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Veröffentlicht: 05.02.2016, 20:21 Uhr

Russlanddeutsche Das Märchen aus Marzahn

Wir wissen wenig über unsere russischstämmigen Mitbürger und ihre Gesinnungslage. Viel zu wenig. Ein Versuch, für Aufklärung zu sorgen.

von Nikolai Klimeniouk
© dpa Leben ohne Angst: Russlanddeutsche demonstrieren Ende Januar gegen Gewalt und für mehr Sicherheit – teilweise kam es zu hässlichen Szenen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow ist dreist. Er schaffte es sogar, seinen zahmen und stets russlandfreundlichen deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier aus der Fassung zu bringen. Lawrow warf den deutschen Behörden vor, die angebliche Entführung und Vergewaltigung eines 13-jährigen russlanddeutschen Mädchens durch drei arabische Männer aus „politischer Korrektheit“ vertuschen zu wollen, und versprach dem Mädchen, welches er „unsere Lisa“ nannte, konsularische und sonstige Unterstützung. Es gebe keinen Grund, sagte daraufhin Steinmeier, den Fall für politische Propaganda zu nutzen, um damit die ohnehin schwierige Migrationsdebatte in Deutschland anzuheizen.

Doch für Lawrow und für die russische Staatsmaschinerie gibt es nicht einen, sondern gleich mehrere Gründe, das Berliner Familiendrama zu politisieren. Zum einen liegt es im russischen Interesse, in Deutschland Unruhe zu stiften und damit Angela Merkel zu schwächen, weil sie die Schlüsselfigur hinter den Sanktionen gegen Russland ist. Zum anderen erhebt Russland generell einen Hoheitsanspruch auf alle russischsprachigen Menschen außerhalb seiner Grenzen und betrachtet sie als seine Schutzbefohlenen und natürlichen Alliierten. Dies war der Vorwand für den Überfall auf die Ukraine und der Anlass für unzählige Provokationen im Baltikum.

Ganz plötzlich extrem moskauhörig

Nun ist auch Deutschland mit seiner millionenstarken russischsprachigen Minderheit das Ziel der russischen hybriden Kriegsführung geworden, deren Bestandteil auch Volksverhetzung durch massive Propaganda ist. Nach den hetzerischen Berichten der russischen Staatsmedien gingen insgesamt mehr als zehntausend überwiegend Deutschrussen in verschiedenen deutschen Städten auf die Straße, mancherorts kam es zu Handgreiflichkeiten und hässlichen Szenen. Die russischsprachige Community, die seit Jahren als Musterbeispiel der gelungenen Integration gilt, erwies sich ganz plötzlich als extrem moskauhörig und als sehr anfällig für fremdenfeindliche Parolen und antieuropäische Propaganda.

Das Einzige, was daran überrascht, ist, wie wenig man in Deutschland über die russischsprachigen Mitbürger weiß. Man weiß nicht einmal genau, wie viele es sind, mal ist von drei Millionen Menschen die Rede, mal von sechs. Die letzte Zahl scheint realistischer: Seit den neunziger Jahren sind etwa 2,5 Millionen deutschstämmige und etwa 300.000 jüdischstämmige Bürger der ehemaligen UdSSR mit ihren Familien eingewandert. Dazu soll man aber noch ihre in Deutschland geborenen Kinder, nachgezogene Angehörige, Arbeitsmigranten und Ehepartner deutscher Bürger rechnen. Es handelt sich also um ungefähr jeden fünfzehnten Einwohner der Bundesrepublik.

Von der Forschung kaum beachtet

Das Interesse der deutschen sozialwissenschaftlichen Forschung an russischsprachigen Einwanderern ist aber gegenwärtig ziemlich gering. Es sei in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren stark zurückgegangen, sagt die Sozialanthropologin Tsypylma Darieva von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, weil diese Gruppe als gut integriert und insgesamt unproblematisch gilt. Die zweite Generation werde von der Forschung kaum beachtet. „Wenn uns mal jemand ins Auge fällt, dann ist es einer der wenigen Noch-nicht-Angekommenen, weil er zum Beispiel am helllichten Tag Alkohol trinkt und Russisch spricht“, behauptete der Migrationsforscher Jannis Panagiotidis von der Universität Osnabrück noch im September 2015 in einem F.A.Z.-Interview, „aber die große Mehrheit der Spätaussiedler geht heute geräuschlos ihrem Alltag nach und lebt unauffällig in ihrem Eigenheim“.

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