Home
http://www.faz.net/-gsf-15beo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Reaktionen aus Frankreich In der Kirche lodert das Feuer

 ·  Die Stimmung der französischen Katholiken ist aufgeheizt: Benedikt XVI., dem sie zunächst mit Sympathie begegneten, hat in der Affäre um die Pius-Bruderschaft Vertrauen verloren. Sein gestern bekannt gewordener Brief an die Bischöfe hat wenig zur Beruhigung beigetragen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (10)

„Auf diesen Brief haben sie gewartet, aber sie wussten nicht, ob er je eintreffen würde“: Mit diesen Worten beginnt die konservative Tageszeitung „Le Figaro“ von heute seine ausführliche Berichterstattung über Benedikts Schreiben an die Bischöfe. Die Zeitung schreibt: „Sie sind die Bischöfe, die Priester, die Mönche und Nonnen, die engagierten Laizisten einer Kirche, die durch die 'Affäre Willamson' zutiefst verunsichert wurde“. Aber auch, wie die Zeitung gleich beifügt, durch die Exkommunizierung - in Brasilien - der Mutter eines Mädchens, das nach einer Vergewaltigung abgetrieben hatte.

Der „Figaro“ und andere Zeitungen fassen den Brief zusammen, ohne den vollständigen Wortlaut zu kennen: Erst heute um die Mittagszeit ist die offizielle Sperrfrist gelaufen. Das Unbehagen ist gewaltig. In Frankreich war der intellektuelle Papst sehr beliebt. Und unter den Theologen ist sein Einfluss beträchtlich. Das Land fühlt sich als „ältere Tochter der Kirche“ - „la fille aînée de l'Eglise“. Und Ratzinger hatte ihr bei der Überwindung der Krise nach dem Mai 68 geholfen.

Die Jesuiten artikulieren ihr Unbehagen deutlich

Deutliche Worte spricht der Herausgeber der angesehenen jesuitischen Zeitschrift „Etudes“, Pierre de Charentenay: „Das Unbehagen ist latent und wenig greifbar. Das war bei den großen Krisen, die den französischen Katholizismus erschütterten, ganz anders. Zum Beispiel 1927, als es um die Action Française ging, da wusste man, wofür oder wogegen man war. Heute wissen die Gläubigen nicht wirklich, worum es geht. Williamson? Vatikan II? Geht es um einen radikalen Richtungswechsel? Um ein Kommunikationsproblem? Das Unbehagen wurde umso stärker. Die Menschen sind entmutigt. Ganz zu schweigen von der brasilianischen Affäre, mit der noch eins draufgesetzt wird. Es herrscht ein akuter Erklärungsnotstand.“

Für Michel Dubost, Bischof von Evry-Corbeil-Essonne, hat der Papst die richtigen Antworten gefunden: „Nur selten ist in der Kirche ein derartiges Unbehagen zu spüren. Aber noch seltener gab es darauf ein so deutliche Antwort wie jetzt das Schreiben des Papsts.“ Er hat, so Michel Dubost, das richtige Rezept und Mittel gegen das Unbehagen gefunden.
Doch noch sind die Probleme nicht überwunden, so der Bischof: „Die Distanz zu Rom ist groß geworden“, lässt Dubost verlauten. Und sagt: „Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul II. hatten die Unterstützung der französischen Kirche. Mit Benedikt kam ein Bruch. Viele Menschen hatten den Eindruck, dass er einseitig ist und nur auf die Traditionalisten zugeht. Das war nicht die richtige Analyse, aber sie hat sich durchgesetzt. Der demütige Brief des Papst kann diesen Eindruck widerlegen.“

Viele schämen sich, Katholiken zu sein

In der Kirche lodert das Feuer: das berichten viele treue Katholiken. Und auch die Bischöfe beschönigen nichts. Jean-Michel di Falco, eine große Figur des französischen Katholizismus, Bischof von Gap, ist angesichts der aggressiven Reaktionen vieler Katholiken extrem beunruhigt: „Sie sind schockiert, sie verstehen den Papst nicht mehr. Sie schämen sich, Katholiken zu sein.“

Thierry Scherrer ist einer der jüngsten Bischöfe des Landes (in Laval): Das Unbehagen, beobachtet er, „hat in offenen Zorn umgeschlagen“. In seiner ländlichen Diözese habe die Rehabilitierung der vier von Lefebvre geweihten Bischöfe keine „ideologischen Reaktionen“ und keine „offenen Protestaktionen“ ausgelöst: „Aber die brasilianische Affäre ist absolut schädlich, denn selbst wohlmeinende und treue Katholiken haben mir gesagt, sie seien angewidert.“ Und einer soll dem Bischof auch gesagt haben, dass dies der beste Weg sei, die längst nicht mehr sehr vollen Kirchen „völlig zu leeren“.

Mit der Wiederaufnahme des Negationisten-Bischofs Williamson hat Benedikt den Brandstiftern in der Kirche einen gefährlichen Pakt angeboten. Nur wenige glauben, dass er mit seinem Brief das Feuer in der Kirche wieder löschen kann.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

Jüngste Beiträge

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 4