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Flucht aus Russland : Arm ein Land, das keine Helden mehr hat

Zukunft des Landes liegt in der Jugend: Studenten der Staatlichen Universität St.Petersburg Bild: AFP

Es ist ein Thema, dass der Kreml am liebsten totschweigen würde: Immer mehr junge Russen verlassen ihre Heimat – darunter auch zahlreiche Akademiker. Wie will Moskau die Massenflucht aufhalten?

          Der Abfluss von Menschen und Kapital aus Russland verliert nicht an Fahrt. Ausländische Investoren haben im vergangenen Quartal mehr als anderthalb Milliarden Dollar aus russischen Aktien abgezogen. Und während kremltreue Medien eine stabile Zustimmungsrate zu Präsident Putin von achtzig Prozent vermelden, möchten, so fand das staatliche Umfrageinstitut WZIOM heraus, zugleich rund zehn Prozent der Bewohner das Land verlassen. Unter den Jüngeren, Gebildeteren soll es bis zu einem Viertel sein. Dass viele Absolventen russischer Hochschulen ihre dort erworbenen Kompetenzen in eine Gesellschaft und Karriere im Westen investieren möchten, alarmiert den Russischen Akademischen Fonds, der sich um das Ansehen und die Vernetzung der Universitäten des Landes bemüht. Die Stiftung, der Roman Putin, ein Neffe des Präsidenten, vorsitzt, sorgt sich insbesondere um die junge Generation der technischen Intelligenz. Roman Putins Institut hat sich deshalb an den Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit dem Vorschlag gewandt, Absolventen technischer Hochschulen mit Bestnoten oder solche, die an strategischen Unternehmen, insbesondere des Rüstungssektors, tätig sind, Aufschub ihres Militärdienstes zu gewähren – und dafür ihre Reisefreiheit zu beschränken.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es emigrieren aber auch gestandene Kritiker des Systems, die eigentlich im Land bleiben wollten, um es irgendwie zu verändern. Ein solcher Fall ist Arkadi Babtschenko, ein Kriegsjournalist und -schriftsteller, der an den Tschetschenien-Feldzügen der neunziger Jahre teilgenommen hatte und aus diesem Erfahrungsschatz eine neue realistische Literatur prägte. Kenntnisreich und illusionslos schrieb Babtschenko für die unabhängige Zeitung „Nowaja Gaseta“ über Hintergründe und Realität der von Russland gelenkten Okkupation der Ostukraine und wollte seiner Mission „bis zuletzt“ treu bleiben. Doch vor einigen Monaten bekannte er in den sozialen Netzwerken, er erwäge das Angebot einer Tätigkeit im „freien Europa“, weil dort seine Tochter eine Schule besuchen könne, in der sie nicht indoktriniert werde. Die Entscheidung fiel im Frühjahr, nachdem Babtschenko zum Absturz der Militärmaschine, die zu Weihnachten mit dem Alexandrow-Musikensemble der russischen Armee nach Syrien unterwegs war, gepostet hatte, man könne die Opfer, die sich für Putins Interventionskrieg instrumentalisieren ließen, im Grunde nicht betrauern. Er erhielt daraufhin massive Drohungen und zog schließlich nach Prag um, von wo er die Zustände daheim nur umso bissiger kommentiert.

          Ende vergangenen Monats wurde in der Moskauer Kutafin-Akademie für Jurisprudenz eine Tafel angebracht, die daran erinnert, das Stalin 1924 in diesem Institut eine Rede hielt. Die Gedenkplatte war unter Chruschtschow entfernt, aber nicht vernichtet worden. Der Rektor der Hochschule, Viktor Blaschejew, der sie wieder aufhängte, wollte damit offensichtlich seine Loyalität zum Kreml demonstrieren. Putins Menschenrechtsbeauftragter Michail Fedotow appellierte an Blaschejew, die Tafel zu entfernen, im Netz werden Unterschriften für eine Petition gesammelt, die das Gleiche fordert, der Staranwalt Genri Resnik, der an der Akademie lehrt, kündigte aus Protest. Alles windelweich, findet Babtschenko. Solange in solchen Fällen nicht jemand die Axt nimmt und Stalin-Memorabilien einfach demoliert, werde sich in Russland nie etwas ändern, mailte er aus Prag.

          Das richtige Verhalten in einem Unrechtsstaat

          Einige daheimgebliebene Oppositionelle reagierten empört. Wer entschlossenes Handeln einklage, solle das selbst vorleben, statt in Prag Pils zu süffeln, wütete der demokratische Politiker Wladimir Milow. Auch die Putin-kritische Netzjournalistin Rimma Poljak gesteht, Babtschenkos Kommentare seien, seit er dem russischen Sündenpfuhl entfloh und nicht mehr die Nöte seiner Landsleute teilt, wenig wert. Die gleiche Ansicht bekundet die Bürgerrechtlerin Elena Tscherepnjowa. Eine Nutzerin erinnert die Netzgemeinde jedoch daran, dass Babtschenko sich oft an Protestaktionen beteiligte – im Unterschied etwa zu seinem Kritiker Milow – und dass sein Leben tatsächlich in Gefahr war. Ein anderer freut sich einfach für den Emigranten, weil er nun in Sicherheit sei.

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          In diesem Streit um das richtige Verhalten in einem Unrechtsstaat geht es auch, obwohl niemand den Ausdruck benutzt, um politische Schönheit. Es mangelt der russischen Zivilgesellschaft an Helden, die der staatlichen Repressionsmaschine mutig und opferbereit entgegentreten, ist der allgemeine Konsens. Babtschenkos Ideal ist der unbewaffnete tätliche Widerstand gegen illegitime Machthaber wie auf dem Kiewer Maidan 2014. Das habe die russische Protestbewegung, etwa gegen die Duma-Wahlfälschung vor fünf Jahren nicht fertiggebracht. Die qualitativen Unterschiede zwischen der ukrainischen Gesellschaft und Staatsmacht auf der einen und der russischen auf der anderen Seite erörtert Babtschenko nicht. Russlands frustrierte Oppositionelle werfen einander Kleinmut vor. In einem Schützengraben sitzend, streiten sie vorzugsweise miteinander. Unterdessen wanderte schon wieder ein Putin-Gegner aus, der Saratower Politiker Wjatscheslaw Malzew, der in seinem Youtube-Kanal „Artpodgotowka“ („Vor-Bombardement“) gegen Korruption, Präsident Putin und dessen Ukraine-Feldzug agitiert, dabei indes noch nationalistischer ist als der Korruptionsbekämpfer Alexej Nawalnyj. Gegen Malzew war ein Strafverfahren wegen Extremismus eröffnet worden. Wenn schon Nationalisten aus Russland fliehen, meint ein Kommentator, so gebe das ernsthaft zu denken.

          Quelle: F.A.Z.

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