http://www.faz.net/-gqz-8pzg8

Regieren mit Twitter : Der Troll an der Macht

Twitter passt zu seinem Politikverständnis: Donald Trump Bild: AP

@realDonaldTrump: Was wird passieren, wenn der mächtigste Mensch der Welt seine Politik mit Tweets macht? Die vergangenen Wochen gaben einen Vorgeschmack. Über das Regieren mit 140 Zeichen.

          This is madness“, twitterte der Vorsitzende des Streitkräfte-Komitees im amerikanischen Senat, Chris Murphy: „Eskalation einer diplomatischen Krise mit China durch Twitter am Samstag, 7.30 Uhr, einschließlich Falschschreibung“.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein chinesisches Kriegsschiff hatte Mitte Dezember irgendwo im Südchinesischen Meer eine amerikanische Forschungsdrohne beschlagnahmt. Das Pentagon protestierte, und es begannen Verhandlungen über die Rückgabe des Objekts. Da erregt die Sache das Interesse des gewählten Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und gut zwei Tage nach dem Vorfall setzt er an einem frühen Samstag Morgen folgenden Tweet ab: „China stiehlt in internationalen Gewässern eine Forschungsdrohne der US Navy – reißt sie aus dem Wasser und nimmt sie in einem präzedenzlosen Akt mit nach China“.

          „This is madness“

          Statt „unprecedented“ schreibt er zunächst „unpresidented“ und schickt später den Tweet noch mal mit der richtigen Schreibweise. Kurze Zeit danach erklärt das chinesische Außenministerium, Peking werde die Drohne zurückgeben und ergänzt, es sei „unangebracht“, dass die Vereinigten Staaten „unilateral“ die Sache aufgebauscht hätten. Der Kommunikationschef von Trumps Übergangsteam triumphiert: „@realdonaldtrump gets it done“. Doch in der Nacht greift der reale Donald Trump ein weiteres Mal zum Smartphone und legt nach: „Wir sollten China sagen, dass wir die Drohne, die sie gestohlen haben, nicht zurück wollen – lasst sie sie behalten!“

          Donald Trump findet, er sei auf 140 Zeichen der beste Autor der Welt.

          Es war vielleicht eher eine Farce als eine echte diplomatische Krise. Aber sie war real genug, um sich vorzustellen, wie eine echte diplomatische Krise aussehen könnte, die von einem twitternden amerikanischen Präsidenten auf die Spitze getrieben wird. In den letzten Jahren hat sich das Ringen zwischen China und Amerika um die Vorherrschaft im pazifischen Raum intensiviert; es geht da nicht nur um Taiwan, sondern auch um diverse Territorialkonflikte, die China mit mehreren Bündnispartnern der Vereinigten Staaten austrägt. Über der Senkaku/Diaoyu-Inselgruppe zum Beispiel, die sowohl von China wie Japan beansprucht wird, haben beide Länder sich überlappende militärisch bewehrte „Luftidentifikationszonen“ errichtet.

          Unterschiedliche Bewertungen einer Situation können da unabsehbare, fatale Folgen haben, weshalb die Militärführungen in Washington und Peking spezielle Kommunikationsstrukturen für Krisenfälle eingerichtet haben, damit Missverständnisse erst gar nicht aufkommen oder Zeit genug erhalten, um geklärt zu werden. Was passiert nun, wenn in ein solch ausgefeiltes Sicherungssystem in uneindeutiger Lage rachsüchtige, alberne, übellaunige oder einfach nur unausgeschlafene Twitter-Mitteilungen des Mannes platzen, der an diesem Freitag als amerikanischer Präsident, also auch als Oberbefehlshaber der Streitkräfte vereidigt werden wird? Seit vergangenem Monat kann man sich nicht mehr sicher sein, was passiert. „This is madness“, in der Tat.

