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Veröffentlicht: 01.03.2016, 17:03 Uhr

Russische Propaganda Putin hat für jeden die richtige Botschaft

Der russische Propaganda-Apparat zielt seit einiger Zeit verstärkt auf Deutschland. Das Ziel der Desinformation ist, die Gesellschaft zu verunsichern. Dagegen kann man sich wehren. Ein Gastbeitrag.

von Ingo Mannteufel
© AP Wladimir Putins Medienstrategie beruht darauf, den Unterschied zwischen Gerücht und Wahrheit zum Verschwinden zu bringen.

Gehören Sie auch zu den Deutschen, die auf die Krim ziehen wollen, weil die Lage bei uns so schwierig geworden ist? Nein? Aber Sie kennen in Ihrem Bekanntenkreis sicherlich jemanden, der das gegenwärtig plant. Auch nicht? Das ist eigenartig. Denn die amtliche russische Regierungszeitung „Rossijskaja gazeta“ berichtete auf ihrer Website Ende Januar unter der Schlagzeile „Deutscher Politiker: Immer mehr Bundesbürger denken über eine Auswanderung auf die Krim nach“ über diesen angeblich weitverbreiteten Emigrationswunsch.

Solchen Unsinn kann man schmunzelnd abtun oder es einfach für schlechten Journalismus halten. Doch das wäre falsch. Wer sich mit russischen Medien beschäftigt, kommt zu einem anderen Schluss: Der Kreml setzt durch die von ihm kontrollierten Medien Informationen als Instrument einer aggressiven Außenpolitik ein. „Hybride Kriegsführung“ nennt man das. Die Methoden dieser gezielten Desinformation und Manipulation der öffentlichen Meinung wurden in Russland zunächst eingesetzt, um die Macht des Präsidenten Wladimir Putin zu sichern. Im Konflikt um die Ukraine erreichte die russische Propaganda ein neues Niveau: Durch Verzerrungen, Halbwahrheiten und komplette Lügengeschichten werden „die Ukrainer“ durchgehend als „Faschisten“ verunglimpft.

Russische Fachbücher nennen das „reflexive Kontrolle“

Seit einiger Zeit ist Deutschland ins Fadenkreuz der Desinformation gerückt - vermutlich weil es Bundeskanzlerin Angela Merkel gelungen ist, die EU in der Frage der europäischen Sanktionen gegen Moskau vereint zu halten. Das wahrscheinliche Kalkül: Sollte Merkel durch die Flüchtlingskrise stürzen und Deutschland in Europa geschwächt werden, bröckelt die Front für die Sanktionen gegen Russland.

Konzepte für die Manipulation der öffentlichen Meinung oder psychologische Kriegsführung gibt es seit Jahrzehnten. Doch haben sich russische Analysten aus Militär und Geheimdiensten in den neunziger Jahren mit dem „Informationskrieg“ intensiv beschäftigt. Im Kern geht es um den gezielten Einsatz von Information, um die Wahrnehmung der Realität zu verzerren und beim Empfänger der Desinformation eine gewünschte Reaktion zu erzeugen: In russischen Fachbüchern werden diese Techniken als „reflexive Kontrolle“ bezeichnet.

Der „Informationslärm“ und seine Folgen

In Russland wirken „Polittechnologen“, wie Politik-Berater und „Spindoktoren“ dort heißen, in diesem Sinne. Es ist ein ganzes Set an Methoden und Techniken entstanden, die ihre größte Wirksamkeit in dem vom Kreml kontrollierten russischen Informationsraum zeigen: Die absichtlich erzeugte Verzerrung der Realitätswahrnehmung hat in breiten Teilen der russischen Gesellschaft ein Klima der Angst und Bedrohung geschaffen. Dem Medien-Bild eines feindlichen Westens wird der stets paternalistische und alternativlose Präsident Putin gegenübergestellt. Im Kontext dieser neoimperialen „Festungsmentalität“ sind auch die hohen Zustimmungsraten für Putin in Russland zu sehen. Sie belegen den Erfolg der Propaganda und sprechen weniger für die tatsächliche Unterstützung des russischen Präsidenten und seine Politik.

Außerhalb Russlands zielt die Propaganda darauf, Ängste zu verstärken und Gesellschaften zu destabilisieren. Ein erstes Mittel zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung ist die maximale Erhöhung von Nachrichten, so dass die Empfänger angesichts einer Vielzahl von meist ungesicherten, beängstigenden und sich durchaus widersprechenden Informationen überfordert werden: Verlust der Orientierung und Klarheit sind die Folge dieses „Informationslärms“.

Hand in Hand mit rechtspopulistischen Informationsangeboten

Neben den offiziellen Medien - in Russland die vom Kreml kontrollierten TV-Sender, im Ausland Russia Today und Sputnik - nutzt der russische Propaganda-Apparat dafür sehr geschickt das Internet. Eine relativ unbekannte Informationswebsite oder ein Blog publizieren eine Nachricht, die dann von weiteren zweifelhaften Websites wiederholt wird. Dann steigt ein größeres bekannteres russisches Medium ein und bringt mit Verweis auf vermeintliche „Quellen“ im Netz die Nachricht, die nun so salonfähig im Medienraum zirkuliert. Die Frage nach der Wahrheit, empirisch überprüfbaren Fakten, spielt keine Rolle.

