungsstadien. In der achten Woche ist der Embryo so groß wie eine Kidneybohne, in der neunten entspricht er ungefähr einer Weintraube. Auf dem großen Flachbildschirm in der Frauenarztpraxis erscheint das Ungeborene in ihrem Bauch allerdings riesig.

          „Ich habe leider kein komplett unauffälliges Ergebnis“

          Sandra Schulz arbeitet beim „Spiegel“, war Korrespondentin in China, sie ist viel gereist, hat viel gesehen und Karriere gemacht. Sie hat den richtigen Mann getroffen und geheiratet. Es ging in ihrem Leben immer nur bergauf, nie bergab. Bis in der dreizehnten Schwangerschaftswoche ihre Gynäkologin anruft und sich schlagartig alles verändert: „Ich habe leider kein komplett unauffälliges Ergebnis für Sie.“ Jeden Morgen liegt sie nun steif und stumm im Bett. „Nur im Zustand der Kälte, des inneren Erfrierens, kann ich über einen Abbruch nachdenken“, schreibt sie. Abbruch klinge neutral. Man breche etwas ab, was sich als Fehler herausgestellt habe. Aber weshalb eigentlich Fehler?

          Der Praena-Bluttest ist risikolos. Ein Pieks, ein bisschen Blut, ein Ergebnis. Doch was das Ergebnis Trisomie 21 konkret bedeutet, beantwortet der Test nicht. Down-Syndrom, das kann heißen, dass das Kind geistig leicht bis mäßig behindert ist. Äußerst selten ist es geistig schwer behindert. Die Bandbreite ist groß, auch die der möglichen körperlichen Beeinträchtigungen. Kein Test dieser Welt kann den Grad der Behinderung feststellen. Statt eindeutiger Antworten liefert das Testergebnis lauter neue Fragen. Statt Beruhigung nistet sich Angst ein. Und die Angst ist groß beim Down-Syndrom. Die Abtreibungsrate beträgt mehr als neunzig Prozent, manche Frauenärzte sprechen von fünfundneunzig Prozent. Eine Zahl, die wir unter dem Stichwort Autonomie verbuchen.

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          Die Fakten, die die Pränataldiagnostik im Leben von Sandra Schulz geschaffen hat, verändern die Art und Weise, wie über ihr Kind gesprochen wird. Von Ärzten, Bekannten, Freunden und Familienmitgliedern. Der Ton ist jetzt distanzierter, nüchterner, kühl. Das eben noch vorfreudig erwartete 3-D-Kind vom Ultraschallbild muss sprachlich „downgegradet“ werden, so beschreibt es Sandra Schulz. Von „lebenslanger Verantwortung“ ist die Rede, und dass es „nie selbständig sein“ werde. „Lebenslang klingt wie lebenslänglich“, schreibt sie.

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