http://www.faz.net/-gqz-88wu5

Autoren- und Urheberrechte : Eine Kriegserklärung an das Buch

  • -Aktualisiert am

Gekapert: Der Karikaturist Ivan Steiger sieht das Buch als Piratenbeute. Bild: Ivan Steiger

Eine von Freibierphantasien benebelte Bibliothekslobby lässt alles digitalisieren und bringt es kostenlos in Umlauf. Und der Bundesgerichtshof gibt auch noch seinen Segen dazu. Es ist eine Schande. Ein Gastbeitrag.

          Winfried Schulzes Lehrbuch „Einführung in die Neuere Geschichte“ war bis März 2009 ein ganz normales, erfolgreiches Standardwerk, das beginnenden Historikern den allgemeinen Horizont ihres Studiengebiets näherbrachte. 1985 erstmals aufgelegt, erschienen bis in die jüngste Zeit immer wieder Auflagen, die auf den neuesten Stand der Forschung hin überarbeitet wurden. Bücher dieser Art, für die es in anderen Fachbereichen Parallelen zuhauf gibt, dienen zur Orientierung. Geschätzt werden sie von Studenten, die ins Studium einsteigen, aber auch zur Vorbereitung aufs Examen.

          Universitätsbibliotheken schaffen von ihnen für den Lehrbuchbereich in der Regel mehrere Exemplare an. In der Universitätsbibliothek Heidelberg etwa finden sich zehn Bände der vierten Auflage, davon eines im Lesesaal, neun ausleihbar in der Lehrbuchsammlung, von denen, während ich das hier schreibe, fünf Exemplare ausgeliehen sind. Das Buch kostet im Buchhandel 19,90 Euro. Der Preis ist mit Blick auf die Auflage so kalkuliert, dass sich Interessierte ein Exemplar auch kaufen können. Bei den aktuellen Margen für ein Abendessen mit Pizza, Salat und Mineralwasser wird man nicht sagen können, dass das überzogen ist. Man schreibt solche Bücher nicht als Qualifikationsarbeit, sondern als zusammenfassende Dienstleistung für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Und wenn es einem als Wissenschaftler einmal gelingt, ein Standardwerk zu etablieren, freut man sich vielleicht auch darüber, fünf- bis zehntausend Euro dazuzuverdienen.

          Offenbar mit stillschweigendem Einverständnis des Deutschen Bibliotheksverbandes fasste die Leitung der Universitäts- und Landesbibliothek der TU Darmstadt 2009 den Entschluss, eine Reihe von Lehrbüchern auf den Scanner zu legen und die so hergestellten PDF-Dateien auf einem öffentlich zugänglichen Rechner jedem Interessierten zum Herunterladen über eine USB-Schnittstelle zur Verfügung zu stellen. Jeder Bibliotheksbesucher konnte die Dateien der digitalen Lehrbuchsammlung mit den vollständigen Publikationen ohne irgendeine Kontrolle der Bibliothek auf seinen Stick kopieren. Die Dateien waren dann weiter vervielfältigbar, man konnte beliebige Textpassagen kopieren, und sie konnten vollständig ausgedruckt werden. Diese Dienstleistung erfolgte willkürlich nach Ukas der Geschäftsführung, ohne jede Benachrichtigung, geschweige denn Einverständnis der Rechteinhaber und betraf einschlägige Werke von ungefähr zwanzig Verlagen: Lehrbücher der technischen Mechanik, der Botanik, der chemischen Technologie, der Physik, eine Einführung in die Theorie der Bildung und eben das Geschichtslehrbuch von Schulze, verlegt im Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart.

          Eine phantasievolle urheberfeindliche Hermeneutik

          Dies – eine Kriegserklärung des Bibliotheksverbandes an die deutsche Verlagslandschaft und an die Autoren – veranlasste den Eugen Ulmer Verlag dazu, mit Unterstützung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels einen Musterprozess gegen die TU Darmstadt zu führen. Über mehrere Instanzen und differierende Urteile landete er schließlich beim Bundesgerichtshof. Am 16.April 2015 wurde in Karlsruhe das Urteil gesprochen. Es gab der Darmstädter Bibliothek zur Gänze recht. Jetzt liegt die Urteilsbegründung vor.

          Weitere Themen

          25 Jahre Haft für Schlepper Video-Seite öffnen

          Urteil in Ungarn : 25 Jahre Haft für Schlepper

          Vier Männer sind in Ungarn wegen Totschlags an 71 Flüchtlingen verurteilt worden. Die Bilder des Dramas gingen um die Welt, nachdem die Leichen im August 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle in dem abgestellten Lkw gefunden wurden.

          Judith Kerr wird 95 Jahre alt Video-Seite öffnen

          Dank einem Polizisten : Judith Kerr wird 95 Jahre alt

          Judith Kerrs Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ist Pflichtlektüre für Generationen von Schulkindern in Deutschland geworden. Sie beschreibt darin die Flucht ihrer Familie aus Deutschland unmittelbar vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Jetzt ist die umtriebige Autorin 95 Jahre alt geworden.

          Topmeldungen

          Manuel Neuer : Ein Siegfried im Tor genügt nicht

          Hinter Manuel Neuer standen einige Fragzeichen vor dem WM-Auftakt: Der deutsche Nationaltorwart besteht aber den Torwart-TÜV im Schnelldurchgang. Er hätte aber wohl auch noch im Sturm Heldentaten vollbringen müssen.
          Menschen in Seoul verfolgen Berichte über das Treffen von Amerikas Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un

          Friedensforscher : Atommächte investieren in ihre Waffen

          Nordkorea ist nicht die einzige Atommacht, die Experten Sorgen bereitet. Zwar ist die Zahl der Nuklearsprengköpfe auf der Welt leicht gesunken. Doch das ist laut Friedensforschern noch lange kein Zeichen für Abrüstung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.