          Selbstüberschätzung und Geltungsbedürfnis

          Trumps nach wie vor widersprüchliche Statements und Personalentscheidungen in den Wochen seit seiner Wahl haben kaum deutlicher werden lassen, welche Politik er als Präsident vertreten wird. Aber seine Tweets in dieser Zwischenzeit, ihre Form und ihre Wirkungsweise, vermitteln tatsächlich schon eine Ahnung davon, wie er die Politik Amerikas – und nicht nur Amerikas – verändern könnte. Sie sind keineswegs bloß eine Steigerungsform der Tweets, die Obama in seiner Präsidentschaft abgesetzt hat, sondern etwas ganz anderes. Während Obama seinen Twitter-Account von einem Team verwalten lässt, das seine in den üblichen Verfahren und Institutionen entwickelte Politik der Öffentlichkeit zu vermitteln versucht, ist Twitter für Trump zugleich der Entwickler, das Medium und der Vollstrecker der Politik selbst – gleich, ob es um China, um Guantanamo, General Motors oder die unabhängige Ethikbehörde des Kongresses geht. All die Sicherungen der Institutionen, von denen man sich nach Trumps Wahl noch zur Beruhigung versichert hatte, wie stark sie seien, werden durch dieses Verfahren umgangen. Trumps Tweets sind so unpresidented wie unprecedented. Sieht es so aus, wenn eine loose cannon über das Deck der Weltpolitik zu rollen beginnt?

          Trump trifft die Presse, New York am 11. Januar 2017

          Was die Twitter-Begeisterung des bald mächtigsten Menschen der Welt genau bedeutet, das muss man in seiner Eigenart und in seinen Auswirkungen erst noch verstehen lernen. Die Politikwissenschaftler haben eine neue Frage: Welchen Realitäts-Status haben Tweets bei einem amerikanischen Präsidenten? Können sie als Erklärung, als Positionsbestimmung eines ganzen Staats gelten? Peking nahm in der Drohnenaffäre jedenfalls schon die Twitter-Mitteilungen des bloß gewählten, nicht amtierenden Präsidenten, für eine Äußerung der Vereinigten Staaten insgesamt.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Trump hat seinen Account schon seit 2009. In der Art Komplexitätsreduktion, die der begrenzte Raum von 140 Zeichen erzwingt, sah Trump offenbar von Anfang an die perfekte Entsprechung für die Reichweite und Ausdauer seines Interesses an einem Thema – und zugleich die Möglichkeit, auch begrenzten Einsichten eine maximale öffentliche Wirkung zu verschaffen. Man könnte seine Entwicklung vom Geschäftsmann zum Massentribun und Präsidenten ganz in den Kategorien dieser Mitteilungsform beschreiben: das Spiel mit dem Mainstream, der effektvoll verletzt und gleichzeitig umworben wird; die Herstellung von Gleichzeitigkeit und Zeitgenossenschaft für eine möglichst große Zahl von Menschen und zugleich der Anspruch, ein authentisches Selbst auszudrücken; die Magie des Augenblicks, der Geschwindigkeit, der plötzlichen Travestie; die Ironie, der Sarkasmus, die Brutalität, die um Einverständnis heischen. Die Mischung aus Selbstüberschätzung und Geltungsbedürfnis, Skrupellosigkeit und Opportunismus, die an Trumps Auftreten immer wieder auffällt, ist auch etwas, das, in freilich weit harmloserem Umfang, in der kühnen Willkürgeste des Mediums selbst angelegt ist, sie auch dann zu einer Herrschergeste macht, wenn der Tweet sich nur an ein paar Follower oder die Medien richtet.

