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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Russland Der sibirische Tiger erwacht

 ·  Russlands reichste Provinz fühlt sich schon lange von Moskau ausgebeutet. Jetzt reicht es vielen Sibirern: Sie wollen nicht länger gemolkene Bürger zweiter Klasse sein.

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© Barbara Schäfer Sibiriens „Hauptstadt“ Nowosibirsk

Wenn Moskauer auf die Straße gehen, um gegen die übermäßige Alimentierung der Kaukasusrepubliken zu demonstrieren - insbesondere nach Tschetschenien wird etwa zweieinhalbmal so viel Geld pro Person geleitet wie in eine russische Durchschnittsregion -, so fühlen sie sich als rechtmäßige Nutznießer der Rohstoffexporte aus Sibirien. Doch immer mehr Bewohner ihres asiatischen Landesteils sind damit nicht mehr einverstanden.

„Wir haben Moskau genug gefüttert“ lautet die Parole, die seit einiger Zeit durch die stetig an Bevölkerung verlierende Landmasse hinterm Ural hallt. Die verbleibenden Sibirer, die den Löwenanteil von Russlands Nationalprodukt bestreiten, aber ihre Steuereinnahmen zu siebzig Prozent an das föderale Zentrum abführen müssen, protestieren immer wütender gegen das Schicksal des Rohstoffausbeutungsterritoriums, das die Geschichte ihnen zuerkannt hat.

In Sibiriens „Hauptstadt“ Nowosibirsk, in dessen Zentrum Cafés und Boutiquen urbanes Flair ausstrahlen, aktiviert der international bekannte Künstler Artjom Loskutow mit seinen kollektiven Aktionen zivilgesellschaftliche Keime. Doch er produzierte auch den Dokumentarfilm „Öl für nichts“ (Neft w obmen na nitschewo), der vorführt, dass die Städte in Russlands Hauptgeberregion durch das miserable Straßennetz eher voneinander getrennt als miteinander verbunden werden.

Der Zehnte als Tribut

Die schlechten Flughäfen mit ihren verkürzten Landebahnen und der veralteten Fluglotseninfrastruktur halten die sibirischen Flugzeugunfallziffern auf Drittweltniveau. Überdies ist es infolge des monopolisierten Flugverkehrs für Passagiere aus Fernost billiger, über China nach Moskau zu fliegen als direkt. Und das bei Einkommen, die weit unter denen in Moskau liegen, während Lebensmittel oft teurer sind.

In der Baikal-Stadt Irkutsk gründete der sibirische Nationalist Michail Kulechow schon vor der Jahrtausendwende die „Befreiungsarmee Sibiriens“ oder OAS, die er, auf die nachdrückliche Empfehlung der Staatssicherheit hin, umbenannte in „Regionale Alternative“ (Oblastnaja alternativa Sibiri). Wie viele zornige Lokalpatrioten betrachtet Kulechow die Moskauer Zentralmacht als Organisation von Okkupanten, die ortsfremde „Migranten“ auf Gouverneursposten setzt, die sibirische Industrie bewusst in den Bankrott getrieben hat und die Reichtümer des Landes auf Offshore-Konten leitet.

Die Goldene Tatarenhorde verlangte einen Zehnten als Tribut, erklärt Kulechow, und das nannte man tatarisches Joch! Was solle man da zu einem Regime sagen, das siebzig Prozent wegnimmt, ereifert er sich. Aktivisten der „Regionalen Alternative“ traten sogar an der angesehenen Irkutsker Universität als Experten auf, um mit Wirtschaftsstudenten über Entwicklungsmodelle der Region zu debattieren. Das veranlasste die Fahnder der Staatsanwaltschaft, in der Hochschule nachzuforschen, ob dort nicht etwa Separatismus gelehrt würde. Auch wenn sie inzwischen Entwarnung gaben, war das für die Universitätsleitung ein deutliches Signal.

