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Rückkehr der Großmächte : Der alte Krieg ist wieder da

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Die Bildsprache einer die zeithistorischen Zäsuren überbrückenden Ordnungsidee: Militärparade am 9. Mai 2008 in Petersburg Bild: dpa

Von einer Privatisierung der Gewalt sprach die Politikwissenschaft nach den Ereignissen von 1989 und 2001. Heute melden sich die großen Mächte zurück. Zum Beispiel in Südossetien.

          Um die unerwarteten Formen der exzessiven Gewalt nach den Epochenjahren 1989 bis 1991 begreifbar zu machen, haben einige Autoren den Begriff der „neuen Kriege“ eingeführt. Diese seien gekennzeichnet durch den Verfall von Staatlichkeit und das Überhandnehmen privatisierter Gewalt, die Entwicklung von Bürgerkriegs-Ökonomien, das Auftreten scheinbar längst untergegangener Waffenträger wie Söldner, Kindersoldaten und Kriegsherren („Warlords“) sowie durch Kämpfe um Identität, Bodenschätze und grundlegende existentielle Ressourcen wie Wasser. Als ihr äußeres Kennzeichen gilt das vermehrte Auftreten irrational scheinender und exzessiver Gewalt: Selbstmordanschläge, Formen von „Mega-Terrorismus“ wie bei den Anschlägen des 11. September 2001, Massaker linker wie rechter, islamistischer oder sonstiger religiöser Bewegungen oder das Umschlagen von nachbarschaftlichen Beziehungen in den „Kampf aller gegen alle“ in ethnisch überformten Konflikten.

          Neben dem Begriff der „neuen Kriege“ fanden außerdem Bezeichnungen wie privatisierte Gewalt, asymmetrische Gewaltstrategien, kleine Kriege, wilde Kriege, „low intensity conflicts“, postnationale Kriege, Kriege im Prozess von Globalisierung und der Durchsetzung des Kapitalismus sowie Kriege im Rahmen „globaler Fragmentierung“ Eingang in den politischen und wissenschaftlichen Diskurs. Allerdings wurde mit diesen Begriffen jeweils nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit in einer äußerst dynamischen und vor allem ungewissen Entwicklung beschrieben. Die Vielfalt der Begriffsbildungen deutet auf diese Ungewissheit und die ihr zugrundeliegende veränderte Wahrnehmung des Kriegsgeschehens hin.

          Ein „neues Mittelalter“ in der Sicherheitspolitik?

          Ein gemeinsamer Bezugspunkt dieser unterschiedlichen Begriffe ist die Annahme, dass sich das Kriegsgeschehen von der Ebene des Staates „nach unten“ verlagert hat. Es handele sich zumeist um Konflikte, in denen zumindest auf einer Seite nichtstaatliche Akteure beteiligt sind. Hieraus wird abgeleitet, dass die Motivation und Zielsetzung dieser nichtstaatlichen Akteure nicht mehr politischen beziehungsweise ideologischen Imperativen folgt, sondern anderen Quellen entspringt, seien es sie nun ethnischer oder ökonomischer Natur oder Prozesse einer Verselbständigung der Gewalt. Ihren deutlichsten Ausdruck fand diese Sichtweise in der Annahme einer kommenden Anarchie, die es zu verhindern gelte. Diesem Zweck dienen neuere Konzepte wie das eines amerikanischen liberalen Imperiums, das ein Mindestmaß an Ordnung gegenüber der kommenden Anarchie gewährleisten möchte. Zusammengefasst wurden diese Tendenzen im Begriff eines neuen Mittelalters in der Sicherheitspolitik.

          Anders sähe es jedoch aus, wenn diese Verschiebung der Konflikte auf die Ebene Diffusion „unterhalb“ des Staates lediglich eine Übergangsphase wäre beziehungsweise wenn sich diese unbestreitbare Entwicklung auf bestimmte Teile der Welt beschränken sollte, auf Schwarzafrika sowie die traditionellen Konfliktlinien an den Rändern der ehemaligen Imperien. Zudem könnte es sein, dass Teile der zukünftigen Konflikte politisch oder ideologisch bestimmt sein werden, obwohl nichtstaatliche Akteure mitspielen. Das Paradigma dieser Kriege wäre dann nicht bestimmt durch den Gegensatz von Ordnung oder Anarchie, sondern durch den Gegensatz unterschiedlicher Ordnungsvorstellungen sowohl der Akteure selbst als auch der „interessierten Dritten“, der Öffentlichkeit, auf die sich die verschiedenen Konfliktparteien beziehen.

          Zwischen den Supermächten durfte der Krieg nur noch gedacht werden

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