          Eine Falschmeldung

          Auf der Webseite „trumptwitterarchive.com“ kann man schon anhand der Rubriken, unter denen die Tweets dort geordnet sind, ersehen, welche Themen und Motive Trump bisher am meisten bewegen: globale Erwärmung (fiktional, mythisch, Bullshit), Obama („a complete and total disaster“), die Frage, wer gerade „über uns“ lacht (meistens China, manchmal Iran, auf jeden Fall „unsere Feinde“), liberale Journalisten und vor allem Journalistinnen („ugly both inside and out“), er selbst („My I.Q. is one of the highest – and you all know it“). Es ist auffallend, dass ihm unter all den Superlativen, die er in den verschiedensten Bereichen auf seine eigene Person bezieht, seine Twitter-Tätigkeit besonders wichtig zu sein scheint. Man nenne ihn „den Ernest Hemingway von Twitter“, gibt er einmal bekannt, und bei anderer Gelegenheit behauptet er: „Many are saying I’m the best 140 character writer in the world“ und fügt dann noch hinzu: „It’s easy when it’s fun“.

          Zeigt sich hier der wahre Donald Trump?

          Was als Schilderung des üblichen Flows beim Bloggen gemeint gewesen sein mochte, bekommt jetzt, da Trump Präsident wird, etwas Unheimliches: Was wird der „Spaß“ kosten, den sich dieser Mann aus der Welt als Medium seiner Twitterambitionen macht? Kurz nach den Wahlen hatte er noch angekündigt, er werde mit den sozialen Medien künftig „sehr zurückhaltend“ umgehen, „wenn ich sie überhaupt noch nutze“. Doch solche Skrupel, wenn er sie denn jemals ernsthaft gehegt haben sollte, verflogen rasch. Und plötzlich begann sich die diskursive Macht, die Twitter gewähren kann, mit der Macht des Staats und seiner politischen, ökonomischen, polizeilichen und militärischen Institutionen zu verbinden.

          Dienstag, der 3. Januar zum Beispiel. Trump twitterte um 7.30 Uhr: „General Motors schickt das in Mexiko gemachte Chevy Cruze-Modell zu amerikanischen Autoverkäufern steuerfrei über die Grenze. Produziert in den USA oder zahlt hohe Grenzsteuern!“ Die Washington Post dokumentierte haarklein, was dann passierte: Um 8.15 Uhr fielen die GM-Aktien um 0,7 Prozent, um 9.00 Uhr war das Interesse bei Google an GM um zweihundert Prozent gestiegen, um 9.10 Uhr veröffentlichte GM eine Erklärung, dass alle Chevy-Cruze-Limousinen in Lordstown, Ohio produziert werden. In der Sache war das der Nachweis, dass Trump eine Falschmeldung in die Welt gesetzt hatte. Aber für die öffentliche Wahrnehmung ist entscheidend, dass die Börsen und das Internet augenblicklich reagierten und so den Autokonzern zu einer Stellungnahme zwangen, die dem allzu eiligen Blick sogar wie ein Nachgeben vorkommen kann.

          Kommt in meine Wirklichkeit

          Die Tweets des gewählten Präsidenten appellieren an Meinungen einer gefühlten Mehrheit des Volks, und wenn der Chef selbst sich diese Meinungen zueigen macht, ist der Druck groß. Deshalb ist jeder dieser Tweets eine Drohung: Die Masse, die hinter mir steht, wird euch zerquetschen. Trumps früherer Wahlkampfmanager Corey Lewandowsky nennt dessen Tweets daher triumphierend eine „sehr, sehr mächtige Waffe“: „In 140 Zeichen kann er das Schicksal eines Fortune-100-Unternehmens verändern, er kann Weltführern Botschaften zukommen lassen, und er kann auch Regierungsinstitutionen Bescheid geben, dass Business as usual vorüber ist“.

          Um 10.03 desselben Morgens nahm sich Trump seine republikanischen Parteifreunde vor, die die Unabhängige Aufsichtsbehörde des Kongresses abschaffen wollten; er twitterte: „Konzentriert euch auf Steuerreform, Gesundheitssystem und so viele andere Dinge von weit größerer Bedeutung!“ Auch diesmal ging dann alles sehr schnell. Um elf eröffnete der Vorsitzende des Repräsentantenhauses Ryan den führenden Republikanern, dass aus der geplanten Abschaffung nichts werden darf. Um zwölf bliesen die Republikaner ihr Vorhaben ab.

