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Moskaus neuer Nationalismus : Der Stuss mit der russischen Sprache

  • -Aktualisiert am

Russische Begeisterung auf der Krim: Nach dem Ende des Referendums Mitte März 2014 Bild: dpa

Wer russisch spricht, ist Russe. So zumindest legitimiert Moskau seine Aggressionen gegen die Nachbarn. Waffen helfen da nicht, sondern nur eine neue europäische Sprach- und Identitätspolitik. Ein Gastbeitrag.

          Die einfache Frage, wo ich herkomme, bringt mich neuerdings in Bedrängnis. Möchte man wissen, ob ich Russe bin, habe ich Schwierigkeiten, einfach nur ja oder nein zu sagen. Ich bin in Sewastopol geboren, meine Vorfahren waren Ukrainer aus Saporischschja, Juden aus Litauen, Griechen und Deutsche von der Krim. Meine Muttersprache ist Russisch, ich ging in Moskau zur Schule, und ja, einer meiner Urgroßväter, von dem ich so gut wie nichts weiß, hatte einen russischen Familiennamen. Macht das aus mir einen Russen?

          Die Idee des Russischen

          Bis vor kurzem war das auch irgendwie egal - bis der sogenannte „russische Frühling“ ausbrach und die sogenannte „russische Welt“ vom Hirngespinst völkischer Träumer zur grausamen Realität wurde.Das Wort „Russe“ scheint innerhalb und außerhalb der Russischen Föderation völlig unterschiedliche, teilweise entgegengesetzte Bedeutungen zu haben. Die gegenwärtige Idee des Russischen ist im Wesentlichen ein Produkt der sowjetischen Nationalpolitik, die sich mal an Sprachen, mal an Blut und Boden, mal an pragmatischen Bedürfnissen der Verwaltung orientierte. Konstant waren ihre Inkonsequenz und eine bizarre Hierarchie, in der manche Völker als eine Art von Staatsnationen galten, manche als Minoritäten, die immerhin eigene Autonomien verdienten, und manche als nicht beachtenswert. Einige wenige Ethnien waren privilegiert, für andere wiederum gab es Einschränkungen. Jeder Bürger wurde einer und nur einer Ethnie zugeordnet, es wurde in den Personalpapieren vermerkt und sollte bei allen amtlichen Anlässen angegeben werden. Wer die Möglichkeit hatte, ließ sich als Russe eintragen.

          Jeder beachtenswerten Ethnie wies die Sowjetunion ein Gebiet und eine Sprache zu; die russische Sprache und das russische Volk sollten diesen Bund zu einem einheitlichen Ganzen zusammenkleistern. Alle hatten ihr eigenes Territorium, nur die Russen nicht. Sie waren überall zu Hause, ihr Nationalstaat war die ganze UdSSR. Das Wort „Russe“ bedeutete so etwas wie einen Sowjetmenschen ohne besondere Merkmale, einen, der keinen ungewöhnlichen Namen, keine Schlitzaugen, keine Adlernase besaß und keine eigene Sprache sprach, die nicht Russisch war. So hatte ich als Halbjude mit charakteristischen Gesichtszügen in der UdSSR keine Chance, mich unbemerkt unter die Russen zu mischen. Nach der Auflösung der Sowjetunion blieb diese Konstruktion in Russland bestehen, in den neu gegründeten Staaten erlebte sie aber eine Transformation. Von nun an zählte nur noch die russische Sprache.

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          In der Russischen Föderation leben 113 Millionen Menschen, die sich als Russen bezeichnen, und 130 Millionen, die Russisch als ihre Muttersprache angeben. Außerhalb Russlands sprechen circa 50 Millionen muttersprachlich Russisch. Sie leben in der Ukraine, in Weißrussland und Kasachstan, aber auch im Baltikum und in anderen europäischen Ländern, schätzungsweise mehr als drei Millionen allein in Deutschland, sowie in Israel und in den Vereinigten Staaten. Wie viele dieser Menschen sich selbst als Russen definieren, ist eine offene Frage. Der „russische Frühling“ stürzte viele von ihnen in eine ernsthafte Identitätskrise. Doch aus der Sicht der russischen Regierung, die auch von vielen Bürgern geteilt wird, sind sie alle Russen; Russland hat auf sie einen gewissen Anspruch und kann mit ihrer bedingungslosen Liebe rechnen. Auch wird jedem „Russen“ der Wunsch unterstellt, die russische Staatsbürgerschaft besitzen und in Russland leben zu wollen. Im russischen Staatssprech heißen alle ausländischen Russischsprecher „Landsleute“, unabhängig davon, wo sie leben und was sie von Russland halten.

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