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Russische Stimmen nach dem Anschlag von Boston Früchte der Blindheit

Auch in Russland, dem Geburtsland der beiden Attentäter von Boston, ist eine Debatte über die Hintergründe entbrannt. Insbesondere im Kreis russischer Blogger wird das Thema diskutiert.

© dpa Vergrößern Der Vater der Brüder Zarnajev in seinem Haus in Machatschkala.

Je mehr über die mutmaßlichen tschetschenischen Attentäter von Boston bekannt wird, desto heftiger wütet das russische Internet gegen Menschenrechtler im Allgemeinen und gegen Kritiker von Moskaus Tschetschenien-Feldzug im Besonderen. Die Chatterin irra90 steht für viele, wenn sie schreibt, der Westen ernte jetzt die Früchte seiner eigenen moralischen Blindheit, die ihn Palästinenser unterstützen lässt, die Israelis in die Luft sprengen, und Tschetschenen, die sich als Opfer russischer Aggression ausgeben. Russische Menschenrechtler, unter denen traditionell viele Juden seien, hätten sich schon in den neunziger Jahren für die Anführer der tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung eingesetzt, die dann wahllos Russen, aber auch etwa den jüdischen Rektor der Universität von Grosnyj, Viktor Kan-Kalika, nur wegen ihrer nationalen Zugehörigkeit hinmorden ließen, so erinnert sich die Russin irra90. Etwas Vergleichbares mussten nach ihrer Diagnose jetzt auch die Amerikaner erleben, da ethnische Tschetschenen, die von ihnen aufgenommen und materiell unterstützt wurden, sie zum Dank dafür umbrachten.

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Die furiose Bloggerin Julia Latynina findet die Reaktion der Eltern der Verdächtigen, die ihre offensichtlich kriminellen Söhne als arme Opfer des FBI hinstellten, besonders grotesk. Der Vater Ansor Zarnajew, der mit seiner Frau wieder in Dagestan lebt, hatte erklärt, die amerikanischen Geheimdienste hätten ihre Kinder benutzt, um den friedlichen Islam zu diskreditieren. Und statt den Opfern des Sprengstoffanschlags sein Mitgefühl auszusprechen, drohte Zarnajew den Diensten nebulös für den Fall, dass auch sein letzter Sohn „umgebracht“ werde. Die Mutter, Subeidat Zarnajewa, sagte, die amerikanischen Fahnder hätten jeden Schritt insbesondere ihres älteren Sohnes, Tamerlan, verfolgt, weshalb sie an einen plötzlichen Terrorakt nicht glauben könne. Einmal hätten sie sogar ganz offiziell bei ihr angerufen, wegen seiner Vorliebe für extremistische Internetportale. Der FBI fürchtete ihren Tamerlan wegen seiner Führerqualitäten, versicherte Frau Zarnajewa stolz und vermerkte, er habe sie tagtäglich angerufen.

Das Erbe des Sowjetsozialismus

Auch in Russland staunt man darüber, welche Abgründe sich in der Seele äußerlich netter, sportlicher Jungs auftun können, denen es materiell in Amerika entschieden besserging als dort, woher sie kamen. Insbesondere darüber, dass der von vielen als „cool“ geschätzte, neunzehn Jahre alte Dschochar Zarnajew auch nach dem Attentat noch zum Training ging, an einer Schwulendemonstration teilnahm und sich in selbstgefälligen Banalitäten über Twitter gefiel wie: „Ich bin ein Kerl ohne Stress“ oder: „Wir hören oft die Wahrheit nicht, weil Leute sie sagen, die in der Minderheit sind.“ Oder dass der auf der Flucht getötete Tamerlan sich für die islamistischen Endkampfprophezeiungen der „Schwarzen Banner von Churasan“ in Zentralasien begeisterte.

Nach Überzeugung von Julia Latynina waren die Zarnajew-Brüder schon deswegen auf die amerikanische Gesellschaft böse, weil sie ein Erfolgsmodell darstellt. Terroristen seien prinzipiell Parasiten von funktionierenden sozialen Organismen, so Frau Latynina. Die libertäre Kommentatorin solidarisiert sich mit dem Onkel der zwei mutmaßlichen Attentäter, Ruslan Zarni, der in der missglückten Karriere der beiden, die der eine als Boxer machen wollte, der andere als Student, das eigentliche Motiv für ihr Verbrechen sieht. Mit Schrecken malt sie aus, was passiert wäre, hätten die Brüder ihre Sprengsätze in ihrer nordkaukasischen Heimat gezündet. Wegen der kriminellen Machenschaften der staatlichen Organe wären die Täter dort eventuell entkommen. Und wenn nicht, so hätten Menschenrechtler dem russischen Geheimdienst FSB sicher vorgeworfen, die jungen Leute missbraucht zu haben.

Mehr zum Thema

Der Islamismus habe das Erbe des Sowjetsozialismus angetreten, der bis zu seinem Zusammenbruch 1991 versuchte, für die Sitzenbleiber des Lebens ein Paradies auf Erden zu errichten, erklärt die Russin. Seither haben sich die vormals säkularen Emanzipationsbewegungen der Tschetschenen, der Kurden, der Algerier rapide islamisiert. Damit habe sich aber auch das Paradies vom Diesseits ins Jenseits verlagert, bemerkt Julia Latynina, weshalb das Problem unschuldiger Opfer der Gotteskrieger sich von allein erledige. Daher scheint Dschochar Zarnajew auch keine Hemmungen gehabt zu haben, auf der Flucht vor der Polizei in einen Jeep zu springen und damit seinen von ihm hochgeschätzten Bruder zu überfahren und ihn so zu töten. Denn nach beider frommem Glauben kam der schwerverletzte Tamerlan dadurch nur schneller in Allahs Zaubergarten.

Quelle: F.A.Z.

 
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