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Sachbuch Der iPod in unserem Gehirn

12.03.2008 ·  Der Musik kann sich niemand entziehen. Unser Gehirn ist von Melodien und Klängen ganz unwillkürlich beherrscht. „Musicophilia“ nennt der Neurologe Oliver Sacks diese Diagnose, die er im gleichnamigen Buch flott beschreibt. Ein tiefes Musikverständnis eröffnet sich ihm dabei nicht.

Von Julia Spinola
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Ein zweiundvierzig Jahre alter Mann wird vom Blitz getroffen, überlebt einen Herzstillstand und kann schon nach wenigen Wochen problemlos seine Arbeit als Chirurg wiederaufnehmen. Seine medizinischen Werte sind unauffällig. Doch sein Leben hat sich radikal geändert. Der Mensch, der zuvor nur Rockmusik geliebt hatte, wird fortan dominiert von einem suchtartigen Verlangen nach romantischer Klaviermusik. Er kauft sich einen Flügel und investiert Unsummen in Schallplatten, Noten und Klavierunterricht. Er wird überflutet von musikalischen Vorstellungen, die ihn ganze Nächte lang wach halten. Er beginnt zu komponieren und Konzerte zu geben. Und er lässt sich scheiden, weil in seinem Leben kein Platz mehr ist für etwas anderes als Musik. Ein anderer Mann, ein Komponist hochkomplexer atonaler Werke, wird plötzlich von quälenden musikalischen Halluzinationen verfolgt. Er hört höchst „real“ die abgedroschensten Weihnachtslieder und klagt darüber, dass der „iPod in seinem Hirn“ sich nicht ausschalten lasse.

„Musicophilia“ nennt der amerikanische Neurologe und Erfolgsautor Oliver Sacks - Verfasser von „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ und „Awakenings - Zeit des Erwachens“ - sein neuestes Buch, das in den Vereinigten Staaten bereits zum Bestseller wurde. Nicht ganz zufällig klingt diese Wortschöpfung ein wenig wie der Name einer geheimnisvollen Krankheit. Während jedoch die Nekrophilie und die Pädophilie glücklicherweise in unserer Gesellschaft nicht den Regelfall bilden, die Petrophilie nur unter Flechten und Moosen Verbreitung findet, die Frankophilie zumindest in Deutschland ein historisch relativ junges Phänomen darstellt und man selbst von der weltweit verbreiteten Bibliophilie nicht behaupten kann, dass sie jedermann beträfe, handelt es sich Oliver Sacks zufolge bei der Musikophilie um eine universell zu nennende Erscheinung.

Das akustische Vorstellungsbild

Alle Menschen - seltene pathologische Fälle von Amusie, einer angeborenen Tonhöhentaubheit, ausgenommen - sind mehr oder weniger empfänglich für die unzähligen Wirkungen, die Musik auf unser Nervensystem ausübt. Unsere Gehirne sind mit einer einzigartigen Fähigkeit zum inneren Hören ausgestattet, einem System musikalischer Vorstellungskraft, das willkürlich und unwillkürlich aktiviert werden kann und dessen Komplexität die durch andere Sinneswahrnehmungen angeregte Einbildungsfähigkeit weit übersteigt. Gerüche, Bilder oder Geräusche tauchen nicht annähernd so elaboriert in unserem Inneren auf wie Melodien oder Klänge. Nur sprachliche Zusammenhänge können wir genauso detailliert imaginieren wie Musik.

Sacks geht der Frage nach, worin Musikalität bestehe, und kommt zu dem Schluss, dass sie sich nur als ein Zusammenspiel verschiedenartigster Fähigkeiten verstehen ließe. Einfache Unterscheidungsfähigkeiten wie das genaue Erkennen von Tonhöhen, Intervallen, Rhythmen und Tempi zählt er ebenso dazu wie motorische Fertigkeiten, die das Erlernen eines Instrumentes erleichtern können. Eine spezifische Empfindsamkeit hält er für ebenso wichtig wie die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und gleichzeitig in die Vertikale der Harmonik und die Horizontale der Melodik zu hören.

