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Rüdiger Safranski : Groteske Attacken

Erhält am Dienstag den von Helmut Schmidt initiierten Deutschen Nationalpreis: der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski Bild: Matthias Lüdecke

Er ist gefangen in diesem Kulturkampf: Wie Kritiker den Schriftsteller und Philosophen Rüdiger Safranski zum Totengräber machen

          Gefängnisse haben eine kahle und brutale Akustik. Arthur Koestler hat in seinem „Spanischen Testament“ davon geschrieben: „Die Zellentür hat weder außen noch innen eine Klinke; man kann sie nicht anders schließen, als sie mit einem Schwung zuzuschmettern. Sie ist aus massivem Eisenbeton, an die zehn Zentimeter dick, und jedes Mal, wenn sie ins Schloss fliegt, gibt es einen schussartigen Krach.“ Danach ist man wieder allein mit sich selbst, und das heißt auch: allein mit seinen Projektionen, die sich am kargen Gestell des Lebensbereichs entzünden – an der Eisenpritsche, am Waschbecken, am Abort, am Gitterfenster.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Projektionen, Blähungen entspringen der Gefängnispolitik der AfD, die ihre Weltbilder im abgeschotteten Knast einer Abendland-Fata-Morgana entwirft und mit diesen Weltbildern den Rest der Welt zu „jagen“ (Alexander Gauland) versprochen hat. Ein Versprechen, das tatsächlich Zug um Zug eingelöst wird, bis dahin, dass Horst Seehofer sich mit einer eigentlich abseitigen Frage der Migrationspolitik, ebender Zurückweisung an den nationalen Grenzen, welche bei ihm früher stets hinter der Obergrenzerei für nicht so wichtig gehalten worden war, nunmehr zur Staatsaffäre jagen lässt. Es ist diese kahle und brutale Zellen-Akustik, innerhalb deren die präsentische Fixierung der medialen Öffentlichkeit ihre Abstumpfungseffekte erzeugt, Indiskretionen zum Salz in der Suppe werden (Seehofers funkelnder Chauvi-Gruss à la lettre: „Ich kann mit der Frau nicht mehr arbeiten“) und es jedenfalls insgesamt um die stetige Erhöhung der Dosis geht, die man raushaut, bei Freund wie Feind der AfD. Denn darauf hat diese Knastpartei tatsächlich auch große Teile ihrer Kritiker festgelegt: aufs Kahle und Brutale.

          Zum Stichwortgeber der Neuen Rechten stilisiert

          Wenn etwa Rüdiger Safranski, der am heutigen Dienstag den noch von Helmut Schmidt initiierten Deutschen Nationalpreis erhält, schon vor Monaten im „Spiegel“ zu einem Stichwortgeber der Neuen Rechten stilisiert wurde, zu einem geistigen Brandstifter, der philosophisch die Dekonstruktion nicht kapiert habe und nun „fast verzweifelt“ versuche, „in der Welt außerhalb seines Wohnortes Badenweiler eine feste Struktur zu entdecken, mit der man sich gegen den Zustrom und gegen die Integrationsprobleme stemmen kann“ – dann ist das in seinem argumentativen Gehalt so billig, dürftig und drollig, so kahl und, ja, in der Herablassung auch brutal, dass die Projektion mit Händen zu greifen ist. Safranski ist ein überbordendes Erzähltalent, das mit Biographien über Schopenhauer, Heidegger oder Nietzsche ein Massenpublikum für die Philosophie gewann, ein Goethebuch als Bestseller verfasste und aus seinem idealistischem Vernunftbegriff keinen Hehl macht. Ihm völkische Badenweiler Weltfremdheit zu unterstellen, die sich an einem Substanzdenken ergötzte, ist, gelinde gesagt, Unfug.

          Wie verdruckst die jede Verhältnismäßigkeit sprengenden Vorhaltungen sind, wird in demselben „Spiegel“-Artikel deutlich, der Safranski in der Sache verblüffenderweise weitestgehend entgegenkommt, indem er dessen Kritik an Auswüchsen der Merkelschen Flüchtlingspolitik bestätigt: „Gewiss“, so heißt es in dem Beitrag des Safranski-Kritikers vom März dieses Jahres, „kann und darf es keine unkontrollierte Form von Zuwanderung geben. Selbstverständlich wird es Obergrenzen geben. Integration ist machbar, wenn man von den Ankömmlingen etwas verlangt. Und es gibt Grenzen des Tolerablen. Wer das nicht sagt, will entweder nur moralisch integre Sätze sagen oder er interessiert sich ohnehin nicht für jene, die schon aus prinzipiellen Gründen nicht dazugehören können.“ So weit die Verbeugung vor Safranski. Um dann jäh den Vorwurf folgen zu lassen: „Rüdiger Safranski ist gefangen in diesem Kulturkampf.“

          Kann es sein, dass da ein Gefangener über Safranski spricht, unfreiwillig in Beschlag genommen von der AfD-Jagdmetapher? Und kann es sein, dass Safranski selbst womöglich gar nicht „Gefangener“ in dem Kulturkampf ist, welcher von seinem Kritiker ausgerufen wird – sondern in dieser Auseinandersetzung lediglich eine Position der kontrollierten Migration formuliert, mit gebremster Polemik vorgetragen, dabei auch die Reizvokabel „fluten“ nicht scheuend, eine Position, welche im Übrigen jedoch die Kanzlerin selbst formulierte, als sie in souveräner Staubtrockenheit einräumte, die Situation von 2015 dürfe sich nicht wiederholen.

          Wenn nun, kurz vor der Preisverleihung, der „Spiegel“ noch einmal nachlegt, die Dosis erhöht und unter Nutzung halsbrecherischer historischer Assoziationen Safranski in die Mitverantwortung für „Tausende von Toten“ nimmt, die der Seehofer-Söder-Putsch nach sich ziehen werde, dann springt uns das Gefangenendilemma in seiner verzerrenden Akustik an. Schussartig krachend fällt die Zellentür ins Schloss und hinter tausend Stäben keine Welt.

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