18.04.2007 · Es ist ihm gar nicht recht, dass er recht behalten hat: Der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington, der vor Jahren den „Clash of Civilizations“ ausrief, wird achtzig Jahre alt.
Von Jordan Mejias, New YorkEr selbst ist nicht ganz schuldlos daran, dass er sich vor Sympathisanten ebenso in Acht nehmen muss wie vor Kontrahenten. So oder so lassen sich seine Gedanken und Befunde allzu behende in provokante Thesen verpacken. Das war die Voraussetzung für den Aufstieg des Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington zum weltweit zitierten Starintellektuellen und Gegenwartsdeuter. Das ist aber auch der Fluch einer Analyse, die sich nicht in Polemik erschöpfen will. In jüngster Zeit erweckte Huntington den Eindruck, als sei er es müde geworden, immer wieder auf Feinheiten hinzuweisen, wo nur nach markigen Worten gesucht wird. Wenn auch der von ihm diagnostizierte „Clash of Civilizations“- für die deutschsprachige Ausgabe seines Bestsellers noch zugespitzt zum „Kampf der Kulturen“- sich in einer endlosen Kette von Variationen zu verwirklichen schien, so mochte er schließlich nur noch selten einen Kommentar dazu abliefern.
Vom „Clash of Civilizations“ erfuhr die Welt erstmals 1993 in seinem Artikel für die Zeitschrift „Foreign Affairs“, in erweiterter Buchform drei Jahre später. Die Terroranschläge in Amerika, in London und Madrid, die Kriege in Afghanistan und im Irak, der Karikaturenstreit und islamistische Drohungen wiesen dann dem in Harvard lehrenden Theoretiker, der nicht mehr Ideologien und Nationalstaaten, sondern Religionen und kulturelle Identitäten als Hauptauslöser von Konflikten ansah, die Rolle des Propheten zu. Der „Clash“ kam als Computerspiel auf den Markt, und er führte umgehend zum Zusammenprall der Meinungen. Viel davon wäre bei einer sorgfältigeren Auseinandersetzung mit dem Text und Huntingtons Erläuterungen zu vermeiden gewesen.
Unterschlagene Harmonie
Kritik entzündete sich vor allem an seiner vermeintlich starren, realitätsfernen Abgrenzung von Kulturkreisen. Paul Berman vermisste eine Erklärung für die engen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien, Edward Said eine Würdigung der interkulturellen Dynamik. Vor allem aber wurde Huntington vorgeworfen, er berücksichtige nicht die inneren Zerwürfnisse, die Vielfalt der Richtungen innerhalb der einzelnen Kulturen und unterschlage die Perioden von Harmonie und kultureller Synthese, die es beispielsweise zwischen Christen und Muslimen durchaus gegeben habe.
In einem seiner seltenen Interviews, das er unlängst dem „Pew Forum on Religion and Public Life“ gewährte, betonte er, für den „Clash“ nie allein gegensätzliche Kulturen verantwortlich gemacht zu haben. Er war auch bereit, innermuslimische Divergenzen zur Kenntnis zu nehmen. Das Gewaltpotential muslimischer Gesellschaften verknüpfte er jetzt aber auch mit demographischen Faktoren, insbesondere mit einer Geburtenrate, die einen Überschuss junger Männer im Alter von sechzehn bis dreißig Jahren garantiert - ein ideales Reservoir von Kulturkriegern.
Historische Zwangsläufigkeit
Mit der Katastrophe, die der kriegerische Demokratisierungsversuch im Irak auslöste, hat sich nun ein weiterer Wandel in der Einschätzung des Konflikts der Kulturen vollzogen. David Rieff will in der amerikanischen Invasion den Grund dafür sehen, dass sich Huntingtons Hypothese in eine historische Zwangsläufigkeit verwandele; die monolithisch antiamerikanische Kultur sei als Kriegsfolge zu begreifen. Ähnlich argumentieren die beiden Antiterrorexperten Daniel Benjamin und Steven Simon in „The Next Attack“ (Henry Holt, New York 2005). Und eine noch trübere Zukunft als Huntington entwirft David Brooks, der konservative Kolumnist der „New York Times“, der die Welt nicht länger in gegnerische Kulturen unterteilt, wohl aber in Gruppen, die sich beständig neu formieren und in ihrer destruktivsten Form alte Lehren, erfundene Traditionen, eingebildete Reinheitsideale und neue Technologien miteinander verbinden.
Im Vergleich damit kann der „Clash of Civilizations“ geradezu nostalgische Gefühle erwecken. Noch lässt die These keine Erschöpfungserscheinungen erkennen, noch wird sie ununterbrochen zitiert, noch wird sie von ihrem Gegenstück, der von Kofi Annan ausgerufenen „Allianz der Zivilisationen“, nicht verdrängt, und immer noch überschattet sie auch Huntingtons Wirken davor und danach. Schon in den sechziger Jahren hatte er mit „Political Order in Changing Societies“ Aufsehen erregt, einem Buch, das vor dem Glauben warnt, ökonomische und gesellschaftliche Fortschritte mündeten automatisch in demokratische Staatsformen. Und vor drei Jahren erschien „Who Are We?“, eine ebenfalls heftig umstrittene Untersuchung der hispanischen Massenimmigration und ihrer Auswirkung auf die, wie Huntington es nennt, angloprotestantischen Grundwerte der Nation. Amerika als ein Land mit zwei Völkern, zwei Kulturen und zwei Sprachen ist sein Albtraum.
Huntington ist im politischen Spektrum Amerikas nur schwer zu verorten. Voller Skepsis gegenüber einer Aussöhnung der Kulturen, wirbt er gleichwohl für eine pluralistische Welt, in der sich der Westen auch mit ihm zuwiderlaufenden Vorstellungen arrangiert. Sein Leben lang hielt Huntington der Demokratischen Partei die Treue. Als Gegner des Irakkriegs trat er nicht erst in dessen Katastrophenphase auf, sondern hatte von Anfang an erklärt, keinen guten Grund für das militärische Abenteuer zu entdecken. Damit passt er doch ins akademische Milieu von Harvard, wo er heute seinen achtzigsten Geburtstag begeht.