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Auch die Falschmeldung eines angeblich von Migranten entführten und vergewaltigten Mädchens in Berlin im Januar stammte von einer dubiosen Website im Netz. Das russische Staatsfernsehen griff die Geschichte dann auf. Dies sahen auch Russlanddeutsche, die durch konzertierte Aufrufe in Facebook und über SMS zu Demonstrationen angestachelt wurden. Zudem verbreiteten die deutschsprachigen Ableger der russischen Auslandsmedien die Falschmeldung in Deutschland, wo sie auf rechtspopulistischen Websites und in den sozialen Medien Resonanz erzeugte. Unverkennbar arbeiten russische Auslandsmedien sowie deutsche rechtspopulistische oder rechtsradikale Informationsangebote publizistisch Hand in Hand. Durch gezieltes Zitieren nutzen sie sich gegenseitig als vermeintlich plausible Quelle.

Um einer Falschmeldung Glaubwürdigkeit zu verleihen

Eine weitere Methode, um mögliche Glaubwürdigkeitsdefizite bei Nachrichten zu kompensieren, ist ein emotionales und packendes „Storytelling“. Die filmische Umsetzung erinnert an Musikvideoclips oder Action-Filme. Kurz gesagt: Russische Propaganda-Erzeugnisse sind spannend und leicht verdaulich, weil sie sich nicht um journalistische Differenziertheit und Genauigkeit bemühen (müssen).

Die offiziellen Medien und die mit ihnen zusammenwirkenden „grauen Pro-Kreml-Medien“ sind nur ein Teil des russischen Propaganda-Apparats. Die dritte, verdeckt arbeitende Ebene umfasst die Produktion von Falschmeldungen und Internet-Meme, also meist lustigen Bild- oder Videodateien, die sich viral über soziale Medien verbreiten. Um einer Falschmeldung Glaubwürdigkeit zu verleihen, werden sogar Pseudo-News-Websites oder Wikipedia-Seiten angelegt - sehr aufwendig geschehen beispielsweise im September 2014 bei einer angeblichen Explosion in einer Chemiefabrik in Centerville, Louisiana.

Verbindungen zur russischen Präsidialverwaltung

Insgesamt spielen die sozialen Medien für die Verbreitung von Propaganda eine zentrale Rolle. Mit Hilfe von Social Bots, also gesteuerten Roboter-Profilen in sozialen Netzwerken, werden Falschmeldungen und Internet-Meme verbreitet. Auch die Flutung von Leser-Foren auf internationalen Medienseiten mit Pro-Kreml-Aussagen gehört dazu. Unter dem Terminus „Trolls aus Olgino“ erfuhr die in einem Stadtteil von St. Petersburg ansässige Firma „Internet Research Agency“ weltweit Bekanntheit. Allein von dort aus werden Tausende Fake-Profile in Netzwerken und Foren gemanagt, die auch außerhalb Russlands im Internet Stimmung für die Kreml-Politik machen. Unabhängige russische Medien berichteten von Verbindungen der Firma zur russischen Präsidialverwaltung.

Die ukrainische Website Stopfake.org, das russische Projekt Noodleremover.news und auch der „Disinformation Review“ des Auswärtigen Dienstes der EU haben sich sehr erfolgreich zur Aufgabe gemacht, Falschmeldungen und Mechanismen der russischen Propaganda an konkreten Beispielen zu entlarven.

Ein steter Strom an verzerrenden Informationen

Die Gefahr der russischen Propaganda für Europa sollte nicht über-, aber auch nicht unterschätzt werden. Die Lügengeschichte vom angeblich vergewaltigten Berliner Mädchen war letztendlich ein Misserfolg. Die Wahrheit kam relativ schnell ans Licht. Gleichwohl bilden die politischen Herausforderungen - Euro- und Flüchtlingskrise - weiter einen starken Resonanzboden für Desinformationskampagnen. Es ist unverkennbar, dass vom Kreml kontrollierte Propaganda-Strukturen versuchen, die Polarisierungen der öffentlichen Debatte in Europa systematisch zu verstärken und sie mit einem steten Strom an verzerrenden Informationen anzuheizen.

Was tun? Um Desinformation jeglicher Art zu begegnen, muss in einer offenen Gesellschaft die Medienkompetenz gestärkt werden, also der kritische Umgang mit Informationen und Quellen. Zudem sind Medien und Journalisten gefordert, die Wirklichkeit auch im digitalen Zeitalter zuverlässig und auf Fakten basierend wahrheitsgetreu abzubilden.

Deutsche Welle - Der deutsche Auslandssender hat sowohl eine russische als auch eine ukrainische Redaktion. Eine Reporterin ist Schanna Nemzowa, die Tochter des russischen Oppositionellen Boris Nemzow. © Edgar Schoepal Vergrößern Leitet die Russisch-Redaktion der Deutschen Welle in Bonn: Ingo Mannteufel

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