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Russisches Adoptionsgesetz Kinder sind nur Spielmaterial für Herrn Putin

 ·  In russischen Waisenhäusern herrschen katastrophale Zustände. Eine Adoption durch Paare aus dem Westen ist für viele Kinder die letzte Chance. Doch ein neues Gesetz verbietet das. Innenansicht einer lieblosen Gesellschaft.

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© PhotoXPress / VISUM Halten können sie sich nur an sich selbst: HIV-infizierte Waisen in einem St. Petersburger Heim

Das Adoptionsverbot russischer Waisenkinder durch amerikanische Ersatzeltern, womit Russlands Präsident Putin die Vereinigten Staaten für ihr Magnitzki-Gesetz bestrafen wollte, haben vor allem erschreckende Innenansichten der russischen Gesellschaft an die Öffentlichkeit gezerrt. Im Land wachsen heute etwa 660.000 Kinder ohne Eltern auf, ungefähr so viele wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch während damals deren Vater und Mutter im Krieg umgekommen waren, handelt es sich jetzt in der Mehrheit um Sozialwaisen. Das heißt: Ihre (selbstverständlich noch lebenden) Eltern haben sich von ihnen losgesagt.

Ein wachsender Prozentsatz dieser Kinder ist behindert. Der langjährige Chef der russischen Kinderheilkunde, Akademiemitglied Alexander Baranow, hat dafür auch die moderne Medizin verantwortlich gemacht: Sie schalte die „natürliche Auslese“ aus und schade dem „Genpool“ langfristig. Allerdings ist die medizinische Versorgung im Land unmodern genug, dass die behinderten Sozialwaisen in der Regel nie therapiert - und vor allem von einheimischen Familien fast nie adoptiert werden. Hoffnung für diese Kinder gab es fast nur in Form adoptionswilliger Paare im Westen, insbesondere in Amerika. Doch diese Hoffnung hat das von Putin sogar gegen den Willen engster Mitstreiter - von Premierminister Dmitrij Medwedjew über Außenminister Sergej Lawrow bis zur Senatsvorsitzenden Valentina Matwienko - durchgepeitschte Gesetz jetzt vollends vernichtet.

Demos bei klirrender Kälte

Der Anlass, das sogenannte Magnitzki-Dokument, verbietet sechzig russischen Fahndern, Richtern, Gefängnisärzten und -aufsehern, die an der Ermordung des Rechtsanwalts Sergej Magnitzki in Untersuchungshaft beteiligt waren, die Einreise in die Vereinigten Staaten und jeglichen Besitz dort. Putin konterte zunächst symmetrisch, er prangerte Menschenrechtsverletzungen in den Vereinigten Staaten, insbesondere bei der Terroristenjagd, an, ohne freilich rechtliche Schritte folgen zu lassen, und kam dann offenbar zum Schluss, die Aufkündigung des erst letzten Herbst verabschiedeten Adoptionsabkommens würde die Amerikaner besonders empfindlich treffen.

Tatsächlich trifft Putin vor allem die Schwächsten seiner Untertanen. Deshalb demonstrierten in mehreren russischen Städten die durch Polizeirepressalien und Schauprozesse gerade erst wieder eingeschüchterten Bürger gegen die für das Gesetz verantwortlichen „Schweinehunde“ in ihrer Staatsführung. In Moskau trugen Tausende bei klirrendem Frost Plakate mit Duma-Abgeordnetenporträts durchs Stadtzentrum und stampften sie in eine Mülltonne.

Kein Weg ins Himmelreich

Die Kremlpartei „Einiges Russland“ fiel nichts Besseres ein, als die Demonstranten als Feinde der russischen Souveränität und Fürsprecher des „Handels mit russischen Kindern“ zu tadeln. Wie die orthodoxe Kirche dabei dem Staatsoberhaupt den Rücken stärkt, wirkt vollends gespenstisch. Der im Moskauer Patriarchat für die Beziehungen zur Gesellschaft zuständige Erzpriester Wsewolod Tschaplin erklärte, Kindern, die im Ausland nicht im rechten Glauben erzogen würden, bleibe das Himmelreich versperrt. Und auf Ersuchen von Patriarch Kyrill stellte der Präsident erst einmal zusätzliche Friedhofsflächen für das christliche Begräbnis von Waisenkindern zur Verfügung.

