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Veröffentlicht: 20.11.2014, 16:58 Uhr

Im Studio von „RT deutsch“ Mein Auftritt bei Putins Propagandasender

Was hätte ich machen sollen, als „RT deutsch“ anrief, um mit mir über Rechtsextremismus im Fußball zu sprechen? Hingehen oder nicht? Manche Kollegen rieten mir ab, andere zu. Ich war dann doch da.

von Olaf Sundermeyer
© Russia Today Olaf Sundermeyer über Fußball als Pille für den Patriotismus mit Nebenwirkungen.

Es gibt hinreichend Gründe, einer Einladung als Studiogast bei der deutschsprachigen Redaktion des Senders „Russia Today“ nicht nachzukommen. Vor ein paar Tagen musste ich mich entscheiden: Angesichts der Ereignisse, die radikale Fußballanhänger hierzulande ausgelöst haben, wolle man sich den Hintergrund dessen von einem Rechtsextremismus-Experten einordnen lassen, hieß es in der freundlich formulierten Anfrage. Warum sollte ich diese ablehnen?

„Weil jeder Interviewpartner automatisch zum Teil der manipulativen Kreml-PR wird. Dessen muss sich jeder Studiogast bewusst sein und entscheiden, ob er das will oder nicht. Ich möchte das nicht“, sagt Christian Mihr. Der Geschäftsführer der deutschen Sektion von „Reporter ohne Grenzen“ hat selbst in Russland gelebt. Seit Jahren beobachtet er, wie die Propagandamechanismen des Kremls vervollkommnet werden. In „RT deutsch“ sieht er eine Gefahr für die Pressefreiheit. Der Sender nutze die Medienfreiheit, um den unabhängigen Journalismus zu diskreditieren und eine durchaus wachsende Medienverdrossenheit noch anzustacheln, meint er. Ich teile diese Einschätzung. Im Reporteralltag ist mir offene Journalistenfeindlichkeit schon oft begegnet – Verschwörungstheoretiker, Staats- und Demokratieskeptiker, die auch in mir einen ferngesteuerten Erfüllungsgehilfen einer diffusen Macht sehen – wahlweise Amerika, Israel, der BND oder alles zusammen.


Im Studio von RT deutsch: Olaf Sundermeyer bei Putins Propagandasender

„Herr Chefredakteur, darf ich die Sendung aufzeichnen?“

Seit vergangener Woche ist „RT deutsch“ als Live-Stream im Netz und wird in kleinen Social-Media-Dosen verabreicht, um genau jenes Misstrauen zu schüren. Soll ich dafür nun ein Kronzeuge sein? Ich frage Kollegen, ob ich meine journalistische Integrität verliere, wenn ich die Einladung annehme. Die Resonanz ist recht eindeutig: „Yes“ (BBC); „ja, oder du nutzt die Gelegenheit, denen zu sagen, was du von ihnen hältst“ (Netzwerk Recherche); „ja“ (rbb); „schwierig“ (NDR); „sehr schwierig“ (Deutsche Welle); „die Frage ist nicht, wer dich eingeladen hat, sondern was du sagst!“ (WDR). Ein Radiokollege empfiehlt, das Gespräch aufzuzeichnen, um es im Nachgang zu thematisieren. Ein Weiterer sagt: Lehne doch ab mit dem freundlichen Hinweis, du kämest gerne, wenn es gelte, „über rechtsradikale Tendenzen in russischen Stadien, Politik und Gesellschaft“ zu reden.

Ich fahre ins Studio, das zwischen dem Brandenburger Tor und dem Potsdamer Platz liegt. Ich werde begrüßt von Ivan Rodionov („Objektivität ist bloß ein anderes Wort für Russland-Bashing“), dem Chefredakteur der Agentur Ruptly, die „RT deutsch“ produziert. Ich frage ihn: „Herr Chefredakteur, darf ich die Sendung aufzeichnen?“ und zeige mein kleines hörfunktaugliches Aufnahmegerät, das in der Sakkotasche Platz hat. „Warum denn? Ich garantiere Ihnen, dass aus Ihrem Gespräch nichts rausgeschnitten wird!“ – „Darf ich aufzeichnen?“ Ivan Rodionov wird nervös; er zieht sich zu einem hektischen Telefonat in den Newsroom zurück, in dem außer ihm nur junge Leute durch die Gegend wuseln. Klar, wir sind in Mitte, alles ist hip, Medienleute sind hip, sind vor allem froh, einen Job in der Hauptstadt ergattert zu haben. Die Arbeitssprache ist Englisch. Ich warte. Zu lesen gibt es nur die „Junge Welt“, in der eine spezielle linke Sicht der Dinge das Böse in Kiew vermutet und das Gute in Moskau weiß. Bundestagsabgeordnete der Linken tauchen bei „RT deutsch“ des Öfteren im O-Ton auf. Rodionov kommt zurück, sagt: „Okay! Aber nur Ihr eigenes Gespräch.“ Hinter uns macht die Moderatorin ihrem nächsten Studiogast im Vorgespräch gerade klar, dass es in dem Interview vor allem darum geht, die Fehler der Amerikaner im Syrien-Konflikt „herauszuarbeiten“.

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