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Veröffentlicht: 19.11.2014, 10:24 Uhr

Reformationsjubiläum Martin Luther - Freiheitskämpfer oder Volksverhetzer?

Auf dem Weg zum großen Reformationsjubiläum 2017: Während die Ängstlichen den Berserker Luther am liebsten verstecken würden, feiern die Ahnungslosen ihn als Vorkämpfer eines pluralistischen Gemeinwesens. Beides ist verfehlt.

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© dpa Der genialische Bibel-Übersetzer, von Dämonen umstellt: Luthers kolossale Gestalt auf dem Marktplatz in Wittenberg

Deutsche, lasst euch euren Luther nicht nehmen! So möchte man im Stil der Flugschriftenpublizistik des sechzehnten Jahrhunderts ausrufen, wenn man sieht, was derzeit mit dem „Propheten der Deutschen“ (Luther über Luther) geschieht. Ja, schützt Luther vor denen, die heute vorgeben, ihn vor sich selbst schützen zu wollen! Vor denen, die sich eher für Luther entschuldigen möchten, als sich für sein Genie zu interessieren.

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Martin Luther macht, so will es scheinen, derzeit vor allem eins: verlegen. Allenfalls genießt er den Exotenbonus. Je mehr es auf 2017, das Gedenkjahr für fünfhundert Jahre Reformation, zugeht, desto hilfloser steht der kirchliche und staatliche Gedenkbetrieb vor dieser vulkanischen Person. Schon dies: „Prophet der Deutschen“ geht ja eigentlich gar nicht. Genaugenommen geht das meiste an Luther gar nicht. Seine mit verdauungsbezogenen Metaphern gespickte Raserei gegen Bauern, Juden, Papisten, Täufer und Türken würden heute zumindest unter Volksverhetzung fallen. Seine Dämonomanie, die ihn hinter jedem Busch und im Grunde hinter jeder anderslautenden Lehrmeinung einen Teufel sehen ließ, ist Stoff für Kliniker und lässt sein gewaltiges Werk wie satanische Verse, wie Bannliteratur wider den Satan, aussehen. „Der Teufel“, so Lyndal Roper, Professorin für Modern History an der Universität Oxford, „taucht in fast allem auf, was Luther schrieb, ob es nun Predigten, Streitschriften oder Abhandlungen sind - auch seine Briefe sind übersät mit Hinweisen auf den Satan.“

Im Wittenberger Kessel

Nicht dass ein Kirchenmann am Teufel festhält, verstört. Das tut Papst Franziskus, in Luthers Diktion der „Antichrist“ von heute, schließlich auch. Sondern dass Luther ihn, den Satan, in jedem seiner Gegner personifiziert sah und ihn entsprechend - denkt man etwa an die Bauern - als Totschlagargument einsetzte: Das ist es, was uns heute entsetzt. Luthers Apokalyptik schließlich, seine nahe Weltuntergangserwartung, die für den heilsgeschichtlichen Druck im Wittenberger Kessel sorgte, war die Fünf-vor-zwölf-Kulisse für Luthers demonstrative Intoleranz. Man kann ihn vielleicht zu einem der in der Welt einflussreichsten Debattenanreger aller Zeiten stilisieren - mit all den manisch-depressiven Exaltationen, die in seinem Fall dazugehören. Aber als Wegbereiter der ARD-Toleranz-Themenwoche hätte sich Luther selbst doch wohl zuallerletzt gesehen. Ist eine solche vormoderne Existenz überhaupt jubiläumsfähig? Sollte man Luther, so fragen auch viele Kirchenleute, nicht besser aus unserem kulturellen Erbe ausmustern oder jedenfalls unauffällig halten, statt ihn aufs Jubiläumspodest zu stellen?

© dpa, Deutsche Welle Lutherstädte – von Wittenberg nach Eisenach

Nein, das wäre schlimm. Weil es die Unwilligkeit zeigte, sich in eine widerständige Vergangenheit zu versetzen, die wir mit unserer Erfahrung nicht mehr nachvollziehen können. Hans Magnus Enzensberger hat unlängst in einem Gespräch mit Alexander Kluge gefragt, wie weit man im Handschuh einer vergangenen Zeit vordringen könne, so dass sich diese Zeit noch mit einem „Gefühl von innen“ erleben lasse. Bei ihm selbst, so Enzensberger, gehe das Gefühl von innen, die Kontinuität des Selbst-Erlebbaren gerade noch bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück; für die Zeit davor fühle sich der geschichtliche Raum taub an, auch wenn sich seine Quellen studieren, seine Hervorbringungen bestaunen lassen. Das sechzehnte Jahrhundert hat demnach per se schon Exotenstatus, wie soll da ausgerechnet der Berserker Luther bei uns Modernen ein Gefühl von innen mobilisieren?

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