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Veröffentlicht: 20.06.2016, 16:13 Uhr

Russlands Außenpolitik Alter Terror, neuer Terror

75 Jahre nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion begreift Russland seine aggressive Außenpolitik als Fortsetzung des „Großen Vaterländischen Kriegs“.

von Nikolai Klimeniouk
© Ullstein Gemeinsame traumatische Geschichte: Truppen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg am Dnjepr

Vor 75 Jahren, am 22. Juni 1941, griff Deutschland die Sowjetunion an. Damit begann der Krieg, den die UdSSR den „Großen Vaterländischen Krieg“ nannte und den Russland als der Nachfolgestaat heute symbolisch weiterführt, aber nicht nur symbolisch. Diesem Missbrauch der gemeinsamen traumatischen Geschichte sollte man in Deutschland nicht wort- und tatenlos zuschauen.

Eigentlich begann dieser Krieg für die Sowjetunion bereits am 17. September 1939. Am 24. August 1939 hatten der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow und sein deutscher Amtskollege Joachim von Ribbentrop einen Nichtangriffspakt mit geheimen Zusatzprotokollen unterzeichnet, in denen die beiden schlimmsten Diktaturen Europas den Kontinent unter sich aufteilten. Die Sowjetunion verpflichtete sich außerdem, Deutschland mit Erdöl und anderen für die Kriegsführung wichtigen Rohstoffen zu beliefern. Deutschland überfiel Polen am 1. September, die Sowjetunion folgte am 17. September, und am 22. September marschierten die Wehrmacht und die Rote Armee Seite an Seite durch die polnische Stadt Brześć nad Bugiem (heute Brest in Weißrussland) in einer gemeinsamen Siegesparade. In der Zeit danach annektierte die Sowjetunion Teile von Polen, Finnland und Rumänien, dazu Litauen, Lettland und Estland. Sogar der erste Bruch des Hitler-Stalin-Paktes fand somit lange vor dem 22. Juni 1941 statt, denn Litauen wurde der deutschen Interessensphäre zugerechnet.

Ein Verbrechen, das man den Nazis in die Schuhe schob

Alle Länder, welche die Sowjetunion in den ersten zwei Kriegsjahren überfiel, waren ihr militärisch weit unterlegen. Lediglich Finnland leistete ernsthaften Widerstand und konnte sich mit anfangs nur 30 bis 60 Panzern und etwa 200 Flugzeugen gegen den Angreifer mit etwa 2300 Panzern und genauso vielen Flugzeugen relativ erfolgreich verteidigen und büßte nur einen Teil seines Gebiets und seiner Souveränität ein. Die finnische Armee kämpfte ausschließlich auf eigenem Boden und ohne Einsatz von Massenvernichtungswaffen, dennoch standen die immensen sowjetischen Verluste - geschätzte 126 000 Mann - in keinem Verhältnis zur militärischen Stärke und zu den fünfmal geringeren Verlusten des Gegners. Ursachen dafür waren die Verachtung der sowjetischen Führung für das menschliche Leben und ihre totale Inkompetenz. Dieses Wissen ist wichtig, um den hohen Blutzoll der UdSSR im späteren deutsch-sowjetischen Krieg zu verstehen - er geht ebenso auf die Sowjetunion zurück wie auf den deutschen Aggressor.

Die Einverleibung der besetzten Gebiete in die Sowjetunion bedeutete für die dort lebenden Menschen vor allem eins: Massenterror. Örtliche Eliten, Widerständler, Geistliche, Bürgerliche, Intellektuelle, Nationalisten, Großbauern, Unternehmer, Militärs, russische Exilanten, antisowjetische Elemente wurden zu Hunderttausenden deportiert oder ermordet. Lediglich „Volksdeutsche“ konnten diesem Schicksal durch Umsiedlung ins Deutsche Reich entkommen, so etwa die Familie des gewählten österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen. Aus den ethnisch gemischten Teilen Polens deportierte die UdSSR fast alle Polen; alle polnischen Offiziere, die der Sowjetunion in die Hände fielen, wurden erschossen. Dieses Verbrechen schob man den Nazis in die Schuhe und leugnete es bis 1989. Kein Wunder, dass nicht wenige Menschen den deutschen Überfall anfangs als Befreiung empfanden und erst nach einer Weile begriffen, womit sie es in Wirklichkeit zu tun hatten. Ähnlich erlebte Osteuropa am Ende des Krieges die Befreiung durch die Sowjetunion.

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