Die russischen Machthaber behandeln Menschen als Ressourcen wie feudalen Besitz. Die Duma benannte die Adoptionsverbotsverordnung „Dima-Jakowlew-Gesetz“ - nach einem russischen Waisenjungen, der in Amerika starb, weil sein Adoptivvater ihn bei praller Hitze im Auto eingeschlossen hatte. Fürsprecher des Gesetzes, wie Pawel Astachow, der „Bevollmächtigte des Präsidenten für Rechte des Kindes“, erinnern an die zahlreichen Fälle von Kindesmisshandlungen in den Vereinigten Staaten, wie sie das dortige Gesundheitsministerium jährlich dokumentiere. Dabei erwähnt er nicht, dass es sich dabei überwiegend um Vernachlässigung von Kindern handelt, nicht um Gewalt gegen sie.

Medienkleinkrieg mit Finnland

Diese wiederum ist in Russland stark verbreitet, beinahe normal. Vielleicht wird deshalb keine Statistik geführt. Astachow arbeitet zwar an einer Studie, doch sie wird dem Präsidenten vorbehalten sein und nur veröffentlicht, wenn sie ihm genehm ist. Putins Bevollmächtigter für Kinderrechte führt keine Liste über adoptierte russische Waisen im Ausland, moniert aber, dass die Amerikaner keine führten. Außerdem beschwert er sich, dass Waisen, die für eine bestimmte Besuchsfrist wegführen, manchmal nicht zurückgebracht würden. Wie der halbwüchsige Zögling des Kinderheims im Wolgastädtchen Chwalynsk, der über ein Ausbildungsprogramm für ein Jahr nach Texas kam. Dort lebte er bei einer Familie, deren Adoptionsgesuch vom russischen Bildungsministerium abgelehnt worden war. Als vorigen August das Jahr um war, kam er nicht gleich zurück. Erst auf Verlangen Astachows wurde der Junge im Dezember wieder ins Chwalynsker Kinderheim verfrachtet, ob er wollte oder nicht.

Astachow prangert außerdem Fälle an, bei denen im Westen lebenden Russen von den jeweiligen Sozialbehörden die Kinder weggenommen werden. Ein regelrechter Medienkleinkrieg ist mit Finnland im Gang, wo als Russlands finnischer Verbündeter der Kriminalist und Skandalautor Erkki Johan Bäckman auftritt, der sein Heimatland als revanchistisch und als Hitlers Helfer brandmarkte und dafür letztes Jahr mit dem russischen Publizistikpreis „Polarstern“ ausgezeichnet wurde. Bäckman tadelt auch, im Verein mit Pawel Astachow, dass die vier Kinder der Russin Anastasia Sagorodnjaja, die mit einem Somalier in Vantaa lebt, schon wieder unter behördliche Obhut kamen, ebenso wie die zwei ihrer finnischen Landsmännin Albina Kassatkina. Das sei wieder ohne Gerichtsverfahren geschehen, entrüstet sich der Ombudsmann, nur weil Kindergärtnerinnen der Meinung waren, den Kleinen sei zu Hause ein Klaps versetzt worden.

Kinderlosigkeitssteuer

Bäckman behauptet sogar, die westlichen Kinderschutzdienste bekämen Kopfprämien für jedes entzogene Kind und zusätzliches Betreuungsgeld. Finnische Sozialbeauftragte versichern indes, keine Familie werde wegen Bagatellen behelligt, sondern nur wenn die kindliche Entwicklung durch Gewalt, Psychosen oder Alkoholismus der Eltern bedroht erscheine. Wobei die Beamten betonen, über konkrete Probleme in konkreten Fällen würden sie prinzipiell schweigen - um nicht das Vertrauen der Betroffenen zu verlieren. Finnlands politische Kultur ist nicht feudal.

Umfragen zufolge halten 56 Prozent der Russen Putins Adoptionsverbot russischer Kinder durch Amerikaner für richtig und sind der Meinung, das Land müsse sein Waisenproblem selbst lösen. Jetzt rief auch Patriarch Kyrill die Russen auf, mehr Kinder zu adoptieren. Der für die Betreuung der Polizei und der Armee zuständige Erzpriester Dmitrij Smirnow schlug sogar vor, die zu Sowjetzeiten gültige Kinderlosigkeitssteuer wiedereinzuführen.

