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Rechnitz : Das Dorf der alten Dame

Durch Zufall kommt niemand nach Rechnitz Bild: F.A.Z. Frank Röth

Seit das Rechnitz-Massaker neu zu Bewusstsein gebracht wurde, blickt die Welt auf die Stadt am südöstlichen Rand Österreichs. Wer sich heute dorthin begibt, wird genau beobachtet - und angeschwiegen. Von Sandra Kegel.

          Rechnitz, das ist das Ende der Welt. Eingeklemmt zwischen dem Geschriebenstein, dem dunklen höchsten Berg des Burgenlands, und der österreichisch-ungarischen Staatsgrenze, die man hier nur die „tote Grenze“ nennt, kommt niemand durch Zufall an diesen Ort. Man kann sich nicht einmal nach Rechnitz verirren, so weit liegt es von allem weg; es ist der Ort aus Kafkas „Schloss“. Nur wer nach Rechnitz will, macht sich auf den Weg über die einsame, siebzehn Kilometer lange Straße durch das waldige Gebirge - aber es will ja niemand kommen, das ist das Schicksal von Rechnitz.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auch jetzt, da die Marktgemeinde mit ihren dreitausend Einwohnern wieder Thema in Österreich ist, ja sogar das Ausland sie auf der Landkarte entdeckt hat, meidet man den Flecken in der Pannonischen Tiefebene. Die Telefone stehen gleichwohl nicht still. Journalisten aus Wien, Zürich, Hamburg rufen an, beim Bürgermeister, bei der örtlichen Initiative „Refugius“, bei alten Einwohnern, die vielleicht Zeitzeugen sind - oder gar Zeugen jener furchtbaren Nacht zum Palmsonntag 1945, der Rechnitz seine traurige Berühmtheit verdankt. Über das „Ereignis“ steht auf der lokalen Homepage, dass es „dem Ansehen unserer Gemeinde unermesslichen Schaden zufügte“. Was Historiker seit Jahrzehnten beschäftigt, muss man auf der Website vom Ort des Geschehens lange suchen. Denn es steht unter „Tourismus/Sehenswertes“.

          Vergebliche Suche nach dem Massengrab

          Das Ereignis, um das es hier geht, ist die Erschießung von etwa hundertachtzig jüdischen Zwangsarbeitern wenige Tage vor Kriegsende. Die Mörder hatten, dem Untergang entgegentaumelnd, auf dem Rechnitzer Schloss in Anwesenheit von Graf und Gräfin Batthyány ein Fest gefeiert, von wo sie gegen Mitternacht in die Felder zogen und ihre Opfer niedermetzelten. Die Festgäste zählten, so steht es in den Prozessakten aus der Nachkriegszeit, zu den „zuverlässigsten Getreuen des nationalsozialistischen Systems“.

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          Die Juden mussten sich „in der Nacht und der noch immerhin winterlichen Kälte auf einer Wiese nackt ausziehen, zu einem Graben gehen und sich dortselbst niederknien. Dort wurden sie sodann mittels Kopfschüssen getötet.“ Etwa drei Stunden soll das Massaker gedauert haben; danach kehrten die Mörder aufs Schloss zurück, wo man bis in die Morgenstunden weiterfeierte. Wenige Tage später marschieren die Russen in Rechnitz ein, das Schloss geht in Flammen auf, wer kann, flieht in die Höhlen und Wälder des Geschriebensteins.

          Bis heute sucht man vergeblich nach dem Massengrab der Ermordeten. Die israelitische Kultusgemeinde möchte die Toten nach jüdischem Brauch bestatten. Und auch das österreichische Innenministerium schickt immer wieder Bagger, die ihre Schaufeln tief in die Erde rings um den Kreuzstadel graben, eine kreuzförmige Scheunenruine vor den Toren der Gemeinde, wo die Toten vermutet werden. Die Protokolle der Russen, die das Grab im Dezember 1945 gefunden und ausgehoben hatten, ehe sie es wieder zuschütteten, sind unvollständig. Und auch während der Prozesse „Rechnitz I“ und „Rechnitz II“ in den Jahren 1947 und 1948 wurde das Grab noch einmal geöffnet und die Leichen vom Dorfarzt untersucht; seither ist die Stätte der Toten unauffindbar.

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