http://www.faz.net/-gqz-71q49
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.07.2012, 17:00 Uhr

Sahra Wagenknecht und Michael Hudson im Gespräch Nicht der Euro wird gerettet, sondern eine Ideologie

Er ist Leo Trotzkis Patensohn, der Eispickel, mit dem der Revolutionär ermordet wurde, gehörte seiner Tante: Michael Hudson, Kopf der Occupy-Bewegung, trifft auf Sahra Wagenknecht von der Linken.

© Jens Gyarmaty Sahra Wagenknecht und Michael Hudson, die Weite des Hosenbunds seines ehemaligen Chefs Herman Kahn andeutend, im Berliner Redaktionsgebäude der F.A.Z.

Sahra Wagenknecht ist unseren Lesern bekannt. Bei Ihnen, Michael Hudson, ist das noch nicht in dem Maße der Fall. Könnten Sie uns erzählen, woher Sie kommen und was Sie geprägt hat? 

HUDSON: Ich bin in Minneapolis geboren und groß geworden, dem Zentrum der amerikanischen Arbeiterbewegung. Minnesota hatte einen Gouverneur namens Floyd Olson, der den Kapitalismus zur Hölle wünschte. Mein Vater war einer der Führer der amerikanischen Trotzkisten und kam dafür ins Gefängnis. Roosevelt und Stalin hatten zuvor einen Deal geschlossen: Wenn die amerikanischen Trotzkisten verfolgt würden, gäbe es auch keine Streiks in Kriegszeiten. Es hingen auch viele Genossen bei uns zu Hause herum, Exilanten aus Russland und Europa, auch solche, die noch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gekannt hatten. Die habe ich als Kind sehr bewundert und mir vorgenommen, später auch mal die „Universität der Revolution“ zu besuchen, also ins Gefängnis zu gehen. Das ist mir, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, aber noch nicht gelungen. Leo Trotzki war mein Taufpate. Der Eispickel, mit dem er ermordet wurde, gehörte übrigens meiner Tante. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ihr Leben ist wirklich der Stoff für einen Roman. Später haben Sie für Herman Kahn gearbeitet, den berühmten Kybernetiker und Zukunftsforscher.

HUDSON: Kahn war ja ein Stratege und Militärtheoretiker, der ein gutes Buch über nukleare Kriegsführung geschrieben hatte, schlicht clausewitzianisch „Vom Nuklearkrieg“ genannt. In ihm stand, dass und wie man einen Atomkrieg überleben und gewinnen kann. Er wurde zum Vorbild für „Doktor Seltsam“ in Stanley Kubricks gleichnamigem Film mit dem Untertitel „Wie ich lernte die Bombe zu lieben“. Kahn wog vierhundert Pfund! Einmal, auf Reisen in Paris, sollte ich ihm seine Hose reichen und konnte meine Arme gar nicht weit genug ausspannen, um die Taille ganz zu fassen. Er litt an Narkolepsie. Manchmal schlief er im Restaurant ein, dann fiel sein Gesicht auf den Teller. Dort wachte er kurz darauf wieder auf und führte aus, wie glänzend unsere Zukunftsaussichten seien und dass bald alle Menschen so leben und essen könnten wie er. Dabei tropfte Soße von seinem Gesicht auf die Krawatte. Alle, die dabei waren, gingen anschließend auf Diät. Wir entwickelten bald unterschiedliche Ansichten über das Wesen des Kapitalismus, insbesondere über die Wirkung des Zinseszinses, und trennten uns. Allerdings übernahm ich die meisten seiner Kunden und beriet sie mit Erfolg. Davon konnte ich mir eine Sammlung tibetanischer Kunst kaufen und Immobilien, was es mir ermöglicht, unabhängig zu bleiben und mich dem Schreiben zu widmen.

Wir wollten heute über Europa in der Staatsschuldenkrise sprechen und die Frage, ob dies nicht auch die Krise einer bestimmten Rationalität ist, eine Krise des Denkens. Wie beurteilen Sie denn die Lage, Frau Wagenknecht?

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wall-Street-Film George Clooney und die Finanzmonster

Hollywood bringt einen neuen Wall-Street-Film in die Kinos. Es knallt gewaltig in Money Monster, wenn George Clooney und Julia Roberts die üble Finanzindustrie bekämpfen. Mehr Von Thomas Klemm

27.05.2016, 13:01 Uhr | Finanzen
Parteitag der Linken Wagenknecht gibt sich nach Tortenangriff gelassen

Ein Tortenangriff hat am Samstag nicht nur auf dem Linken-Parteitag in den Messehallen Magdeburg für Aufregung gesorgt. Die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht war bekleckert mit dunkler Cremetorte. Von Parteikollegen wurde sie abgeschirmt und dann außer Sichtweite von Kameras und Journalisten gebracht. Nach drei Stunden erschien Wagenknecht erneut auf dem Parteitag und wurde mit stehenden Ovationen empfangen. Gegenüber den Journalisten gab sich die Fraktionsvorsitzende gelassen. Mehr

29.05.2016, 11:00 Uhr | Politik
Was Sahra Wagenknecht schreibt Über diesen Kommunismus könnte man reden

Auf dem Parteitag der Linken hat Sahra Wagenknecht einen schweren Stand. In ihrem Buch Reichtum ohne Gier schreibt sie derweil recht klug über eine gerechte Wirtschaftsordnung. Und sie hat noch eine Rechnung offen. Mehr Von Markus Günther

28.05.2016, 17:58 Uhr | Feuilleton
Tortenwurf Riexinger verurteilt Angriff auf Sahra Wagenknecht

Während der Rede von Parteichef Bernd Riexinger auf dem Parteitag der Linken in Magdeburg hat ein Mann die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht mit einer Torte angegriffen und sie im Gesicht getroffen. Diskret wurde sie aus dem Saal gebracht - ebenso wie der Angreifer und seine Begleiter, die die Veranstaltung zuvor mit offenbar unverständlichen Parolen gestört und Flugblätter verteilt hatten. Mehr

28.05.2016, 16:47 Uhr | Politik
Eurogruppe Griechenland bekommt die nächsten 10 Milliarden

Elf Stunden haben die Euro-Finanzminister verhandelt – jetzt ist klar: Griechenland erhält im Gegenzug für sein jüngstes Spar- und Reformpaket die nächsten 10,3 Milliarden Euro aus dem Hilfspaket. Der IWF signalisiert seine Bereitschaft, sich an weiteren Hilfen zu beteiligen. Mehr

25.05.2016, 07:39 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Anleitung zum Saufen?

Von Kerstin Holm

Das neue Lied „In Petersburg trinkt man“ der Band „Leningrad“ gefällt den Ordnungshütern nicht. Dabei halten sich die Musiker doch nur an die Vorschriften des Zars Peter der Große. Mehr 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“