Putins Altersweisheit

Die Journalistin Julia Latynina hat indessen vorgerechnet, dass kleine Russen, die in westliche Familien kommen, eindeutig bessere Lebenschancen haben als solche, die von Landsleuten adoptiert werden. Von 158 000 Waisen, die seit dem Ende der Sowjetunion bis 2006 russische Ersatzeltern bekamen, starben 1220, also eines in 130 Fällen beziehungsweise 0,8 Prozent. Von den 92 000 von Ausländern adoptierten Kleinen hingegen kamen achtzehn um, was einem in 5103 Fällen oder 0,02 Prozent entspricht.

Bei den heftigen Internetdebatten tat sich insbesondere die seit ihrer Geburt blinde Zehntklässlerin Natascha Pissarenko aus Rostow am Don hervor, die auf ihrem Blog einen offenen Brief an Präsident Putin verfasste, worin sie das Staatsoberhaupt mit feiner Ironie fragte, ob das Anti-Magnitzki-Gesetz eine Ausgeburt seiner Altersweisheit sei. Natascha, die ein Begabtenstipendium bekommt, erklärte Putin das „Staatsgeheimnis“, wie sie sich ausdrückte, dass Krankheiten wie ihre Blindheit für russische Mediziner unerklärlich seien. Ärzte im „feindlichen“ Amerika hingegen hätten sie diagnostiziert, würden sie behandeln und ihr vielleicht das Sehen ermöglichen.

Kirche übernimmt Patenschaften

Ein prominentes erstes Opfer des Adoptionsverbots wurde der vierzehn Jahre alte Maxim Kargopolzew aus einem Heim in Tscheljabinsk, um dessen Adoption die amerikanischen Eheleute Mil und Dianna Wallen sich seit gut einem Jahr bemühen. Maxim, der glücklicherweise gesund ist, kommuniziert fast täglich mit den Wallens. Der Junge zeigt hartnäckigen Willen. Er hat beschlossen, zu warten, bis er volljährig ist, unterdessen die Schule und eine Rechtsausbildung zu absolvieren, um dann mit ein paar Jahren Verzögerung zu seiner Wahlfamilie zu reisen.

Natascha Pissarenko hatte in ihrem Brief an Putin auch geschrieben, dass behinderte Waisen, die keine westlichen Adoptiveltern finden, im Heim zumeist bis zu ihrem frühen Tod dahinvegetieren. Als Antwort hat die orthodoxe Kirche erklärt, sie wolle für verkrüppelte Kinder Patenschaften übernehmen. Die patriotische „Komsomolskaja Prawda“ verteidigt die einheimische Kinderheilkunde, insbesondere die tatsächlich vorzüglichen, nichtkommerziellen Akademiekliniken. Dass kranke Waisen so selten therapiert, meistens nur ruhiggestellt werden, begründet das Blatt damit, dass die Heime für jeden kranken Insassen Finanzmittel bekommen und an seiner Genesung nicht interessiert sind.

Unmenschliche Erziehungsmethoden

Doch auch Erziehungsheime für gesunde Waisen haben es in sich. Die Redakteurin der „Nesawissimaja Gaseta“ berichtet, ihre studierende Tochter habe einen Sommerjob im Kinderheim angenommen - und danach eine Woche beim Psychotherapeuten zugebracht. Die junge Frau war insbesondere schockiert darüber, dass ihr streng verboten wurde, Kinder auf den Arm zu nehmen, ihnen den Kopf zu streicheln, Geschenke mitzubringen oder Bitten zu erfüllen. Als ob die Abrichtung für den GULag das Erziehungsziel sei.

Julia Latynina führte in ihren Berechnungen auch an, von russischen Waisenhauszöglingen würden zwei Drittel vergewaltigt, die Hälfte sei drogenabhängig, ein Drittel kriminell, und ein Zehntel begehe Selbstmord. Faschistoide Blogger im Netz warfen Frau Latynina vor, wenn sie sich derart für die Adoption russischer Sozialwaisen durch Ausländer starkmache, dann bedeute das auch, dass sie ihnen das Letzte wegnehmen wolle, was sie hätten - ihr Vaterland. Die Journalistin fühlte sich nur bestätigt, insbesondere durch die Feststellung ihrer Widersacher, Heimkindern würde ja, in Ermangelung mütterlicher Wärme, ersatzweise intime Anhänglichkeit an ihr Heimatland eingeimpft. Besser hätte es, fand sie, George Orwell auch nicht sagen können.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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