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Russlands Kampf : Die Supermacht, die Europa die kalte Schulter zeigt

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Im Skulpturenpark der Moskauer Tretjakow-Galerie steht Sowjetdiktator Stalin - als prachtvolles, poliertes Granitidol aus den dreißiger Jahren: Der Verheizer seines Volkes hat bei diesem längst wieder viele Anhänger Bild: Olaf Meinhardt / VISUM

Russland entscheidet sich nicht für den Frieden, sondern für den Krieg, nicht für die Zukunft, sondern für die Vergangenheit. Russland hatte als westliches Land aufgebaut werden sollen? Heute geht es um den Kampf gegen den Rest der Welt.

          Das rote Imperium, die Sowjetunion, wurde von Stalin aufgebaut, den Lenin als Liebhaber von „scharfen Gerichten“ bezeichnete. Jetzt kocht Putin sein scharfes Gericht.

          Leere Regale in den Geschäften und Schlangestehen für Toilettenpapier sind Geschichte, doch das satte Leben, das wir heute führen, mündete nicht in Demokratie, sondern belebte die Großmachtphantasien wieder. Der russische Traum ist es, eine Großmacht zu sein und anderen Angst einzujagen. Blitzinterviews, die ich auf der Straße geführt habe, enden immer gleich: „Zuerst die Olympischen Spiele in Sotschi, dann holten wir uns die Krim zurück. Und jetzt wurden wir auch noch Hockey-Weltmeister.“ Folgender Witz macht bei uns gerade die Runde: „Alle dachten, Russland sei in die Knie gegangen. Dabei schnürte es sich nur die Kampfstiefel zu.“

          Früher haben wir zwanzig Jahre lang erzählt, wir würden ein westliches Land aufbauen, doch der liberale Schleier ist im Nu verflogen. Das Wir-sind-der-Westen-Spiel ist vorbei. Der Westen sei gefühllos und pragmatisch und Russland herzensgut und spirituell. Der Westen sei im Verfall begriffen, und Putin trete in der Rolle als Verfechter traditioneller Werte auf, heißt es. Russland ist bereits ein fundamentalistisches Land. Es ist gefährlich, zuzugeben, dass man Atheist ist, und eine Diskussion zu dem Thema zu beginnen. Freiwillige Patrouillen greifen auf den Straßen Homosexuelle auf, verprügeln sie; manchmal zu Tode. Im Internet findet derzeit eine Abstimmung darüber statt, ob man die Fastfood-Kette McDonald’s in Russland verbieten soll. Innerhalb weniger Tage wurden bereits Zehntausende Unterschriften gesammelt.

          Russland wendet sich dem Osten zu

          Patrioten rufen dazu auf, den Urlaub ausschließlich in Russland zu verbringen. Und all den Russen, die sich auf der Krim erholen wollen, verspricht der Staat, eine beträchtliche Summe beizusteuern. Mit Geld wird die Liebe zu diesem neuen Putinschen Russland belohnt. Fremdsprachenkenntnisse sind bereits heute verdächtig - vergesst die Sorbonne, studiert zu Hause, heißt es. Die Ausreise russischer Wissenschaftler ins Ausland wird immer wieder durch Einschränkungen erschwert. Die russische Duma verabschiedete eigens ein Gesetz, das die Adoption von Waisenkindern ins Ausland verbietet, selbst schwerkranker Kinder, denen in Waisenheimen, in denen es an elementarer medizinischer Versorgung wie Jod und Verband mangelt, nicht geholfen werden kann.

          Die Abgeordneten allerdings lassen sich, wenn sie krank sind, im Ausland behandeln und schicken ihre Kinder natürlich an westliche Universitäten. In westlichen Banken verstecken sie ihr Geld und kaufen im sicheren Ausland ihre Immobilien. Das Volk und die Machthaber, so viel ist klar, leben in völlig verschiedenen Ländern.

          Wer im Käfig lebt, den kann man besser steuern, erst recht wenn man Radio, Fernsehen und die Zeitungen fest im Griff hat. Der russische Patriotismus ist eine einzigartige Methode, die Menschen dazu zu bringen, auf ihr miserables Leben auch noch stolz zu sein.

          Vor dreihundert Jahren öffnete der russische Zar Peter der Erste ein Fenster nach Europa, Putin nagelt es nun wieder zu. Da verhält er sich nicht anders als die Kommunisten.

