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Reform des Islam : Heben wir die Schätze der Muslime!

Der Koran liegt offen: Im Interkulturellen Zentrum für Dialog und Bildung in Berlin Bild: dpa

Der Weg zur Reform: Was im Christentum gelang, sollte auch im Islam möglich sein. Die vielen liberalen Traditionen sind durchaus geeignet, um sie auf die Gegenwart zu übertragen.

          Wenn, wie immer nach islamistischen Anschlägen, nun wieder verstärkt über die Reformfähigkeit des Islams debattiert wird, dann rückt die Lesart des Korans in den Mittelpunkt. Wörtliche Auslegungen stehen einer historisch-kritisch informierten Exegese gegenüber. Letztere ist ein Schrittmacher der innerreligiösen Reform, sie kommt dem Gewaltverzicht der meisten Muslime entgegen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber in welchem Umfang wird sie sich durchsetzen können? Absehbar sind die Rückwirkungen, die die islamische Theologie von der Konjunktur der historisch-kritischen Koranwissenschaft empfängt, welche derzeit an amerikanischen und europäischen Universitäten betrieben wird. Wie schnell solche reformerischen Ansätze sich in den Koranschulen abbilden und auf die religiöse Praxis durchschlagen, ist naturgemäß eine offene Frage, die nicht nur von theologischen Einsichten abhängt. Stets bedarf es eines im weitesten Sinne politischen Willens, damit Theologie sich in ein neues Verhältnis zur Kultur der Zeit setzen kann.

          Vor und Zurück der Gewaltgeschichte

          Auch im Christentum hat es gedauert, bis diese andere monotheistische Offenbarungsreligion sich in einem komplexen Vor und Zurück von ihrer Gewaltgeschichte distanziert hat. Hier, im Christentum, wie dort, im Islam, hängt der Erfolg einer religiösen Reform theologisch von einer doppelten Herausforderung ab: Nicht nur die heiligen Texte sind einer neuen Hermeneutik zu unterwerfen, sondern auch die Reform selbst ist, soll sie Bestand haben, auf eine eigene, religionskompatible Hermeneutik angewiesen. Und zwar eine solche, die diese Reform nicht als Bruch mit der religiösen Tradition erscheinen lässt, sondern als deren Vertiefung, Reinigung, Freilegung. Vereinfacht gesagt, geht es immer um dasselbe: verschüttete, vergessene, blockierte Traditionen ausfindig zu machen, an die sich schlüssig anknüpfen lässt, um einer Neuerung zum Durchbruch zu verhelfen.

          Ohne eine solche Anbindung an Traditionsbestände der religiösen Lehre ist - bei allen strukturellen Unterschieden - weder im Christentum noch im Islam Innovation denkbar. Ihre Theologien dürfen, wollen sie Einfluss gewinnen, den Nachweis einer Kontinuität zum Stifter der Religion nicht schuldig bleiben. In diesem Sinne gilt die theologische Maxime: Jede Revolution ist Interpretation. Wenn der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf in diesen Tagen sein Buch „Krypta“ publiziert, dann sollen damit „vergessene und nicht selten unterdrückte Optionen der Kirchengeschichte in Erinnerung gerufen werden - so wie zahlreiche Krypten unter antiken und mittelalterlichen Kirchen verschüttet und später wieder ausgegraben wurden“. Auf diese Weise wird Kirchengeschichte subversiv: Neue alte Möglichkeiten werden in Erinnerung gerufen, „was dazu beitragen kann, die heutigen Reformdiskussionen auf der Basis der ganzen Breite der kirchlichen Tradition zu führen“.