Das spezielle Musikergehirn

Seine Intuition, dass Musiker ein „ganz spezielles Gehirn“ besäßen, sieht Sacks bestätigt durch die Forschungsergebnisse von Gottfried Schlaug und seinen Mitarbeitern, die schon Mitte der neunziger Jahre auf die anatomischen Besonderheiten von Musikerhirnen hingewiesen haben: die Vergrößerung bestimmter Hirnregionen und des Corpus Callosum, das die beiden Hemisphären verbindet, und die größere Menge an grauer Substanz in Regionen, die für die Motorik, die auditive und die räumlich-visuelle Wahrnehmung zuständig sind.

Sacks beschwört das Mysterium der Musik in einer Fülle von anschaulichen, manchmal skurrilen, gelegentlich unglaublichen Fallbeschreibungen, die verschiedenste Aspekte des Themas berühren. Wir erfahren, dass weniger als einer von zehntausend Menschen über das absolute Gehör, also die Fähigkeit, einem gehörten Ton den richtigen Tonhöhennamen zuzuordnen, verfügt, während es jedoch unter Blinden, unter Musikern und unter Chinesen eine ungleich höhere Anzahl von Absoluthörern gibt. Wir wundern uns über einen Psychoanalytiker, der in musikalischen Halluzinationen von einem singenden Rabbi gequält wurde, und über einen nur vermeintlich singenden, in Wahrheit aber tonhöhentauben Kantor, dessen schräge Kantillationen Sacks selbst quälten.

Wir lesen von Synästhetikern, die zu jeder Tonhöhe bestimmte Farben, in selteneren Fällen auch Geschmäcker und Gerüche wahrnehmen. Wir lernen Menschen kennen, bei denen Musik epileptische Anfälle begleitete oder sogar auslöste, und solche, die durch Musik von ernsthaften Krankheiten vollständig oder partiell geheilt wurden - darunter Fälle schwerster Amnesie, Demenz, Aphasie, Parkinson und Schlaganfallsfolgen. Um Erklärungen geht es Sacks in seinem Buch selten - der Untertitel „Geschichten von der Musik und vom Gehirn“ ist durchaus wörtlich zu nehmen.

Flotte Geschichten jenseits des echten Verstehens

Dass Sacks dem Geheimnis der Musik trotz seiner großen Erfahrung, seiner Einfühlungsgabe und seiner Phantasie nicht wirklich näher kommt, liegt auch an einer Voreinstellung, die alle weiteren Erklärungsmodelle blockiert. „Warum diese unablässige Suche nach Bedeutung oder Interpretation?“, fragt er. „Es ist nicht gewiss, dass die Künste überhaupt danach verlangen. Und von allen Künsten tut es die Musik sicher am wenigsten, weil sie am engsten mit den Emotionen verknüpft ist.“ Dass im Reich der Emotionen nichts als die pure Irrationalität regiere, ist nun freilich eine Vorstellung, die spätestens seit Freud, auf den sich Sacks an anderer Stelle durchaus beruft, als widerlegt gelten kann.

Für Sacks aber zerfällt die Musik in zwei unversöhnliche Sphären: eine der formalen, geradezu mathematischen Perfektion und eine der großen, ungeordneten Gefühle. Dass die eine Seite von der anderen nicht zu trennen ist, kann oder will er sich nicht vorstellen. Eine zentrale Qualität von Musik, ihre nichtverbale Ausdruckskraft, bleibt in diesem Buch daher ein blinder Fleck. In den spezifischen Differenzen und Parallelen der Musik zur begrifflichen Sprache wäre jedoch der Schlüssel zu den von Sacks beobachteten, scheinbar durch und durch nur rätselhaften Phänomenen zu suchen. Ohne diese Anstrengung bleibt es bei einem flotten Spaziergang durch ein Kuriositätenkabinett.

Oliver Sacks: „Musicophilia. Tales of Music and the Brain“. Alfred A. Knopf Verlag. New York/Toronto, 2007. 381 S., geb., 19,60 Euro.

Quelle: F.A.Z., 12.03.2008, Nr. 61 / Seite L14
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Jahrgang 1962, Redakteurin im Feuilleton.

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