          Russland wendet sich dem Osten zu. Der Eurasianismus ist en vogue. Die eurasische Union als Gegenpol zur Europäischen Union. Wir haben uns in Russland von Europa verabschiedet. Täglich bringt das Fernsehen Sendungen über China. Längst ist das Land ein Verbündeter Russlands. Im vergangenen Jahr stieg die positive Haltung gegenüber China um vierzig Prozent. Der Kreml sagt unverhohlen, dass der Westen der wichtigste Gegner von Russland war - und bleibt.

          „Höchste Zeit, abzuhauen!“

          Heute gibt Russland dem Westen die Schuld an allem: am Kollaps der Sowjetunion, an der Katastrophe von Tschernobyl, am Untergang des U-Boots „Kursk“. Selbst das Internet, so die verrückte Theorie, sollen westliche Geheimdienste erfunden haben. Der Dollar sei nur ein unnützes Stück Papier. Und die Krim gehöre sowieso uns!

          Russland sagte der ganzen Welt den Kampf an und wird zum Anziehungsort sämtlicher antiwestlicher Kräfte. Russlands Argumente sind Atomwaffen und Energieressourcen. Es plustert sich auf angesichts des Erfolgs, es erinnert heute fatal an die deutsche Gesellschaft der dreißiger Jahre. In jüngsten Umfragen geben 71 Prozent der Bevölkerung zu, für den Westen wenig übrigzuhaben, insbesondere für Amerika. Gekauft werden allerdings nur westliche Smartphones, Computer, Fernseher, Autos und keine kubanischen oder nordkoreanischen.

          Eine neue Migrationswelle erfasst das Land, die größte seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Besten gehen weg - diejenigen, die dachten, sie würden ein europäisches Russland aufbauen. Und wenn sie nicht selbst gehen, dann schicken sie ihre Kinder ins Ausland. Man hat sich daran gewöhnt, in Moskauer Schulen und Arztpraxen immer häufiger einem Tadschiken oder Usbeken als Arzt oder Lehrer zu begegnen. Die Russen sind längst weg.

          Anstelle der Zukunft wählen sie die Vergangenheit

          Man braucht keine Zeitungen zu lesen, man braucht nur den Menschen in den Warteschlangen vor den europäischen Botschaften in Moskau zuzuhören, um zu verstehen, was heute in Russland los ist. Ich stellte dort die ewige russische Frage: „Was tun?“ Als Antwort kam: „Höchste Zeit, abzuhauen!“ Hier ein paar Beispiele aus den Gesprächen:

          „In den neunziger Jahren träumten wir davon, Russland in ein westliches Land zu verwandeln. Ich arbeitete in der Gesellschaft ,Memorial‘, wir erforschten die schreckliche Wahrheit über die stalinschen Repressionen. Jetzt braucht sie niemand mehr. Die Stadt Wolgograd will man wieder in Stalingrad umbenennen. Gefragt ist eine ,starke Hand’, um das Imperium wiederauferstehen zu lassen. Ich lebe mit dem Gefühl der Niederlage.“

          „Ich gehe weg, weil ich Lesbierin bin. Meine Lebensgefährtin und ich haben zwei Kinder. Ich möchte nicht, dass man sie uns wegnimmt und ins Waisenheim steckt.“

          „Mein Vater ist ein Antiwestler. Er sagte zu mir, heute würden nur die Verräter Russland verlassen. Aber ich hasse dieses größte Land der Welt. Ich hasse dieses Sklavenvolk, das in die Kirche geht und sich bekreuzigt, danach aber stiehlt und mordet. Ich schrieb auf Facebook, dass ich für die Majdan-Bewegung in der Ukraine bin. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Schmutz und Hass mir entgegenschlug. Bislang spielt sich das alles auf Facebook ab, doch bald wird es auf die Straßen überschwappen. Ich fürchte, dass es zum Bürgerkrieg kommen wird.“

          „Noch vor einem Jahr hätten wir uns nicht vorstellen können, wegzugehen. Jetzt sind die Koffer gepackt. Ein normales Leben wird es hier so schnell nicht mehr geben.“

          Anstelle von Frieden wählen wir den Krieg. Anstelle der Zukunft die Vergangenheit. Während ich diesen Artikel schrieb, erhielt ich einen Anruf. Jemand sagte in den Hörer: „Ich habe deine Bücher gelesen, deine Artikel. Ich habe gelesen, wie du Russland mit Schmutz überziehst. Du bist eine Verräterin. Wir werden uns euch alle vormerken. Bald wird unsere Zeit kommen.“

          Ich legte den Hörer auf und trat ans Fenster. Ich hatte so ein Gefühl, als hätte es begonnen.

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