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Rettung der Welt : Das Herz isst mit

  • -Aktualisiert am

Nach den Weihnachtsfeiertagen wird gesunde Ernährung aus dem Bauch heraus zum Thema. Wie man den Verzehr von Obst, Gemüse und wenig Fett sogar als politische Tat begreifen kann. Aus dem F.A.S-Dossier zur Rettung der Welt.

          Manche Lösungen kommen vor dem Problem. Gedanken stellen sich nicht immer dann ein, wenn sie gebraucht werden, manchmal kommen sie zu früh und lungern noch ein wenig in der Lobby. Eine Inspiration waren mir die im „Kieser-Training“ überhörten Plaudereien zwischen Rentnern. Sicher ein Dutzend Gespräche waren es, die alle denselben Inhalt hatten. Die entschlossen ihre Gewichte bewegenden Damen und Herren jenseits der Siebzig schilderten ihre Saga des Leidens, ihr Kreuz mit dem Rücken. Oft hatte man sie operiert, es gab Reha und Schmerzmittel, Massagen und Maßnahmen. Und dann fiel jedes Mal ein Satz, für den sie nichts erwarten konnten, sie waren nicht im Werbefernsehen oder bei der Meinungsforschung, sie standen in dünnen Hosen mit Handtuch um die Schultern vor der poetisch A3 genannten Beinspreizmaschine: Erst seit ich hier bin, tut mir nichts mehr weh. Die Schmerzen sind weg.

          Wer mit Rückenschmerzen zum Arzt geht, wird meist alles Mögliche erfahren, wird Medikamente bekommen, geröntgt und gründlich untersucht werden. Es dürfte aber, bis vor wenigen Jahren jedenfalls, selten vorgekommen sein, dass er zum Krafttraining geschickt wird. Dabei scheint dies, wenn ich den gleichlautenden Aussagen völlig fremder Menschen in diversen deutschen Städten glauben darf, das wirksamste Mittel zu sein, und zwar sowohl zur Vorbeugung wie zur Linderung. Es ist preiswert und hat nur gute Nebenwirkungen. Das sollte es - wie Gesundheitsversorgung ja auch, bloß stattdessen - für alle geben.

          Der Rücken ist ein weites, metaphorisch beziehungsreiches Feld; aber lässt sich diese Art, über eine recht simple Reform der Lebenspraxis an potentiell komplexe und langwierige medizinische Probleme heranzugehen, auch auf andere, noch dramatischere Gebiete übertragen? Könnten auf wissenschaftliche Erkenntnis basierende Reflexion und, davon abgeleitet, alltägliche Praktiken unsere Gesundheit, unsere Landwirtschaft, Gastronomie und unseren Alltag umkrempeln, wo wir diese Kompetenz allzu gern an eine hochspezialisierte, fast schon heroische Wissenschaft oder an die Politik delegieren?

          Schnee aus Buttermilch

          Ist es denkbar, dass etwas, das so lauwarm banal vor uns liegt wie das tägliche Essen, eine eben solche, ja eine noch größere Hebelwirkung entfalten könnte, wenn wir ihm einige Gedanken widmen? Könnte man also Wirtschaft und Gesellschaft umkrempeln und das Leben unzähliger Menschen in drei Schritten retten: Frühstück, Mittag- und Abendessen?

          Nun ist der Wahn mit gesunder Ernährung nichts Neues, sondern längst ein Milliardengeschäft. Schon als Kind hatte man den Reflex, sich die Zeigefinger in die Ohren zu stecken und laut zu singen, wenn blasse Erwachsene mit leuchtenden Augen mit ihrem Frischkornbrei und entsprechenden Predigten ankamen. Und in der Kulturgeschichte sollten immer dann rote Warnlampen angegangen sein, wenn jemand gegen die „Coca-Cola-Kultur“ wetterte und darlegte, dass die wahre Mutter und Hausfrau die Erbsen von Hand liest, anstatt zur Konserve zu greifen.

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