Sibirische Freiheit, sibirischer Wille

Ganz ähnliche Klagen wie die Irkutsker „Alternative“ führt in Nowosibirsk die Autonomiebewegung „Sibirskaja wolja“, die sich vor allem auf die Internetgemeinde, die Kreativen und die Unternehmer in der Anderthalbmillionenmetropole stützt. „Sibirskaja wolja“, was zugleich sibirische Freiheit und sibirischer Wille bedeutet, wurde im Frühjahr von dem Rechtsanwalt und Blogger Jewgeni Mitrofanow gegründet, einer Art sibirischem Alexej Nawalnyj.

Mitrofanow leitet die örtliche Stiftung für Verbraucherschutz und zieht Anbieter minderwertiger Waren zur Rechenschaft. Er dokumentiert Veruntreuungen durch Firmen und Behörden im Netz. Außerdem vertritt er vor Gericht bedrängte Geschäftsleute, aber auch düpierte Ladenkunden oder Rentner mit Wohnungsprivatisierungsproblemen. Darüber hinaus organisiert der unermüdliche Mitrofanow Rechtsbeistand für Polizeiopfer.

In Nowosibirsk wird aber auch unter rechten Vorzeichen für mehr Autonomie gekämpft. Vor wenigen Monaten formierte sich die „Sibirische Reichsunion“ (Sibirski derschawnyj sojus), der der wegen Extremismus mehrfach vorbestrafte Wachdienstunternehmer Alexander Budnikow vorsteht. Für Budnikows Anhänger sind Mitrofanow und seine Leute wurzellose Globalisten und „orange“ Verräter. Trotzdem demonstrieren beide Gruppen gemeinsam gegen die Moskauer Requirierungspolitik und weisen zugleich den Vorwurf der Zentrale, sie seien Separatisten, entschieden zurück.

Der „Panzerzug der Freiheit“

Die stolzen Sibirjaken beanspruchen „nur“ Sozialpakete, Renten, Infrastrukturprojekte, wie Moskau sie sich auf ihre Kosten leistet. Sie wollen von ihrem Staat nicht länger als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Ignoranz und Hochmut werden indes nicht nur den Moskauer Machthabern bescheinigt, sondern auch der dortigen Opposition. Im Februar reiste eine Gruppe von Hauptstadtjournalisten und -autoren mit einem „Panzerzug der Freiheit“ durchs Land, der auch in Nowosibirsk hielt. Die Moskowiter Meinungsführer traten in einem Klub auf, um die vermeintlichen Provinzler zum Widerstand gegen das System zu ermuntern. Das kam ganz schlecht an.

Artjom Loskutow hält hier seit 2004 seine „Monstrationen“ ab, oppositionelle Umzüge vor allem junger Leute, die keine Sprechchöre skandieren, sondern selbstgemalte Schilder mit Nonsensparolen tragen. Loskutow, ein Mitbegründer von Mitrofanows „Sibirskaja wolja“, saß dafür schon mehrfach im Gefängnis. Er ist eine Autorität. Seit zwei Jahren werden in Nowosibirsk sogar nicht genehmigte Kundgebungen von der Polizei nicht aufgelöst, schon gar nicht so brutal wie jetzt in Moskau. Die migrierenden „Volksfeste“, die Blogger Nawalnyj erfand, sind nur mutierte Monstrationen.

Nowosibirsk empfindet sich als Avantgarde. Zumal bei den Duma-Wahlen die Kremlpartei „Einiges Russland“, die in Moskau fast die Hälfte der Stimmen bekam, in Nowosibirsk und anderen sibirischen Städten unter dreißig Prozent blieb. Die Wahllokale wurden von aggressiven Beobachtern der Kommunisten, des „Gerechten Russland“ und der Schirinowski-Partei belagert. An Mehrfachwähler-“Karusselle“ oder das Nachschieben zusätzlicher Wahlzettelbündel war nicht zu denken. Und Funktionäre, die Staatsangestellte zu nötigen versuchten, das „Einige Russland“ zu wählen, machten sich und der Partei nur noch mehr Feinde.

