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Reaktionen auf Döpfners Google-Kritik : Ein Goliath macht sich ganz klein

Google-Kritik in eigener und in allgemeiner Sache: der Springer-Vorstandsvorsitzende Matthias Döpfner Bild: dpa

Matthias Döpfners scharfe Attacke gegen Google sorgt in deutschen und internationalen Medien für Aufsehen. Die Diagnose hält man für richtig, doch es fehlt der Glaube an das selbstlose Motiv. Ein wichtiger Punkt kommt zu kurz.

          In Kalifornien wird Google bereits mit Steinen attackiert, in Deutschland mit offenen Worten. Ist der Suchmaschinengigant eine weltweite Gefahr, die nur durch das Kartellrecht zu stoppen ist? In seinem offenen Brief an den Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte Matthias Döpfner diese Frage vorgelegt und offen seine Angst vor dem kalifornischen Netzmonopolisten eingestanden. In schonungsloser Selbstdiagnose bekannte der  Vorstandsvorsitzende von Axel Springer die totale Abhängigkeit seines Unternehmens von dem technologisch enteilten Netzmonopolisten.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Google, schrieb Döpfner, habe eine Marktdominanz erreicht,  die von den europäischen Behörden mit lächerlichen Maßnahmen nicht einmal eingedämmt, sondern, im Gegenteil, geradezu noch gefördert werde. An der Suchmaschine führt heute kein Weg vorbei, und das lasse das Unternehmen seine zur Kooperation gezwungenen Mitbewerber spüren, wenn es ihre Werbegewinne in existenzbedrohendem Ausmaß abschöpft.

          Wenn das Unternehmen seine derzeitige Expansion in Robotik, Haushaltselektronik und Drohnentechnologie in einer digitalen Suprastruktur zusammenführt, steht in Döpfners Sicht allen bevor, was die Verlagsbranche derzeit erlebt: die totale Abhängigkeit und Kontrolle, gefolgt von massenhafter Enteignung und Ausbeutung. Die Pläne von Larry Page, auf schwimmenden Schiffsinseln am Rechtsstaat vorbei neue Modelle zu durchdenken, deuteten in genau diese Richtung: einen digitalen, totalitären Supra-Staat von Googles Gnaden.

          Die zwei Körper des Kritikers

          Das war Döpfners Diagnose. Seine Rat an Google lautete, lieber rechtzeitig selbst auf Macht zu verzichten, als später zerschlagen zu werden. Döpfners Attacke hat nicht nur in Deutschland, sondern auch in der internationalen Medienlandschaft Aufsehen erregt. Die „New York Times“ schrieb von einem „transatlantischen Wortgefecht“. Der äußerst scharfen Attacke sei Furcht, Wut und Erstaunen abzulesen. Sie wird auch als Zeichen der in Deutschland aus historischen Gründen besonders ausgeprägten Sensibilität für totalitäre Strukturen gewertet.

          In deutschen Medien wird Döpfners Analyse von fast allen Kommentatoren für richtig befunden. Man stört sich allein an der Sprecherrolle. Martin Weigert findet, wie er auf dem Ökonomieblog „Netzwertig“ schreibt, viel Bedenkenswertes. Er hält dem Springer-Mann  jedoch vor, mit seinem Unternehmen selbst keine selbstlosen Ziele zu verfolgen. Es sei nicht an ihm, Google die Wahl der Mittel vorzuwerfen. Döpfner spreche mit zwei Stimmen: der des engagierten und ernsthaft besorgten Publizisten, aber auch mit der des renditegetriebenen Unternehmers. Seine Parteilichkeit räumt Döpfner in dem Artikel im Übrigen selbst ein. Der Technikjournalist Jürgen Kuri resümiert, es sei hier die richtige Frage von falschen Leuten gestellt.

          Auch das Deutschlandradio Kultur stört sich an dem Glaubwürdigkeitsdefizit des Springer-Manns in dieser Causa, findet aber seine Kritik der Gratis-Kultur durchaus einleuchtend. Auf der Hauptversammlung der Springer AG hatte Döpfner den Erfolg von Erlösmodellen jüngst  zur Schicksalsfrage des Journalismus erklärt.

          Die verzerrte Alternative

          Eric Schmidt hatte den Google-Kritikern in der F.A.Z. vorgeworfen, sie riskierten die Verwandlung Europas in eine Innovationswüste und schadeten letztlich dem Netz und der offenen Kommunikation selbst. Döpfner kritisierte wiederum den verkappten Eigennutz dieser Rhetorik. Wenn Google die eigenen Ergebnisse bevorzugt liste, sei das kein Dienst an der offenen Gesellschaft, sondern einzig am eigenen Unternehmenserfolg, und zudem eine krasse Benachteiligung der Konkurrenz. Im Umgang mit den Mitbewerbern sei Googles wahres Gesicht zu erkennen, etwa an den erpresserischen Methoden, mit denen  es sechzig Prozent der Marktanteile  in der Werbung abschöpft. Für seine Branche wie für das eigene Unternehmen bedeute diese „super-marktbeherrschende“ Stellung: Kooperation (zu ungleichen Bedingungen) oder Untergang.

          An dieser Alternativlosigkeitsrhetorik stört sich nun wiederum Jürgen Scharrer, Chefredakteur des Medienmagazins „Horizont“. Scharrer sieht in Springers Entscheidung, seine Werbung über Google zu vermarkten, einen eindeutigen Sündenfall. Es sei gerade nicht die alternativlose Entscheidung, als die Döpfner sie darstellt, sondern ein von Google begeistert aufgegriffenes Signal an die Branche, es Springer gleichzutun oder die Folgen zu tragen. Wenn Döpfner nun massives Eingreifen der Politik fordert, müsse er als Erstes die Zusammenarbeit mit Google beenden.

          Fast alle Kritiker verfehlen den wichtigen Punkt, dass Döpfner nicht nur in verlegerischer Sache spricht, sondern die Verlagsbranche als erstes Opfer einer viel größer angelegten Machtergreifung sieht: Wenn Google über immer mehr Daten verfügt, werden bald auch auch Autobauer oder Banken seine Erpressungspolitik zu spüren bekommen.

          Mit seiner Attacke hat Döpfner seiner Branche in vielen Punkten aus dem Herzen gesprochen und ein Tabu gelöst, ohne dass man ihn deshalb als Vorsprecher akzeptieren und ihm die sich selbst zugewiesene  Rolle des Davids abnehmen würde. Dafür sei Springer selbst zu oft Goliath gewesen und nehme, so die „taz“, auch heute eine marktverzerrende Position ein. Wer sein Unternehmen in einen digitalen Supermarkt verwandelt, darf nicht auf zu viel Mitleid hoffen. An die Stelle von Döpfners Appell an die Politik ruft „Cicero Online“ die Macht der Nutzer auf, Google den Hahn abzudrehen und anderswo zu suchen. Nur mal so nebenbei: Noch sind das neunzig Prozent.

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