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Rücktritt Chris Dercons : Unspezifische Gier nach Progressivität

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Chris Dercon und Berlin, das passte von Anfang an nicht gut zusammen. Nach nur einer Spielzeit trat der Belgier zurück. Bild: dpa

Chris Dercon gibt auf. Seine Intendanz an der Volksbühne erscheint im Rückblick wie die Chronik eines einzigartigen Misserfolgs. Die eigentlich Schuldigen sind ahnungslose Kulturpolitiker.

          Jetzt scheinen die Dinge in Theaterdeutschland ins Rollen zu kommen: Nach der überraschenden Nichtverlängerung von Matthias Lilienthal an den Münchener Kammerspielen verbreitete sich gestern die Nachricht vom Rücktritt des Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon wie ein Lauffeuer. Klaus Dörr, der kommissarische Geschäftsführer, übernimmt vorerst auch die Intendanz.

          Man habe sich „einvernehmlich“ auf die vorzeitige Vertragsbeendigung verständigt, ließ der Berliner Kultursenator Klaus Lederer die Öffentlichkeit in einer knappen Pressemitteilung wissen. Wie viel dieses Einverständnis die Stadt Berlin kostet, welche Abfindung Dercon bekommt, wird in dem Schreiben wohlweislich verheimlicht. Sie wird nicht gering sein, denn was der erfolgreiche belgische Museumsmann acht Monate lang von nahezu allen Seiten an Kritik und übler Nachrede erfahren hat, wird seinen Ruf dauerhaft schädigen und aus seiner Sicht ein Schmerzensgeld rechtfertigen. Etwas wohlfeil klingt es daher, wenn Lederer jetzt die „persönlichen Angriffe und Schmähungen“ als „inakzeptabel“ brandmarkt. Dass der Linken-Politiker und bekennende Castorf-Fan, der beim seinerzeitigen Abschiedsabend Arm in Arm mit den Volksbühnengranden das Ende einer Ära betrauerte, die Personalentscheidung seines Vorgängers Tim Renner kritisch sah, war kein Geheimnis. Hinter den Kulissen versuchte er von Beginn seiner Amtszeit an, die Möglichkeiten einer Neuregelung auszuloten.

          Kein guter Start

          Dercon und Berlin – das waren von Anfang an zwei Pole, die keine wechselseitige Anziehungskraft entwickeln konnten. Als im April 2015 bekanntwurde, dass der umtriebig-weltläufige Direktor der Londoner Tate Modern Chris Dercon auf den eingefleischt-ostdeutschen Theatermann Castorf folgen sollte, der die Volksbühne ein Vierteljahrhundert lang regiert und zu einer ideologisch und künstlerisch militant abgesicherten Festung gemacht hatte, liefen die Gemüter gleich heiß. Dercon werde das Traditionshaus zum „Eventschuppen“ herunterwirtschaften, die Gewerke und das Ensemble abschaffen, nur noch Gastspiele einladen, hieß es. Die Castorf-Belegschaft warnte in einem offenen Brief vor dem „Ausverkauf künstlerischer Maßstäbe“, die Hausregisseure Fritsch, Marthaler und Pollesch wandten sich geschlossen ab und machten Stimmung gegen den „neoliberalen“ Jetset-Direktor. Dercon versuchte gegenzusteuern, indem er ein Leitungsteam berief, zu dem unter anderem auch Alexander Kluge gehören sollte. Substantiell tätig wurde es nie.

          Ein Dreivierteljahr vor seiner ersten und nun einzigen Saison gab Dercon dieser Zeitung ein Interview, in dem er erstmals konkreter über seine Pläne sprach. Von einem „Stadttheater ohne Grenzen“ war die Rede, von Kollaborationen zwischen Tanz, Film und bildender Kunst. Inhaltlich werde man sich neben Uraufführungen vor allem mit „Positionen der klassischen Avantgarde“ beschäftigen, hieß es, ein Beckett-Schwerpunkt wurde angekündigt und der Ausspruch „Think global, fuck local“ als Motto verteidigt.

          Die Spielzeit-Eröffnung im vergangenen September geriet dann allerdings zum Debakel: Während auf dem stillgelegten Rollfeld des Flughafens Tempelhof ein Mitmach-Tanzmarathon abgehalten wurde, stand das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz leer. Aktivisten nutzten die Gunst der Stunde und besetzten die Foyers. Was nach der Rückeroberung dann dort präsentiert wurde, war sowohl inhaltlich als auch ästhetisch so bescheiden, dass man sich fast wünschte, die Besetzer hätten einen Gegenvorschlag für den Spielplan und nicht nur sozialpolitische Thesen zur Wohnungsnot in petto gehabt.

          Der Glücklose

          Die letzten Aufführungen, die an der Volksbühne stattfanden, waren dann schon fast gar nicht mehr der Erwähnung wert. Zum absoluten Tiefpunkt geriet vor einigen Wochen eine absurde Helmut-Berger-Performance, die der glücklose Dercon sogar selbst als gescheitert bezeichnete. Dessen Intendanz erscheint im Rückblick wie die Chronik eines einzigartigen Misserfolgs. Die Verantwortung dafür trägt nicht allein der ungeschickt auftretende Dercon selbst, der im Museumswesen große Verdienste hat. Die eigentlich Schuldigen sind ahnungslose Kulturpolitiker, die, getrieben von einer unspezifischen Gier nach Progressivität, meinen, dass „Crossover“ an sich mittlerweile ein so hoher kultureller Wert wäre, dass man damit auch die unwahrscheinlichsten Personalentscheidungen rechtfertigen könnte.

          Die Debatte, die Züge eines Kulturkampfes annahm und Castorf unverhofft als theaterbewahrenden Traditionalisten adelte, zeigte jedenfalls, dass das von selbsternannten Avantgardisten oftmals totgesagte Sprech- und Ensembletheater durchaus noch genug Lebenskräfte besitzt, um sich gegen Fremdbestimmung zu wehren. Beim „notwendigen Neustart“, von dem in Lederers Brief jetzt die Rede ist, sollte man darauf Rücksicht nehmen. Und sich gut überlegen, wen man als Nächstes berufen will. Ob der gefallene Volksbühnen-Engel Matthias Lilienthal, den jetzt einige ins Gespräch bringen, dafür wirklich in Frage kommt, ist zweifelhaft: Auch wenn seine Münchner Intendanz im Theaterbetrieb selbst ungleich mehr Rückhalt erfahren hat als die Dercons, ist auch sein Experiment schon grandios gescheitert. Könnte also sein, dass man mit ihm vom Regen in die Traufe käme.

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