          Alternative Modelle

          Als versierter Reformer seiner Kirche schmiegt sich Wolf der institutionellen Hermeneutik an, die seinen Befunden reformerische Bedeutung geben soll: „Ob und inwieweit die historisch belegten alternativen Modelle für die gegenwärtig anstehende Reform der Kirche an Haupt und Gliedern tatsächlich nützlich sind, das zu beurteilen übersteigt die Kompetenz eines Kirchenhistorikers. Hier sind alle Disziplinen und letztlich die Kirche als Ganzes gefragt.“ Die Kirche als Ganzes - das ist am Ende Roma locuta. Im Islam, in dem es ja keine zentrale Lehrautorität gibt, liegt eine Fülle von liberalen Traditionen parat - reiche mittelalterliche Schätze kultureller Blüte -, die nur gehoben werden müssen, um sie als Anknüpfungspunkt für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Wolfs Buch kann insoweit auch für die Islamwissenschaft stilbildend sein.

          Das geschilderte Muster von religiöser Reform lässt sich im Christentum besonders gut beim sogenannten „Recht auf Irrtum“ studieren. Unter dieser Maxime hat man katholischerseits jahrzehntelang das Für und Wider der Religionsfreiheit diskutiert, bevor diese Freiheit zum Nicht- oder Andersglauben auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil in der Erklärung „Dignitatis humanae“ verbindlich wurde. Den Wahrheitsanspruch, wie ihn Christentum und Islam erheben, galt es mit der Toleranz gegenüber anderen Religionen zu vermitteln - ein Manöver, das für die katholische Tradition erkennbar eine Revolution darstellte, welche wiederum nur dann universalkirchlich wirksam werden konnte, wenn sie in einer Hermeneutik der Kontinuität, nicht des Bruchs gelesen wird, also als Revolution gerade nicht in Erscheinung trat. Bis heute kreisen die rivalisierenden Interpretationen des Zweiten Vatikanums en detail um die Frage: Bruch oder Kontinuität? Dabei gehört es zur Strategie der Reformer, dass sie die antimodernistischen Restbestände in der Konzilstheologie gerade nicht lauthals in Frage stellen, sondern erfolgreich beschweigen. Auch so funktioniert Traditionsbildung: unliebsame Bestände ruhenlassen, durch neue überlagern.

          Genese und Geltung

          Man kennt die Methode aus der Jurisprudenz, wenn es um die Frage geht, unter welche Norm ein Fall zu subsumieren ist. Gewicht bekommen solche Lesarten, die unter den Juristen die meisten und gewichtigsten Befürworter finden, derweil andere Lesarten durch Beschweigen gleichsam deaktiviert werden. Insofern ist das jüngste Bekenntnis der Kanzlerin, der Islam gehöre zu Deutschland, auch eine Stärkung der Reformkräfte dieser Religion. Frau Merkels Zuschreibung schlägt nicht nur politisch, sondern indirekt auch reformtheologisch zu Buche.

          Hat die Feststellung dessen, was in der Religion unverhandelbar sein soll, nicht immer auch politischen, kulturellen, ökonomischen Einflüssen gehorcht? So schreibt der Freiburger Theologe Magnus Striet im Januar-Heft der „Herder-Korrespondenz“: „Dass das Kirchenrecht ein göttliches Recht kennt, ist selbstverständlich, damit aber ist noch nicht notwendig ,nicht verhandelbar‘, was dieses Recht in seinem Kern bestimmt. Und offensichtlich ist es ,verhandelbar’, ansonsten könnte nicht verstehbar gemacht werden, warum das, was als ius divinum gilt, im Prozess der Überlieferung Modifikationen erfahren hat.“ Die Einsicht in den Zusammenhang von Genese und Geltung kann, was das islamische Recht angeht, im Zweifel Menschenleben retten.

          Dass die religiöse Substanz keine Einbuße erfährt, wenn sie sich über ihre kulturellen Bedingungen aufklärt - das ist nicht nur die Präambel für jedes theologische Reformprogramm. Es ist auch der Weg, um über seinem Glauben nicht den Verstand zu verlieren. Also der heiligen Einfalt zu entkommen, die mitunter mörderisch ist.

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