Die Krise verlangt von einer schönen Russin inspirierende Visionen. Maria Sergejewa, das blonde Nachwuchstalent der Kremlpartei „Einheitliches Russland“, hat jedenfalls begriffen, dass sie bei ihren Landsleuten heute die nationale Begabung zum Träumen aktivieren muss. Unser Problem sind ja nicht gefallene Ölpreise oder finanzielle Unannehmlichkeiten, sagt die vierundzwanzig Jahre junge Parteistrategin. Die Leute haben vor allem Angst vor der Zukunft, spürt sie, und die versucht sie, ihnen zu nehmen.
Beispielsweise durch ihre Hymne auf die einheimische Autoindustrie, die sie zum Star einer patriotischen Jugenddemonstration am Roten Platz und dann des russischen Internets machte. In dem epochalen Partei-Videoclip der „Jungen Garde des Einheitlichen Russland“ sieht man die engelhafte Maria Sergejewa am Steuer eines Lada sitzen, von wo sie in die Kamera blickt und unsichtbare Milliardäre anfaucht. Die hätten immer nur konsumiert, erklärt sie mit klirrender Sopranstimme, und „uns“, also offenbar die Parteijugend des „Einheitlichen Russland“, vor der Krise, als noch andere Werte galten, „in den A . . . geschickt“. An dieser Stelle haben die Produzenten den jedem verständlichen Kraftausdruck wegzensiert, mit dem die Polit-Prinzessin jedoch Bodenhaftung beweist. Jetzt aber gelte es, einen Lada zu bauen, der besser ist als ein Lexus, lautet die griffige Formel der Jungaktivistin, die für eine Werbeagentur gearbeitet hat, bevor sie auf die Politik umsattelte. Wer Putin kritisiert, schulde dem Premier ein Rezept, wie man das macht, predigt sie. Dann skandiert sie aus dem Autofenster: „Ein Lada springt bei Frost tadellos an“ - als könne sie so den Liebhabern ausländischer, mit abermals erhöhten Schutzzöllen belegten Limousinen den Kauf eines Inlandsautos schmackhaft machen.
Ein EU-Beitritt Russlands? Das war zu viel!
Maria Sergejewa, die aus der Moskauer Plattenbausiedlung Jassenewo stammt, ist der erste Reklameprofi, der in die öffentliche Politik strebt. Angesichts ausgeklügelter Polittechnologien, womit in Russland Parteien aus dem Hut gezaubert, neutralisiert und unliebsame Politiker gedoubelt oder dämonisiert werden, erscheint das freilich nur als konsequenter Schritt. Auch, dass die image-bewusste Patriotin ihre politische Laufbahn vor vier Jahren als Mitglied der Demokratischen Partei Andrej Bogdanows begann, einer Kremlkreation, die vor allem die Aufgabe hatte, die ohnehin schüttere demokratische Wählerschaft weiter zu verdünnen. Der Fernsehzuschauer erlebte Bogdanow zu Wahlkampfzeiten als dauergewellten Künstlertyp, der sich zu europäischen Werten bekennt und neben der EU-Fahne posiert.
Bogdanow, obendrein ein bekennender Freimaurer, hat im vergangenen Jahr als symbolischer Präsidentschaftskandidat seine Mission offenbar erfüllt. Im November löste sich seine Partei auf. Anfangs aber habe Bogdanow, der für mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Russland agitierte, sie begeistert, versichert Maria voll Aufrichtigkeit. Doch als der Kapitän der Minipartei sich für Russlands EU-Beitritt aussprach, verließ sie sein Schiff. Die Europäische Union sei für Russland ein Partner, urteilt der aufsteigende Stern an Russlands politischem Firmament. Doch ihr Land müsse unabhängig von ihm bleiben.
