23.07.2009 · Der Fall bewegt Amerika: Henry Louis Gates Jr., ein schwarzer Harvard-Professor, den das „Time“-Magazin zu den fünfundzwanzig einflussreichsten Amerikanern zählte, ist in seinem eigenen Haus von einem weißen Polizisten verhaftet worden.
Von Tobias RütherEin schwarzer Professor ist in seinem eigenen Haus von einem weißen Polizisten verhaftet worden, keine zwei Minuten vom Campus der Harvard-Universität entfernt. Der schwarze Professor, Henry Louis Gates Jr., ein berühmter Mann nicht nur in Amerika, ist außer sich. Bürgerrechtler verteidigen ihn. Die Polizei beschwichtigt. Die Blogger bloggen, die Zeitungen schreiben: Was sagt der Fall über ein Land, das sich seit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten doch auf dem Weg sah, die Rassenfragen hinter sich zu lassen?
Vor Jahren, in meiner ersten Woche als Student in einer amerikanischen Universitätsstadt, kam ich spät von einer Party nach Hause. Den Alarmcode, der das Haus meiner Gastfamilie sichern sollte, tippte ich falsch ein, und kaum, dass ich drinnen war, klingelte es an der Tür. Zwei Polizisten standen vor mir. Der Alarm sei losgegangen, sagten sie sehr freundlich, ob ich mich vielleicht ausweisen könnte? Ich zückte meinen deutschen Personalausweis. Die Beamten musterten erst den Ausweis, dann mich: einen angetrunkenen jungen Weißen im T-Shirt mit seltsamem Akzent in einem Haus, das ihm nicht gehört. Dann musterten sie wieder den Ausweis, taten aber nichts, weil sie offenbar mit mir nichts anzufangen wussten: Verdächtig kam ich ihnen jedenfalls nicht vor. Irgendwann kam der Hausherr, die Beamten fuhren ab, und ich lernte noch am selben Abend den Code auswendig. Den zur Haustür und noch einen anderen.
Auch der schwarze Harvard-Professor Henry Louis Gates Jr. stand in seinem eigenen Türrahmen vor einem weißen Polizisten in einer amerikanischen Universitätsstadt, und man hat ihn verhaftet, obwohl er sich als Bewohner des Hauses ausweisen konnte. Gates ist Experte für afroamerikanische Geschichte; das „Time“-Magazin hat ihn vor Jahren als einen der fünfundzwanzig einflussreichsten Amerikaner gekürt. Vorigen Donnerstag hat einer seiner Nachbarn, eine Mitarbeiterin des „Harvard Magazine“, die Polizei gerufen, weil sie beobachtet haben wollte, wie sich „zwei schwarze Männer mit Rucksäcken“ an der Tür zum Haus des Professors auf der Ware Street zu schaffen machten: So verzeichnet es der Polizeibericht.
Widerstand gegen die Staatsgewalt
In Wirklichkeit handelte es sich um Gates und seinen Fahrer, die versuchten, die Tür zum Haus des Professors zu öffnen. Sie klemmte, Gates ging schließlich durch die Hintertür. Inzwischen war am Vordereingang aber Officer James Crowley erschienen. Der forderte den Professor auf hinauszutreten, was Gates verweigerte; er verlangte von Gates, sich auszuweisen, was der Professor tat, und als Gates schließlich doch auf die Veranda ging, wo sich weitere Polizisten versammelt hatten, wurden ihm Handschellen angelegt.
Im Polizeibericht heißt es, Gates habe Officer Crowley als Rassisten beschimpft. Verhaftet wurde er wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt: Seine Reaktionen hätten dazu geführt, dass sich Passanten auf der Straße vor dem Haus versammelten. Aber wer würde ruhig bleiben, wenn er im eigenen Haus von der Polizei gefragt wird, was er da zu suchen habe? Gates streitet ab, laut geworden zu sein, er gibt aber zu, die Polizisten gefragt zu haben: „Behandeln Sie so einen schwarzen Mann in Amerika?“ Ein Foto zeigt ihn in Handschellen, den Mund aufgerissen, im Polohemd, auf seiner Veranda. Er wurde ins Revier gebracht und Stunden später wieder freigelassen.
Statistiken gibt es nicht, aber jetzt eine Symbolfigur
Inzwischen gibt es eine gemeinsame Erklärung von Gates und der Stadt Cambridge: Der Zwischenfall sei „bedauerlich und unglücklich gewesen“, die Anzeige fallengelassen worden. Henry Louis Gates Jr. verlangt aber eine Entschuldigung des Beamten und ein Sensibilitätstraining für die ganze Polizei. Er schließt rechtliche Schritte gegen die Stadt noch nicht aus. Zudem werde er sich in einem Film mit dem amerikanischen Rechtssystem und dem „racial profiling“ der Polizei auseinanderzusetzen: also der Tendenz, dass schwarze Männer in teuren Autos in reichen Gegenden eher kontrolliert werden, als weiße Austauschschüler in fremden Häusern Handschellen angelegt bekommen.
Für so etwas gibt es keine Statistiken, mit Gates aber jetzt eine Symbolfigur. „Eine Million Schwarze sind im Gefängnis, am Donnerstag bin ich einer von ihnen geworden“, sagt Gates. „Ich habe eher geglaubt, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt, als dass mir so was geschieht.“
Kommentatoren werfen Gates vor, den Vorfall medienwirksam auszunutzen - das war wohl nicht anders zu erwarten. Andere wie der Kolumnist James Hannaham von „Salon.com“ freuen sich: Es sei dieser öffentliche Aufschrei, an dem man bemessen könne, wie sich Amerika seit der Zeit der Lynchmobs verändert habe, man lasse so was nicht mehr einfach durchgehen. Henry Louis Gates Jr. wiederum sagt: „Die einzigen Schwarzen, die wirklich in einer postrassistischen Welt in Amerika leben, wohnen in einem sehr schönen Haus auf der Pennsylvania Avenue Nummer 1600.“ Das ist die Adresse von Barack Obama und seiner Familie in Washington.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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