Doch Präsident Putin will jetzt die Ressourcen in Sibirien und Russlands fernem Osten durch ein ihm direkt unterstelltes, mit Sonderprivilegien ausgestattetes Staatsunternehmen erschließen lassen. Die neue Kremlfirma soll nach eigenem Gutdünken über Bodenschätze verfügen, nicht an geltende Gesetze oder bestehende Verträge anderer Wirtschaftssubjekte vor Ort gebunden und nicht einmal der Regierung rechenschaftspflichtig sein. Es ist das klassische Kolonialmachtsmodell, eine Neuauflage der britischen Ostindien-Gesellschaft, nur nicht gegenüber einem anderen, sondern dem eigenen Land, entrüstet sich Wladimir Milow, ein liberaler Energiepolitiker, der selbst aus dem sibirischen Kemerowo stammt.

Der smarte Milow, der ein makelloses Englisch spricht, hat lange in der Regierung der Moskauer Machtzentrale gearbeitet und zählt längst zur globalen Elite. Doch er gehört auch zur unternehmerfreundlichen Opposition und hat die bürgerliche Partei „Demokratische Wahl“ aufgebaut, die unter anderem in Irkutsk viel Zuspruch findet. Die Irkutsker, die ihr Baikal-Schutzgebiet gegen das sibirische Industrieimperium von Putin-Freund Oleg Deripaska zu verteidigen versuchen, seien aktiv und aufgeklärt, versichert Milow. Von dem eigenen Öl, das der Landkreis seit einem Jahr auch produziert, sähen die Irkutsker keine Kopeke.

Bleiben werden die Verlierer

Die „Demokratische Wahl“ will, dass von den Einnahmen die Hälfte in der Region bleibt. Milow scheint sich freilich keine Illusion darüber zu machen, dass der Kampf um Sibirien nicht zu gewinnen ist. Das Land wurde gegen den Widerstand der Natur besiedelt, sagt er, Infrastruktur zum Leben werde dort immer teuer und unrentabel sein. Die Infrastruktur, die sich lohnt und die gebaut wird, sind Ölpipelines und Wasserkraftwerke für die Versorgung Chinas. Bezeichnenderweise ziehen gerade sibirische Patrioten oft nach Moskau um, gibt Mitrofanow bedauernd zu. Wären sie geblieben, so stünde Nowosibirsk jetzt anders da, sagt er. Die Zahl der Sibirjaken sinkt nicht nur absolut, sondern auch im Verhältnis zur russischen Gesamtbevölkerung, im letzten Jahrzehnt von zwanzig auf achtzehn Prozent. Auch Milow prophezeit, sozial mobile Sibirer würden ins europäische Russland oder weiter in den Westen wandern, die Verbindung zur Heimat allerdings wohl aufrechterhalten.

Bleiben werden die Verlierer. Das sieht offenbar auch der Kultautor Viktor Pelewin so, dessen neuer Zukunftsroman „Snuff“ ausmalt, wie Russland verwildert, während die steuerbegünstigten Offshore-Zonen sich zu raumschiffartigen Refugien für die Eliten reicher Mächte auswachsen. In solch einem „Off-Schar“ oder Off-Globus herrscht selbst im Weltkrieg Frieden, weshalb man die Banken, die Wissenschaftsinstitute, die Medien- und Filmindustrie, womit die sündige Restbevölkerung in Schach gehalten wird, dorthin evakuiert.

Der letzte Off-Schar, der sich stolz Oberes Byzanz oder „Big Byz“ nennt, schwebt über der ehemaligen Sibirischen Republik, aus der der Kriminellenstaat „Urkaina“ wurde. Pelewin lässt die Gerechtigkeit siegen, wenn auch spät. Sei es, weil in Big Byz zu viel Ersatzteile abgestürzter Off-Globen stecken, sei es wegen der Treffsicherheit sibirischer Guerrilleros: Die Himmelsstadt wird kaputt geschossen, die Marionettenführer landen unsanft auf der rachsüchtigen Erde.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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