Das positive Denken unter Schmerzen lernen
Zum Interviewtermin im Moskauer Café „Etage“ erscheint die anmutige Maria Sergejewa im superkurzen, zierlich unter der Brust gerafften Baumwollkleid. Auf hohen weißen Lacksandalen umschwebt sie die Plastikpolsterbänke, die dem Lokal die Atmosphäre eines altmodischen Eisenbahnzuges verleihen. Doch selbst in Stilfragen gibt Maria sich als Vaterlandsverteidigerin. Achtzig Prozent der Kleider in ihrem Schrank stammen von russischen Designern, lässt sie wissen, während sie sich eine extradünne Vogue-Zigarette anzündet. Dazu gehören auch die glänzende Beuteltasche und die bunte Halskette, die sie heute trägt. Nur auf die Frage nach ihrer feinen Duftaura gesteht sie: „Euphoria“ von Calvin Klein.
Maria Sergejewa hat das positive Denken unter Schmerzen gelernt. Der demokratische Aufbruch, die freien Wahlen während der neunziger Jahre waren wirklich faszinierend, erinnert sie sich. Doch der Preis dafür war hoch. Marias Mutter, die als Buchhalterin bei einem wissenschaftlichen Institut arbeitete, bekam manchmal über Monate ihr Gehalt nicht oder in Naturalien, beispielsweise Bimsstein, ausbezahlt, berichtet die Tochter. Lange ernährte die Familie Sergejew sich hauptsächlich von Buchweizengrütze. Sonntags gab es Buchweizengrütze mit Würstchen. Doch Putin hat mein Land gerettet, sagt Maria. Er ist für mich der Ritter, fügt sie mit leuchtenden Augen hinzu. Seinetwegen werden die Renten gezahlt, und in Tschetschenien herrscht Frieden.
Die Tarnuniform steht ihr besonders gut
Maria Sergejewa fühlt sich als neue Komsomolzin, die durch Enthusiasmus andere mobilisiert. Öffentliches Engagement liege bei ihr in der Familie, sagt sie. Ihre Mutter sei dem Jugendverband der KPdSU beigetreten, um zu studieren. Der Großvater war Pionier, die Großmutter eine verdiente Veteranin der Arbeit. Es sei die Tragödie ihrer Generation, dass Arbeit für sie nicht mehr ein Wert an sich sei, findet sie. Doch sie sieht sich dazu berufen, dieser von ihr gern beschworenen Generation das Arbeiten wieder beizubringen. Viele Altersgenossen wollten heute nur in einem Büro herumsitzen und viel Geld dafür bekommen, klagt Maria, die freilich selbst jahrelang im Büro der „Jungen Garde“ (Molodaja gwardia), des Jugendverbandes des „Einheitlichen Russland“, tätig war. Ihr Vorbild sind jene Komsomolzen, die in den siebziger Jahren über die „Stiljagi“, Nomenklatura-Kinder, die einem westlichen Lebensstil frönten, herfielen. Darüber, dass die geschmähten Elite-Sprösslinge mehrheitlich natürlich ebenfalls Komsomol-Mitglieder waren, geht sie elegant hinweg.
Ungefähr hundertfünfzig neue Komsomolzen des „Einheitlichen Russland“ verdingen sich jetzt schon auf Großbaustellen im südrussischen Olympiaort Sotschi, freut sich Maria Sergejewa. Ja, das würde sie auch unbedingt tun, antwortet sie auf die Frage - wenn sie nur drei Jahre jünger wäre. Stattdessen schult sie Bloggernachwuchs für den Kreml. Den meisten Nutzen freilich brächte sie ihrem Land als Politikerin, ist Maria überzeugt. Ein Philosophiestudium, für das sie sich jetzt bei der Moskauer Staatsuniversität bewirbt - denn die sei die prestigeträchtigste -, erscheint ihr dafür die ideale Grundlage.
Doch erst einmal begeht Maria Sergejewa den Beginn der warmen Jahreszeit mit Kriegsspielen im Wald. Sie gehört zu jenen bis zu zweitausend „Strikeball“-Begeisterten, die in einem Zeltlager vor Moskau mit Waffenimitaten, die Plastikkugeln verschießen, regelmäßig Stellungsgefechte austragen. Frauen sind dort eine kleine Minderheit, sagt Maria, der die Tarnuniform besonders schön steht. Sie kämpfen auch anders als Männer, hat die Scharfschützin des politischen Dschungels beobachtet. Eine Amazone operiere vorzugsweise aus dem Hinterhalt. Dafür treffe sie ihr Ziel, versichert Russlands neue Diana, auch über weite Entfernung.