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Veröffentlicht: 25.02.2006, 11:22 Uhr

Rechtschreibreform Ja, da kann man nur noch gehen

Chronik eines fortlaufenden Schwachsinns: Theodor Ickler erklärt, warum er den Rat für deutsche Rechtschreibung verläßt. Über sinnlose Diskussionen, schwindende Runden und Angst vor „Krawallmachern“.

von Theodor Ickler
© picture-alliance/ dpa/dpaweb Mission gescheitert: Bei einer Tagung des Rechtschreibrates

Als die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung die Zusammenarbeit mit der kompromißbereiten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verweigerte, wurde sie kurzerhand entlassen und durch den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ ersetzt. Dessen Zusammensetzung ließ nichts Gutes erwarten, denn es saßen fast nur die bekannten Reformbetreiber darin, darunter sieben von zwölf Mitgliedern der aufgelösten Kommission. Trotzdem folgte ich im Frühjahr 2005 der Bitte des P.E.N.-Zentrums, die Interessen der Schriftsteller zu vertreten. Die dritte Sitzung war die erste richtige Arbeitssitzung und auch für mich die erste.

München, Hanns-Seidel-Stiftung, 8. April

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Der Rat ist ziemlich vollzählig versammelt, ein Aufpasser der KMK sitzt immer dabei. Als erstes hat der Rat sich für alle Beschlüsse eine Zweidrittelmehrheit verordnet und auch schon von der KMK genehmigen lassen. Damit ist sichergestellt, daß keine Korrektur der neuen Regeln gegen den Willen der Reformbetreiber zustande kommt. Sehr schlau, aber nicht mehr zu ändern.

Der Altreformer Horst Sitta beantragt die Streichung des Tagesordnungspunktes „Getrennt- und Zusammenschreibung“, da zu wenig Zeit zur Vorbereitung gewesen sei. Verblüfftes Schweigen, denn nur wegen dieses Punktes ist der Rat heute zusammengekommen. Der Vorsitzende Zehetmair versucht die Lage zu retten, die durch Sittas scharfen Ton noch peinlicher geworden ist. Weitere Wortmeldungen in diesem Sinne. Ich selbst weise darauf hin, daß die Zeit zwar knapp, für Fachleute, die sich jahrzehntelang mit der Sache beschäftigt haben, aber ausreichend gewesen sei, außerdem darauf, daß ich für diejenigen, die nicht so mit der Materie vertraut sind, einen Kommentar versandt habe, der die Grundzüge und Hauptfolgen leicht erkennen läßt. Sitta stellt fest, daß bei ihm „Post vom P.E.N. ungelesen in den Papierkorb wandert“. Der Antrag wird abgewiesen, bei einer Gegenstimme.

„Damit uns nichts Unangenehmes passiert“

Ein Schulbuchautor berichtet, daß der hessische Ministerialrat Stillemunkes einem Schulbuch die Zulassung verweigert habe, weil darin nicht der Wortlaut der Rechtschreibreform wiedergegeben sei. Dabei beherrscht Stillemunkes die neue Rechtschreibung selbst nicht, wie seine fehlerhafte Broschüre „Rechtschreibung gut erklärt“ beweist. Aber die hessische Landesregierung ist das Zentrum der Reformdurchsetzer. Das sieht ja auch der Verband der Schulbuchverleger so, der seine Agitation daher mit großem Erfolg auf Roland Koch und seine Schulministerin konzentriert. In den Rat haben die Schulbuchverleger den Klett-Lektor Michael Banse entsandt, „damit uns allen nichts Unangenehmes passiert“, wie es in einem internen Papier heißt.

Peter Eisenberg, der Kopf der Arbeitsgruppe Getrennt- und Zusammenschreibung, spricht den selbstverständlichen Grundsatz aus: Orthographie ist in erster Linie eine sprachliche Tatsache, und Tatsachen müssen respektiert werden. Die Reformer sind vom Gegenteil ausgegangen.

Die Altreformer wie Peter Gallmann wollen bei „eindeutigen“ Regeln bleiben, auch wenn sie grammatisch bedenklich sind und vom Sprachgebrauch abweichen. Eisenberg und ich halten dagegen, wirkliche Einfachheit bestehe nicht darin, daß der Lehrer eine Regel einfach formulieren kann, sondern darin, daß der Schreibende sie nach seiner Intuition und Leseerfahrung ohne Zögern anwendet.

Orientierung am Usus

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