          Interessant ist, wie rasch sich der Machtapparat auf die neue Art der Politikverfertigung eingestellt hat. Sean Spicer, der künftige Pressesprecher des Weißen Hauses, gab zu Protokoll, dass er nach dem Aufwachen als erstes die neuen Tweets seines Chefs checkt, um zu wissen, was ihn an diesem Tag erwartet; er werde in deren Produktion nicht einbezogen. Und die Apparate der anderen passen sich auch an. Das Außenministerium Südkoreas hat schon einen Beamten dafür abgestellt, Trumps Tweets zu verfolgen; die russische Botschaft in London twittert mit einer Häme, als wolle sie den Meister imitieren. Wird die internationale Politik künftig auf diese Art funktionieren?

          Die diskursive Herrschergeste des Twitterers schlägt um in eine politische: Der twitternde Trump stilisiert sich als Gegentypus zum Bürokraten, der sich zu einer Entscheidung nach langem Aktenstudium und Austausch mit Experten und allen Beteiligten durchringt und das dann als Sachzwang ausgibt. Bei Trump, das ist die Botschaft, dauert eine Entscheidung gerade mal so lang, wie man für 140 Zeichen braucht, und er nimmt es als Ausweis deren Souveränität, dass sie auf die Wirklichkeit der anderen nicht angewiesen ist. Der New Yorker Journalismuswissenschaftler Jay Rosen spricht von einer „alt-reality“: Trump versuche zu demonstrieren, „dass er die Macht hat, seine eigene Wirklichkeit zu erschaffen und genügend Amerikaner dazu bringen kann, in ihr zu leben“.

          Dem Publikum wird dabei das Schauspiel vorgegaukelt, bei der Entstehung und Ausübung von Politik direkt beteiligt zu sein, was ein feudalistisches und ein massendemokratisches Gefühl zugleich befriedigt. Trump als Twitterer ist der Traum aller Trolle, dass sich nach den eigenen Ausfällen und Wutausbrüchen tatsächlich einmal die ganze Welt richtet. Was freilich auch bloß eine Macht der Ohnmacht wäre, eine Kapitulation gegenüber den Obsessionen und Empfindlichkeiten, denen die Trolle selber ausgeliefert sind. Am Ende ist es das Medium selbst, das die Regie übernimmt. Und am Horizont erscheint das Bild einer vollendeten Dystopie: die Vereinigung Silicon Valleys und seiner Allmachtsphantasien mit Trump – Big Data in der Hand eines unkontrollierten Twitterers. Was eben noch eine verstiegene Verschwörungstheorie sein mochte, wirkt plötzlich wie eine plausible Möglichkeit.

          Weitere Themen

          „Treffen des Jahrhunderts“

          Reaktion in Nordkorea : „Treffen des Jahrhunderts“

          Gut aufgelegt kehrt Trump aus Singapur zurück. Nordkorea meldet schon, er habe eine Einladung nach Pjöngjang angenommen. Und das Weiße Haus teilt ein bemerkenswertes Video, das bei dem Gipfel eine Rolle spielte. Japan dagegen ist skeptisch.

          Die Trump-Partei

          Republikaner in Amerika : Die Trump-Partei

          Die Unterstützung für Donald Trump in der republikanischen Partei ist nach seinem Treffen mit Kim Jong-un so groß wie nie zuvor. Besonders rechte Kandidaten profitieren davon. Doch nützt das der Partei bei den Wahlen im November?

          Topmeldungen

          Asylstreit : Kurz vor dem Zusammenstoß

          CDU und CSU haben die Kollision noch einmal vermeiden können. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt. Die Aussichten, dass Merkel Seehofers Forderungen erfüllen kann, sind nicht besonders groß. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.